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„Verfall der Sitten“ : Leuchtenwerk in Usingen vor endgültigem Aus

Spontaner Protest: Zumtobel-Mitarbeiter am Dienstag in Usingen Bild: Thorsten Winter

Einen Tag vor Ablauf der Frist hat der Leuchtenhersteller Zumtobel die Verkaufsgespräche zu seiner Usinger Fabrik eingestellt. Er zweifelt an der Tragfähigkeit des vom Investor vorgelegten Konzepts. Arbeitnehmervertreter sehen einen Verfall der Sitten.

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          Über viele Wochen haben sie mit dem österreichischen Konzern Zumtobel um die Zukunft der seit Jahrzehnten bestehenden Usinger Leuchtenfabrik gerungen. Sie haben Kundgebungen organisiert, tageweise das Werk lahmgelegt. Vor allem aber haben sie nach einem Interessenten für den Betrieb gesucht, dessen Leuchten ein als „Sahne für die Augen“ gepriesenes Licht aussenden. Und tatsächlich nahm der börsennotierte Konzern im Juli Gespräche mit einem Interessenten aus der Alpenrepublik auf. Der gab sich zuversichtlich, die Fabrik in eine gute Zukunft führen zu können. Nun aber sehen sich Betriebsratschefin Gabriele Sandberg, die Belegschaft und die Vertreter der IG Metall unvermittelt einer schlechten Nachricht gegenüber.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Geschäftsführung der Zumtobel Lighting GmbH Deutschland sieht sich gezwungen, die Gespräche über den Verkauf des Produktionsstandorts Usingen zu beenden“ - der Konzern sei zu „keinem positiven Ergebnis gekommen“, hieß es gestern. Personalleiter Christian Bleiker ergänzte: „Wir gehen fest davon aus, dass es einen Sozialplan geben wird.“ Sandberg spricht angesichts der drohenden Schließung von einem Unding, der erboste Frankfurter IG-Metall-Geschäftsführer Michael Erhardt sogar von einem „unglaublichen Verfall der Sitten“. Erhardt, der die treibende Kraft hinter der Suche nach einem Investor war, hat die Nachricht unvermittelt im Urlaub erreicht.

          Geschäftsführer im Urlaub

          Die Geschäftsleitung von Zumtobel Lighting hat die Belegschaft an diesem Dienstag in einer eilends einberufenen Mitarbeiterversammlung über den unerwarteten Ausgang der Verhandlungen mit dem österreichischen Unternehmer Thomas Lorünser, der vor einigen Jahren schon eine andere Zumtobel-Fabrik übernommen hatte und bis heute weiterführt, informiert. Ein Unternehmenssprecher lobte die Ernsthaftigkeit aller am Prozess beteiligten Vertreter von Zumtobel sowie von Arbeitnehmervertretern und dem Investor. Einzelheiten wollte er aber in einem ebenso kurzfristig angesetzten Pressegespräch in einem Usinger Café nicht nennen, weshalb Zumtobel die Fabrik nicht an Lorünser verkaufen will. Er verwies stattdessen auf eine umfangreiche Übereinkunft, in der sich beide Seiten zur Verschwiegenheit verpflichtet haben.

          In einem Punkt machte er jedoch eine Ausnahme. Während vor dem Café eine Anzahl Beschäftigter um Sandberg für den Erhalt der Stellen der 145 Mitarbeiter demonstrierte, verwies der Sprecher auf „eine Reihe von Punkten, die unternehmens- und arbeitnehmerrelevant sind und offengeblieben“ seien. Im Fall eines Verkaufs an Lorünser hätten diese Punkte die Arbeitnehmer „in unsicheres Fahrwasser gebracht“, sagte er. Als Knackpunkt führte er den Paragraphen 112a Betriebsverfassungsgesetz an. Dieser Vorschrift zufolge müsste der Käufer der Fabrik, der zur Fortführung des Betriebs eine neue Firma gründete, die ersten vier Jahre keinen Sozialplan auflegen, wenn er Beschäftigte entlassen müsste. Zumtobel sei zu der Ansicht gekommen, dass der von Lorünser vorgelegte Businessplan möglicherweise nicht so nachhaltig zu dem Ziel führen würde, das er anstreben solle. Näheres sagte der Sprecher nicht.

          Martin Weiß, zweiter Geschäftsführer der IG Metall Frankfurt und Erhardts Vertreter, merkte aber angesichts dieser Aussagen auf. Und er machte deutlich, die Argumente von Zumtobel nicht gelten zu lassen. Die aus der Vorschrift folgende Unsicherheit wäre aus seiner Sicht leicht zu heilen gewesen: indem das Unternehmen dem Käufer die Zusage abgerungen hätte, im Falle des Falles doch einen Sozialplan aufzulegen - oder indem Zumtobel sich selbst verpflichtet hätte, das Geld dafür bereitzuhalten. Schließlich muss der Eigentümer für einen Sozialplan ohnehin zahlen, wenn er die Fabrik im Hintertaunus, wie von den Arbeitnehmervertretern befürchtet, schließen wird.

          Ob Zumtobel eine dieser Optionen erwogen hat, ließ der Sprecher offen. Er fragte zudem: „Muss eine geordnete Schließung durch einen solventen Partner das Schlechteste sein?“ Nun aber wird erst einmal die Einigungsstelle angerufen, der ein Arbeitsrichter aus Hamburg vorstehen wird. Darauf hatten sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter für den Fall geeinigt, dass die Verkaufsgespräche bis 31. August zu keinem positiven Ergebnis führen. Die Runde soll den Sozialplan nebst Interessenausgleich aushandeln. Zumtobel behält sich laut Sprecher vor, gleichzeitig weitere Möglichkeiten zur Fortführung des Betriebs auszuloten. „Wir wollen aber keine falschen Erwartungen wecken.“

          Gespräche über die Verwertung des Fabrikgeländes gebe es noch nicht. Wann in Usingen die Leuchten ausgehen, muss ebenfalls vor der Einigungsstelle geklärt werden. Zu dieser Einigung solle es schnell kommen, sagte der Sprecher - Geschäftsführer Christian Ranacher weilt im Urlaub und hat auch nicht an der Mitarbeiterversammlung teilgenommen.

          IG-Metall-Sekretär Erhardt hält die Gründe für den Abbruch der Gespräche für vorgeschoben. Er vermutet, Zumtobel wolle keine unliebsame Konkurrenz. „Das soll auf Kosten der Belegschaft gelöst werden“, das sei zutiefst unmoralisch, meinte er und kündigte an: „Nun wird es richtig teuer für Zumtobel.“ Schließlich bemisst sich das Geld, das Mitarbeiter aus dem Sozialplan erhalten, auch an der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Und viele Mitarbeiter sind schon seit Jahrzehnten an Bord.

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