https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/zukunftsforscher-im-gespraech-ueber-klima-aktivistin-greta-thunberg-16388844.html

Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

Matthias Horx ist ein Zukunftsforscher: Der Unternehmer spricht über die Symbolkraft von Greta Thunberg. Bild: dpa

Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.

          3 Min.

          Herr Horx, Sie sagen, dass immer wenn eine Entwicklung reif ist, eine symbolische Figur entsteht. Warum ist das so?

          Alexandra Dehe
          Redakteurin der digitalen Ausgabe der F.A.Z.

          Symbolische Figuren entstehen nicht ohne Hintergrund, sondern werden immer von einer Tiefenströmung in der Gesellschaft geformt. Sie werden zu Führungsfiguren für bestimmte Ideen, weil sie in einem bestimmten Moment den Zeitgeist verkörpern. Greta Thunberg hat einen Umkippunkt berührt, an dem sich die gesellschaftlichen Ängste auf ein neues Thema gerichtet haben. Vor ihr wurde jahrelang fast nur noch über Ausländerproblematik diskutiert. Inzwischen hat sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung auf Ökologie und Klimapolitik verschoben. Es geht darum, mit der richtigen Eigenschaft in der richtigen Zeit zu leben.

          Was für eine Eigenschaft meine Sie?

          Hypersensibilität und die Fähigkeit, emotionale Nähe zu einem Thema radikal auszudrücken. Diese Figuren finden sich oft jenseits des normalen psychologischen Spektrums. Sie leiden unter einer Überempfindlichkeit, die sie zu Trägern von Zukunfts-Botschaften macht. Sie überschreiten Grenzen, indem sie der Gesellschaft eine neue Botschaft mitgeben, die in dieser Deutlichkeit und Klarheit noch nicht gehört wurde.

          Sie sagen, Greta Thunberg sei kein neues Phänomen. Was für symbolische Charaktere hat es bereits vor ihr gegeben?

          Eine Menge. Denken Sie nur an Albert Einstein. Vor ihm hat sich in der breiten Gesellschaft so gut wie niemand ernsthaft für Physik interessiert. Einstein galt als exzentrischer Spinner und war nahezu unbekannt. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es vom Funk, übers Telefon bis hin zum Auto eine Reihe von neuen Erfindungen, die in der Gesellschaft für einen Durchbruch des physikalischen Denkens geführt haben. Man hat sich plötzlich für Naturwissenschaften interessiert. Erst dadurch wurde Einstein zur Ikone – einer besonders erfolgreichen symbolischen Figur, die zugleich den Typus des "weisen Wissenschaftlers" verkörperte.

          Wer fällt Ihnen noch ein?

          Bob Marley. Der hat den Sound der Dritten Welt-Rebellion auf den Punkt gebracht – schleppende Beats der Verweigerung, der melancholischen Coolness. Lenin oder Jeanne d’Arc kann man hier auch erwähnen. Aber auch Winston Churchill, der war ein hochsensibler Mensch, nah an der Depression, hatte gleichzeitig aber auch eine enorme Unbeugsamkeit, die ihn zu jener ikonografischen Figur mit Zigarre werden ließ, die „den Krieg gewann". Boris Johnson hat sogar eine Biografie über ihn geschrieben und möchte ihm nacheifern. Aber das funktioniert nicht, man kann Ikonen nicht kopieren, sie sind immer einmalig.

          Wer wird nach Greta Thunberg die neue symbolische Figur unserer Zeit?

          Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben, dafür ist sie zu einmalig. Aber ich gehe davon aus, dass die ökologische Frage ein riesiges Thema ist, das uns auch noch die nächsten 20, 30 Jahre beschäftigen wird – der Greta-Hype ist ein Initiationsritus für einen gewaltigen Wandlungsprozess. Sie selbst wird vielleicht schon in ein oder zwei Jahren von der Bühne verschwunden sein. Aber der Greta-Mythos liegt viel tiefer und berührt die menschliche Wahrnehmung auf einer unbewussten Ebene. Sie war und ist zuständig für die emotionale Aktualisierung des Problems. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu signalisieren: „Nehmt die Lage ernst und verändert euer Denken“. In der nächsten Stufe wird es sicher jemanden geben, der uns eher die Lösungen nahebringt.

          Wie könnte das aussehen?

          Das könnte zum Beispiel jemand sein, der einen riesigen ökologischen Konzern aufbaut und dadurch zur nächsten Symbolfigur wird. Ein Elon Musk zum Beispiel, wenn er es schaffen sollte, die ersten Automobile mit nachhaltigen Batterien für eine Reichweite von 1000 Kilometern auf den Markt zu bringen.

          Öffnen
          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Was kostet ein reines Öko-Gewissen? Bild: F.A.Z., dpa

          Braucht es in dem Fall also zwei symbolische Figuren für einen gesellschaftlichen Durchbruch? Eine, die die Emotionen der Menschen berührt und eine, die Lösungen auf den Weg bringt?

          Ja, wobei die emotionale Figur die stärkere ist, weil das die Menschen mehr beeinflusst. Aber dafür muss der gesellschaftliche Druck noch mehr steigen. Ich gehe auch davon aus, dass es so eine Figur in China geben wird, wenn die Proteste in Hongkong so weitergehen und der Druck in der Gesellschaft weiter steigt. Ein neuer Konfuzius quasi, oder ein moderner Mao. Sicher ist, dass das chinesische System unter den gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen einer modernen Wirtschaft auf Dauer nicht so bleiben wird wie es heute ist.

          Weitere Themen

          Wann wird der Frieden kommen?

          Ukraine-Protokolle : Wann wird der Frieden kommen?

          Müde, aber geeint: Seit Kriegsbeginn lassen wir uns von vier Ukrainern berichten, was ihnen widerfährt – und wie sich ihr Leben verändert hat.

          Topmeldungen

          Mit Kinderwagen zum Machterhalt? Ministerpräsident Wüst spazierte am Sonntag mit Ehefrau und Tochter zur Stimmabgabe in Rhede.

          Landtagswahl NRW : Wüst auf Partnersuche

          Am Ende gelingt es Hendrik Wüst und seiner CDU deutlich vor dem Herausforderer Thomas Kutschaty und der SPD zu liegen. Nur die Fortsetzung der Koalition mit der FDP ist nicht möglich.
          Eine Frau dreht an einem Heizungsthermostat. (Symbolbild) 10:30

          F.A.Z. Frühdenker : Welche Heizung steht in Ihrem Keller?

          Die CDU und die Grünen sind die Gewinner der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, nach Finnland will auch Schweden sich um eine Mitgliedschaft in der NATO bewerben und heute beginnt die Volkszählung in Deutschland. Der F.A.Z. Newsletter.

          Georgien fürchtet Russland : Das nächste Land in Putins Schusslinie?

          Jetzt, wo deutsche Intellektuelle meinen, dass sich die Ukrainer nur mit leichten Waffen verteidigen sollen, muss ein weiteres Land fürchten, von der russischen Armee angegriffen zu werden: Georgien. Ein Lagebericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Frankfurt Jobs
          Jobs in Frankfurt finden
          Immobilienmarkt
          Immobilien kaufen, mieten und anbieten
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis