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Zur Fachhochschule ohne Lehre : Der lange Weg zum Praktikumsplatz

Handarbeit an Zukunftstechnik: Praktika sind für künftige Mechatroniker nicht immer leicht zu bekommen. Bild: François Klein

Bachelor-Studenten an Fachhochschulen müssen ein Praktikum machen. Ausländische Kommilitonen treffen aber bisweilen auf eine ungeahnte Hürde.

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          Die beiden jungen Kameruner lassen keinen Zweifel an ihrer Absicht, an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Friedberg schnell ihren Ab­schluss zu erhalten. Denn die Studentin der Elektrotechnik und der angehende Mechatronik-Spezialist wollen schnell eines: eine feste Stelle finden und Geld verdienen. An der mehr als 17.000 Auszubildende zählenden Hochschule, deren Standort Friedberg allein 5350 Studierende zählt, fühlen sie sich nach ihren Worten bestens aufgehoben. „Die THM bietet große Möglichkeiten, zu zeigen, was man kann“, sagt etwa Emeran de S-Roger Chuitcheu-Chuigoue.

          Thorsten Winter
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Aber er hat, ebenso wie Dominique Medjoguim, die auch einen Bachelorabschluss anstrebt, nicht mit einer besonderen Hürde gerechnet: Beide haben auf Bewerbungen auf einen Platz für ein Pflichtpraktikum reihenweise Absagen bekommen, wie sie sagen. Der Grund: Anders als viele Studenten aus Deutschland haben die beiden vor dem Studium keine Lehre gemacht. Für beide ist ausgiebiges Klinkenputzen die Folge gewesen.

          Probleme wegen der Aufenthaltsgenehmigung 

          Aus Sicht der hessischen Wirtschaft handelt es sich zwar nicht um einen auffallenden Mangel: „Uns sind keine relevanten Fallzahlen bekannt, in denen Praktika daran gescheitert wären, dass ausländische Studierende keine Lehre vorweisen konnten“, teilte ein Sprecher des Hessischen Industrie- und Handelskammertags mit. Schwierigkeiten, ein Praktikum zu bekommen, lägen vielmehr oft an formalen Dingen, die etwas mit einer Aufenthaltsgenehmigung zu tun hätten, heißt es weiter. Doch der Hochschule selbst sind die entsprechenden Probleme ausländischer Kommilitonen keineswegs fremd: „Uns ist das Thema seit Langem bekannt.“ Leider habe die THM auf diesem Gebiet keine direkte Handhabe: „Eine abgeschlossene Lehre ist schließlich keine Voraussetzung für ein Studium.“ Letztlich liege die Entscheidung, wen Betriebe nach welchen Gesichtspunkten für ein Praktikum auswählen, allein bei den Unternehmen.

          Hilfe von der Hochschule

          Gleichwohl versucht die Hochschule, betroffenen Studenten zu helfen. Bei der Suche nach einem Platz für das Grundpraktikum seien in den einzelnen Fachbereichen die Beauftragten für das Grundpraktikum die ersten Ansprechpersonen. Es gebe dort aber auch die Referenten für die berufspraktische Phase, an die sich Suchende wenden könnten. Zudem setzen sich Dozenten für Studierende ein, indem sie auch selbst zum Telefon greifen und mit Personalverantwortlichen oder Partnern aus gemeinsamen Projekten in Firmen sprechen, wie es weiter heißt. Auch in der Studienberatung selbst kommt das Thema gelegentlich auf, wenn auch die Studienberatung für Praktika eigentlich nicht zuständig ist. Sie verweise auf rund 1000 Kooperationsfirmen. Das International Office versuche, Kompetenzen für eine erfolgreiche Bewerbung aufzubauen. Denn viele Studenten aus dem Ausland wüssten nicht, wie man sich hierzulande bewirbt. „Das gilt sowohl für die Bewerbung um einen Praktikumsplatz, aber auch für einen Studentenjob oder die erste Stelle nach dem Abschluss.“

          „Unsere Praxisreferate beraten sowohl reguläre als auch internationale Studierende, die ein Pflichtpraktikum absolvieren müssen, und unterstützen Interessierte dabei ganz individuell bei Herausforderungen und Problemen“, teilt die Frankfurt University of Applied Sciences mit, an der gut 15.000 junge Menschen studieren. Und laut dem Fachbereich Informatik und Ingenieurwissenschaften fänden die Studenten in diesem Jahr meist sehr schnell und unkompliziert Stellen für ihre Praxisphasen.

          Absagen sind nicht das Ende

          Bei Netzwerktreffen oder internen Karrieremessen könnten die Kommilitonen direkte Kontakte zu Vertretern von Firmen aufnehmen. Und: „Unsere Hochschule hat zudem ein eigenes Jobportal, das auch Ausschreibungen für Praktika bereithält, die keine vorangegangene Ausbildung voraussetzen.“ Die Hochschule hebt hervor, dass viele Praktikumsbetriebe gute Deutschkenntnisse vo­raussetzten. Fehlende Deutschkenntnisse seien in der Regel ein Grund, warum die Bewerber es schwer hätten, einen Praktikumsplatz zu finden. Ihr Fremdsprachenzentrum biete vor diesem Hintergrund spezielle Deutschkurse an.

          Auch die Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden nimmt für sich in Anspruch, Studenten auf Praktikumssuche in vielfältiger Art und Weise zu unterstützen. Ein Sprecher verweist auf ihr Compe­tence & Career Center sowie auf die Kontakte zwischen Hochschullehrern und Un­ternehmen. „Unserem Wissen nach gab es bisher an der Hochschule Rhein-Main niemanden, der keinen Praktikumsplatz gefunden und deshalb nicht abgeschlossen hätte“, heißt es.

          Letzteres wäre allerdings auch der schlimmste denkbare Fall. Und dass eine Absagenflut nicht das Ende bedeuten muss, sondern ein persönliches Gespräch einen positiven Impuls setzen kann, hat Emeran de S-Roger Chuitcheu-Chuigoue nach einer Veranstaltung in der THM erfahren, bei der sich zahlreiche Betriebe den Studenten vorgestellt haben: Danach hatte er „die Qual der Wahl“, bei welchem Unternehmen er sich am besten bewerben sollte.

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