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Umgang mit frechem Federvieh : Gans große Ratlosigkeit

Auch in Essen kämpft die Stadt mit Kanadagänsen. Bis heute sei ihnen nicht klar, woher die Tiere vor drei Jahren plötzlich gekommen seien, sagt Eckhard Spengler vom Grünflächenamt, das auch für den eintrittspflichtigen Grugapark verantwortlich ist. Vorher habe es ein bis zwei Gänse in den städtischen Essener Parks gegeben, dann hätten sich plötzlich bis zu 200 Gänse im Grugapark getummelt. „Wissen Sie, dass die 160 bis 170 Mal am Tag Kot ausscheiden und dass der jeweils sechs Zentimeter lang ist?“ Spengler kann eindrücklich schildern, wie die Mitarbeiter mit Saugern und Bürsten versucht haben, die enormen Mengen an Kot aufzusammeln. Erst ein massiv durchgesetztes Fütterungsverbot habe ein wenig Wirkung gezeigt. Dennoch müssten insbesondere im Grugapark statt zweimal jetzt viermal in der Woche Wege und vor allem auch die Stege am Wasser gereinigt werden.

Als Spengler in seiner größten Verzweiflung öffentlich äußerte, zur Not müsse man vielleicht auch mal schießen, erhielt er Morddrohungen und erlebte einen Shitstorm in den sozialen Medien, wie er ihn nicht für möglich gehalten hätte. Seitdem versucht die Stadt Essen jede Art der Vergrämung in den Parks auszuprobieren. „Die Gänse dürfen keine Wohlfühlgebiete finden.“ Eine Spezialistin hat der Stadt empfohlen, alle Wasserflächen zuzuschütten. Ein anderer Tipp ist, proteinarmen Rasen zu pflanzen, den Gänse nicht mögen. Und noch einen Ratschlag hat sich Spengler gemerkt, nämlich „Duldungsflächen“ zu schaffen, auf die sich Gänse zurückziehen können. Für ihn steht fest: „Die eine zentrale Lösung, die gibt es nicht.“

Habichtschreigeräte inklusive

In Koblenz hat man Flatterbänder gespannt, Drohnen eingesetzt, Adler- und Habichtschreigeräte mit Bewegungsmeldern in Gebrauch genommen. Doch die Nil- und Kanadagänse haben sich bisher nicht vertreiben lassen. Es habe noch nie so viele Wildtiere in der Stadt gegeben wie im Augenblick, sagt Dieter Kronenberg von der Stadt Koblenz, gleichgültig ob Gänse, Wildschweine oder auch Nutrias. Ein wenig macht er den Klimawandel für die Entwicklung verantwortlich. Kronenberg ist überzeugt: „Wenn wir den Artenreichtum erhalten wollen, dann müssen wir die Gänse scharf bejagen.“ Der Mensch müsse die Rolle des natürlichen Feindes übernehmen.

Er hält deshalb die Idee des Frankfurter Jägers Seidemann, im Brentanobad auf Gänsejagd zu gehen, „für nicht schlecht“. Denn auch in Koblenz fürchtet man, dass der Tag kommen wird, an dem das einzige Freibad der Stadt, das Freibad Oberwerth, das unmittelbar am Rhein liegt, aus hygienischen Gründen geschlossen werden muss.

„Wir haben nichts gegen die Jagd“, sagt Dagmar Stiefel, Leiterin der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, die ihren Sitz in Frankfurt hat. Sie glaube aber, dass es für die Städte längst zu spät sei, um noch grundlegend eingreifen zu können. „Das hätten wir vor 20 Jahren machen sollen.“ Damals habe es nur vereinzelt Nil- und Kanadagänse gegeben. Heute, wo es allein im Frankfurter Ostpark mehr als 300 Gänse gibt – 150 Exemplare allein von der heimischen Graugans, weitere 100 Kanadagänse und noch einmal 70 Nilgänse – kann es nach Ansicht von Stiefel nicht mehr gelingen, alle Tiere abzuschießen. „Wir werden die invasiven Arten wie Nil- und Kanadagänse, aber auch Waschbären nicht mehr los. Wir müssen mit ihnen klarkommen.“

Sichtbarrieren als Leitplanken

Sichtbarrieren als Leitplanken Knapp einen Meter hoch und 450 Meter lang ist der Sichtschutzzaun, der im Frankfurter Ostpark aufgestellt wurde, um möglichst viele Gänse von der großen Wiese fernzuhalten. Vor einem Monat hat das Grünflächenamt den Zaun in Abstimmung mit der Staatlichen Vogelschutzwarte vor dem Weiher installiert und will drei Monate lang schauen, ob die Barriere Wirkung zeigt. Geplant ist, dass die Gänse auf eine Wiese östlich des Weihers, in Richtung der Sportanlagen ausweichen. Ein freier Mitarbeiter der Vogelschutzwarte ist beauftragt worden, regelmäßig nachzusehen, wie sich die rund 300 Gänse verhalten, die derzeit im Park leben: darunter 140 Graugänse, etwa 100 Kanada- und zirka 70 Nilgänse. Viermal ist der Zaun im vergangenen Monat von Parkbesuchern bereits umgetreten worden. In der nächsten Woche wird das Grünflächenamt die Sichtbarriere nun mit Erdnägeln fester im Boden verankern. Der Zaun allein kostete für die drei Monate 5000 Euro, die Erdnägel schlagen mit weiteren 1300 Euro zu Buche. „Die ersten Kanadagänse bleiben mit ihren Jungvögeln bereits auf dem Weiher und suchen die angrenzende Wiese in Richtung der Sportplätze auf“, sagt Dagmar Stiefel, Leiterin der Staatlichen Vogelschutzwarte. Ob sich diesem Verhalten die in Frankfurt besonders verhassten Nilgänse anschließen werden, weiß die Biologin allerdings nicht. „Gebt uns und den Tieren doch ein wenig Zeit“, sagt sie und reagiert damit auf die scharfe Kritik vieler an dem Zaun. Sie halte es für unabdingbar, ein Gesamtkonzept für die Gänse zu verfolgen, und sei froh, dass sich die Stadt darauf einlasse, auch wenn das Konzept „einen experimentellen Teil“ habe. Statt zum Totalabschuss aller Gänse, der „schlimmsten aller Maßnahmen“, rät Stiefel zu Gelassenheit. An einem bayerischen See habe man mit Sichtbarrieren große Erfolge erzielt. Warum, so die Vogelschützerin, sollte das in Hessen nicht auch funktionieren? mch.

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