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Welt-Aids-Tag : „Sex gab es noch nie ohne Risiko“

Vielfalt verteidigen: Durch das Anstecken der roten Schleife drücken am Welt-Aids-Tag wieder viele Menschen ihre Solidarität mit den Betroffenen aus. Bild: Frank Röth

Die Zahl der HIV-Infektionen sinkt, doch die Aufklärer stehen vor neuen Herausforderungen. Wie vertragen sich Online-Dating und Präventionsmedikamente für Hochrisikogruppen?

          Neue Medikamente könnten dafür verantwortlich sein, dass die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Hessen abermals gesunken ist. Die Präparate bieten Schutz – auch ohne dass ein Kondom genutzt werden muss. 210 Menschen haben sich 2017 in Hessen mit dem HI-Virus infiziert, 47 weniger als noch im Jahr 2016. Das geht aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts hervor.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Carsten Gehring, Leiter des Fachbereichs Psychosoziales der Aidshilfe Frankfurt, könnte sich angesichts dieser Zahlen freuen. Ihm macht aber eine andere Entwicklung Sorge. Durch Dating-Apps ist es für Männer und Frauen wesentlich einfacher geworden, neue Partner kennenzulernen. Manche suchen eine feste Beziehung, viele nur ein schnelles sexuelles Abenteuer. Und nicht immer nehme man es dabei mit dem Schutz vor übertragbaren Krankheiten so genau, meint Gehring.

          Online-Dating erschwert Prävention

          Um einen potentiellen Sexpartner zu finden, reichen heutzutage ein paar Klicks im Internet. Sex scheint immer und überall verfügbar. Die Absprachen sind unverbindlich, die erste Kontaktaufnahme ist unkompliziert. „Aber Sex gab es noch nie ohne Risiko“, warnt Gehring. Darüber aufzuklären, das sei die Aufgabe der Aidshilfe. Seit Frauen und Männer, egal, ob nun homo-, bi- oder heterosexuell, nicht einmal mehr die eigene Wohnung verlassen müssten, um neue Sexpartner kennenzulernen, sei es komplizierter geworden, die Menschen mit Aufklärungskampagnen zu erreichen.

          Gehring nennt als Beispiel die Frankfurter Schwulenszene, die sich laut seiner Beobachtung in den vergangenen Jahren stark verändert hat. Denn um Kontakte zu knüpfen, seien die Szenebars nicht mehr die einzige Anlaufstelle. Das Kennenlernen habe sich auf Dating-Plattformen verlagert. „Außerdem kann man sich mit seinem Partner mittlerweile überall zeigen. Die Bars braucht es nicht mehr so sehr wie früher als den einen Ort, an dem man so sein kann, wie man ist.“

          Da Männer, die mit Männern Sex haben, die größte Risikogruppe bilden, suchen die Mitarbeiter der Aidshilfe Frankfurt auch außerhalb der Szenebars offensiv den Kontakt zu dieser Gruppe. Die Aufklärungsarbeit wird direkt auf die Dating-Plattformen verlagert, manchmal aber auch in die Saunaclubs, die häufig als Treffpunkt für Sexabenteuer dienen. „Aber die Angesprochenen sind oft präventionsmüde. Sie wollen nicht mehr die Predigt von Kondomen hören“, hat Gehring beobachtet. Deshalb sei es umso wichtiger, über andere Möglichkeiten zum Schutz vor Neuinfektionen aufzuklären.

          Weniger Neuinfektionen

          Eine davon ist die Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz Prep. Bei dieser nehmen HIV-negative Menschen ein Medikament vorbeugend ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. In London sei nach der Einführung des Mittels die Anzahl der HIV-Neuinfektionen um knapp 40 Prozent zurückgegangen. „Ähnliches erwarten wir hier auch“, sagt Gehring. Schon jetzt nutzten etwa 500 Menschen im Rhein-Main-Gebiet diese Möglichkeit der Vorbeugung. Und das, obwohl sie die Kosten des verschreibungspflichtigen Medikaments von 40 bis 60 Euro noch selbst tragen müssen. Nach einem Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sollen Menschen mit einem erhöhten Infektionsrisiko das Medikament künftig von den Krankenkassen bezahlt bekommen.

          Zu dieser Gruppe könnten dann auch Drogenabhängige gehören. Denn in Hessen ist die Zahl von HIV-Neuinfektionen in Verbindung mit Drogengebrauch im Jahr 2017 von zuletzt drei auf 25 gestiegen. Erklären kann Gehring diesen Anstieg nicht. „Wir müssen uns auf Spurensuche begeben.“

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          Etwa 5200 Menschen leben derzeit in Hessen mit einer diagnostizierten HIV-Infektion. Die Dunkelziffer derer, die infiziert sind, es aber noch nicht wissen, liegt laut Schätzung des Robert-Koch-Instituts bei knapp 1000. Von den 210 neu Infizierten in Hessen stellen homosexuelle Männer allein 130. Genaue Zahlen für Frankfurt liegen im Gegensatz zu den Vorjahren nicht vor. Grund hierfür ist eine Umstellung der Datenbank, wie eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts sagte.

          Hemmschwelle abbauen

          In diesem Jahr haben schon mehr als 2500 Menschen das Angebot der Aidshilfe Frankfurt angenommen, einen anonymen HIV-Test vornehmen und sich dabei beraten zu lassen. Viele kämen aus Angst, sich in einer konkreten Situation nicht ausreichend geschützt zu haben, so Gehring. Oft beobachte er, dass Menschen aber besonders dann, wenn sie ein positives Ergebnis befürchteten, den HIV-Test vor sich herschöben. Manch einer lebe mit der Angst seit Jahren. Und das, obwohl ein frühes Erkennen der Infektion den Therapieerfolg stark verbessern kann.

          Um die Hemmschwelle für Menschen abzubauen, die die Testsituation aus Angst, zu viel über ihr Sexualleben preisgeben zu müssen, meiden, bieten die Aidshilfe Frankfurt, einige Apotheken und auch Drogeriemärkte HIV-Selbsttests für zu Hause an. Ein Tropfen Blut genügt, um nur wenige Minuten später Gewissheit zu haben. Die Aidshilfe gibt diese Tests aber nur in Kombination mit einem Beratungsgespräch heraus, in dem psychologische und medizinische Hilfe angeboten wird. „So eine HIV-Diagnose ist ein einschneidendes Ereignis. Es ist eine chronische Krankheit, die nicht verharmlost werden darf“, sagt Gehring. Allein im vergangenen Jahr sind 55 Menschen in Hessen an den Folgen der Infektion gestorben.

          Heute wird aus Anlass des Welt-Aids-Tages von 16 Uhr an in der Frankfurter Katharinenkirche ein ökumenischer Gedenkgottesdienst gefeiert. Ein Festprogramm schließt sich an.

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