https://www.faz.net/-gzg-9r9po

Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

  • -Aktualisiert am

Matthias Horx ist ein Zukunftsforscher: Der Unternehmer spricht über die Symbolkraft von Greta Thunberg. Bild: dpa

Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.

          3 Min.

          Herr Horx, Sie sagen, dass immer wenn eine Entwicklung reif ist, eine symbolische Figur entsteht. Warum ist das so?

          Symbolische Figuren entstehen nicht ohne Hintergrund, sondern werden immer von einer Tiefenströmung in der Gesellschaft geformt. Sie werden zu Führungsfiguren für bestimmte Ideen, weil sie in einem bestimmten Moment den Zeitgeist verkörpern. Greta Thunberg hat einen Umkippunkt berührt, an dem sich die gesellschaftlichen Ängste auf ein neues Thema gerichtet haben. Vor ihr wurde jahrelang fast nur noch über Ausländerproblematik diskutiert. Inzwischen hat sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung auf Ökologie und Klimapolitik verschoben. Es geht darum, mit der richtigen Eigenschaft in der richtigen Zeit zu leben.

          Was für eine Eigenschaft meine Sie?

          Hypersensibilität und die Fähigkeit, emotionale Nähe zu einem Thema radikal auszudrücken. Diese Figuren finden sich oft jenseits des normalen psychologischen Spektrums. Sie leiden unter einer Überempfindlichkeit, die sie zu Trägern von Zukunfts-Botschaften macht. Sie überschreiten Grenzen, indem sie der Gesellschaft eine neue Botschaft mitgeben, die in dieser Deutlichkeit und Klarheit noch nicht gehört wurde.

          Sie sagen, Greta Thunberg sei kein neues Phänomen. Was für symbolische Charaktere hat es bereits vor ihr gegeben?

          Eine Menge. Denken Sie nur an Albert Einstein. Vor ihm hat sich in der breiten Gesellschaft so gut wie niemand ernsthaft für Physik interessiert. Einstein galt als exzentrischer Spinner und war nahezu unbekannt. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es vom Funk, übers Telefon bis hin zum Auto eine Reihe von neuen Erfindungen, die in der Gesellschaft für einen Durchbruch des physikalischen Denkens geführt haben. Man hat sich plötzlich für Naturwissenschaften interessiert. Erst dadurch wurde Einstein zur Ikone – einer besonders erfolgreichen symbolischen Figur, die zugleich den Typus des "weisen Wissenschaftlers" verkörperte.

          Wer fällt Ihnen noch ein?

          Bob Marley. Der hat den Sound der Dritten Welt-Rebellion auf den Punkt gebracht – schleppende Beats der Verweigerung, der melancholischen Coolness. Lenin oder Jeanne d’Arc kann man hier auch erwähnen. Aber auch Winston Churchill, der war ein hochsensibler Mensch, nah an der Depression, hatte gleichzeitig aber auch eine enorme Unbeugsamkeit, die ihn zu jener ikonografischen Figur mit Zigarre werden ließ, die „den Krieg gewann". Boris Johnson hat sogar eine Biografie über ihn geschrieben und möchte ihm nacheifern. Aber das funktioniert nicht, man kann Ikonen nicht kopieren, sie sind immer einmalig.

          Wer wird nach Greta Thunberg die neue symbolische Figur unserer Zeit?

          Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben, dafür ist sie zu einmalig. Aber ich gehe davon aus, dass die ökologische Frage ein riesiges Thema ist, das uns auch noch die nächsten 20, 30 Jahre beschäftigen wird – der Greta-Hype ist ein Initiationsritus für einen gewaltigen Wandlungsprozess. Sie selbst wird vielleicht schon in ein oder zwei Jahren von der Bühne verschwunden sein. Aber der Greta-Mythos liegt viel tiefer und berührt die menschliche Wahrnehmung auf einer unbewussten Ebene. Sie war und ist zuständig für die emotionale Aktualisierung des Problems. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu signalisieren: „Nehmt die Lage ernst und verändert euer Denken“. In der nächsten Stufe wird es sicher jemanden geben, der uns eher die Lösungen nahebringt.

          Wie könnte das aussehen?

          Das könnte zum Beispiel jemand sein, der einen riesigen ökologischen Konzern aufbaut und dadurch zur nächsten Symbolfigur wird. Ein Elon Musk zum Beispiel, wenn er es schaffen sollte, die ersten Automobile mit nachhaltigen Batterien für eine Reichweite von 1000 Kilometern auf den Markt zu bringen.

          Öffnen

          Braucht es in dem Fall also zwei symbolische Figuren für einen gesellschaftlichen Durchbruch? Eine, die die Emotionen der Menschen berührt und eine, die Lösungen auf den Weg bringt?

          Ja, wobei die emotionale Figur die stärkere ist, weil das die Menschen mehr beeinflusst. Aber dafür muss der gesellschaftliche Druck noch mehr steigen. Ich gehe auch davon aus, dass es so eine Figur in China geben wird, wenn die Proteste in Hongkong so weitergehen und der Druck in der Gesellschaft weiter steigt. Ein neuer Konfuzius quasi, oder ein moderner Mao. Sicher ist, dass das chinesische System unter den gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen einer modernen Wirtschaft auf Dauer nicht so bleiben wird wie es heute ist.

          Weitere Themen

          „Was ist Brexit?“

          Google-Ranking : „Was ist Brexit?“

          Wissen Sie, was Kappa ist oder wer nochmal Evelyn Burdecki war? Das Google-Ranking offenbart so einiges darüber, was die Leute dieses Jahr bewegt hat.

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Europa League im Liveticker : 2:1 – Frankfurt dreht das Spiel

          Guimarães geht gegen die Eintracht mit einem umstrittenen Tor in Führung, dann aber profitieren die Frankfurter erst von einem Patzer, ehe sie ein zweites Mal treffen. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.
          Das nächste „große Ding“? Auch IBM forscht im Bundesstaat New York an Quantencomputern.

          Bahnbrechende Technologie : Im Quantenfieber

          Unternehmen treiben die Quantentechnologie voran – nicht nur mit Computern, die Unglaubliches leisten. Thales aus Frankreich will Vorreiter sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.