https://www.faz.net/-gzg-88123

Einheitsfeier in Frankfurt : Als die Deutschen locker wurden

Mauerflirt: Fotografie von Barbara Klemm, aufgenommen am 10. November 1989. In der Nacht zuvor war die Grenze durchlässig geworden. Bild: Barbara Klemm

In Frankfurt finden die zentralen Feierlichkeiten 25 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung statt. Parallel dazu gibt es ein umfassendes Kulturprogramm.

          6 Min.

          Beinahe wäre Frankfurt Bundeshauptstadt geworden. Mit dem Bau eines Plenarsaals hatte man schon begonnen, der Goldhalle, die dann umgewidmet und zum Sendesaal des Hessischen Rundfunks wurde. Aber der erste Bundeskanzler der neu gegründeten Republik setzte Bonn als provisorischen Regierungssitz durch, Konrad Adenauer hatte keine Lust, sich allzu weit von seinem Haus und seinen Rosen in Rhöndorf zu entfernen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Also wurde die kleine Stadt am Rhein zur Kapitale der Bundesrepublik Deutschland. Auf diese Weise blieb Frankfurt wenigstens der Trennungsschmerz erspart: Bonn kämpfte nach der Verlagerung der Bundeshauptstadt nach Berlin aufs heftigste mit seinem Bedeutungsverlust. Und leidet noch heute an einer Sinnkrise. Auch diese Episode aus der bundesrepublikanischen Gründerzeit lässt es nur folgerichtig erscheinen, dass die kleine Metropole am Main das Zentrum der Feiern zu einem Vierteljahrhundert deutsche Einheit ist.

          Ungeheure Integrationsleistung über 25 Jahre

          Weitaus schwerer wiegt freilich die historische Tatsache, dass das Paulskirchenparlament 1848 die erste direkt gewählte Volksvertretung aller Deutschen war. Frankfurt und die Paulskirche stehen für die demokratischen Entwicklungen des Landes und das Bestreben nach staatlicher Einigung. Eine Traditionslinie, in der sich auch die freiheitlichen Kräfte in der DDR bewegten, die schließlich mit ihrem friedlichen Protest das Ende des wirtschaftlich ohnehin schon maroden ostdeutschen Staats besiegelten.

          Vieles hat sich seit dem Mauerfall am späten Abend des 9. November 1989, dem raschen Prozess der politischen Vereinigung und dem am 3. Oktober 1990 vollzogenen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik geändert. Manche hatten gewiss unterschätzt, was es heißt, zwei unterschiedliche politische Systeme in einem zusammenzufassen. Im Westen wurden manche Befindlichkeiten der Ostdeutschen mit Überraschung und Unwillen zur Kenntnis gekommen, im Osten kamen viele mit der westdeutschen Mentalität nicht zurecht, bis heute sind Besserwessis und Ostalgie Teile der Vereinigungs-Folklore.

          Dass in den vergangenen 25 Jahren eine ungeheure Integrationsleistung erbracht wurde, bestreitet allerdings kaum jemand. Die Lebensverhältnisse haben sich angeglichen. Doch manchmal wünscht man sich die Freude und Ausgelassenheit, den Enthusiasmus und den Optimismus zurück, der herrschte, als Deutschland wieder zum „einig Vaterland“ wurde und überall die Menschen auf den Straßen und Plätzen feierten. Womöglich wird das Wiedervereinigungs-Fest in Frankfurt dafür sorgen, noch einmal jene Glücksgefühle wachzurufen, die vor 25 Jahren das ganze Land ergriffen hatten.

          Frankfurt : Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit

          Fotos, die zu Geschichtsbildern wurden

          Von Frankfurt aus setzte sich Barbara Klemm immer wieder in Bewegung, um in der DDR zu fotografieren. Dabei entstanden Schwarzweißbilder, die nicht nur Szenen im Osten Deutschlands festhielten, sondern auch Stimmungen. Die Aufnahmen der Fotografin, die im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung loszog, um das gewöhnliche Leben der ostdeutschen Bevölkerung ebenso wie staatliche Großereignisse „drüben“ zu dokumentieren, bilden die Atmosphäre in einem weithin isolierten Land ab, in dem sich die Menschen aber auch ihre Nischen suchten, Winkel, in denen sie individuelle Interessen verfolgen konnten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump beim Spatenstich mit Foxconn-Vertretern

          Foxconn-Fabrik in Wisconsin : Trump und sein „achtes Weltwunder“

          Amerikas Präsident inszeniert sich gerne als Retter der Industrie. Ein einstiges Vorzeigeprojekt mit Foxconn im Rostgürtel droht nun aber zu scheitern. Auf Trumps Wirtschaftspolitik wirft das ein wenig schmeichelhaftes Licht.
          Passanten mit Mund- und Nasenschutz in Berlins Tauentzienstraße

          Auf Cluster schauen : Zeit für einen Strategiewechsel gegen Corona?

          Viele Gesundheitsämter sind immer noch darauf konzentriert, Einzelkontakte nachzuverfolgen. Die Verbandschefin der Ärzte im Öffentlichen Dienst will einen anderen Weg gehen und Infektionscluster in den Blick nehmen.
          Wieder kein Sieg: Kölns Dimitris Limnios kann es nicht fassen.

          1:1 in Stuttgart : Kölner Sieglos-Serie hält

          Der 1. FC Köln gewinnt schon wieder nicht. Beim starken Aufsteiger VfB Stuttgart zeigt das Team von Trainer Markus Gisdol aber immerhin Moral. Nach einem Blitztor der Gastgeber hilft ein Elfmeterpfiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.