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Zukunft der Städtischen Bühnen : Es gibt nur einen Theaterplatz

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Wo die Gedanken frei sind: Teil der Theaterdoppelanlage Bild: Frank Röth

Die Frankfurter Grünen haben ein Positionspapier zur Zukunft der Städtischen Bühnen verfasst. Wir zeigen einen kleinen Auszug.

          3 Min.

          Nein, die Busse voller Chinesen, Japaner und Koreaner halten nicht am Theaterplatz. Kein Aussteigen mit staunenden Blicken wie an der Semper-Oper, am Grünen Hügel vor dem Festspielhaus Bayreuth oder an der Staatsoper Unter den Linden. Die Busse rauschen an den Städtischen Bühnen vorbei bis zur Altstadt, das Haus mit dem sperrigen Namen Theaterdoppelanlage gehört nicht zu den am meisten fotografierten Sehenswürdigkeiten Frankfurts.

          Und doch: Es gibt diesen Ort in Frankfurt, der das Leben von Generationen geprägt hat. Hier führte Harry Buckwitz gegen großen Protest im Nachkriegsdeutschland zum ersten Mal wieder Brecht auf, hier fanden die wilden Jahre der Mitbestimmungskämpfe statt, wurde versucht, Theater neu zu denken. Die Medea von Neuenfels setzte international Zeichen für eine andere Annäherung an die historischen Frauenfiguren der Bühne – nebst Doggen im Publikum.

          Die Ära Gielen öffnete einem jungen Publikum die Ohren für Nono, Zimmermann und die Neue Musik, und seine radikale Aida führte zum Klassenkampf zwischen Parkett und drittem Rang. Und William Forsythe revolutionierte in Frankfurt das Tanztheater. Es gab hier die schmerzhafte und tiefe Wunden hinterlassende Debatte um die Stadt, den Müll und den Tod. Und es gibt die anscheinend zeitlose Zeit unter Bernd Loebe, der dauerhaft die Oper des Jahres nun schon seit Spielzeiten unter den führenden Häusern weltweit hält. (...)

          Große Lösung am Theaterplatz

          Wir glauben nicht, dass eine Lösung an zwei Standorten billiger ist als eine Lösung an einem Standort. Weder im Bau noch später in Betrieb, Administration und Zusammenwirken der Gewerke – erst recht nicht bei zwei getrennten Werkstätten – und auch nicht in der verkehrlichen Infrastruktur. Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Neubau mit Erschließung, Verkehrsanbindung, Tiefgaragen, Platzgestaltung im Industriegebiet oder gar an einem Filetstück im Bankenviertel wirklich günstiger wird als eine große Lösung am Theaterplatz. Alle Erfahrungen sprechen dagegen. (...)

          Aber unser Eindruck ist, dass es bei einer Freiräumung des Theaterplatzes eigentlich weniger um Kostenersparnis geht, sondern darum, die Fläche für ein zweites Degussa-Areal frei zu räumen, auf welches die Immobilienbranche schon lange mehr als ein Auge geworfen hat. Und weiterhin um ein neues Haus mit einem sogenannten Bilbao-Effekt. Doch erstens sind die Zeiten dieser Art von Prestige-Bauten vielleicht vorbei, und zweitens liegt Bilbao schon gar nicht bei Raab Karcher. (...)

          Zeit für eine Entscheidung

          Die Zeit ist reif für eine Entscheidung. Also lassen wir uns diesen mühsamen Prüfmarathon um einen neuen Standort endlich beenden. Die Zeit ist reif für eine mutige politische Entscheidung – und teuer wird es sowieso. Hier oder da. Die Ehrlichkeit gebietet, jetzt offen zu sagen, dass jede Lösung an jedem Standort uns letztlich weit mehr als eine halbe Milliarde kosten wird, bei der Baupreisentwicklung wohl sogar deutlich mehr. Die Risiken von Neubau oder Sanierung, das zeigen vergleichbare Projekte anderswo, sind ziemlich gleich verteilt.

          Und deshalb unsere Antwort auf die vier entscheidenden Fragen:

          1. Ist uns das Theater das wert? Wir sagen ja, als Kulturnation müssen wir uns einfach in die Tradition von Goethe, Schiller, Wagner und Weber stellen. Parsifal, Freischütz, Faust und Don Carlos gehören auch künftig auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Und die „zeitgenössischen Klassiker“ wie Peter Brook, Yasmina Reza, Sarah Kane oder von Schirach haben in Frankfurt immer ihre Bühne gehabt und sollen sie auch künftig haben. (...)

          2. Was für ein Theater brauchen wir? Diese Debatte ist zwingender, als sich der Chimäre des neuen und idealen Standorts hinzugeben. Konzentrieren wir uns – jetzt gerade, gerade jetzt – auf das „Kerngeschäft“ von Komödie, Tragödie, Oper und Tanz. Ist vielleicht Theater – wenn überhaupt – nur in seiner Tradition als städtische Anstalt, als Stadttheater zu retten? Braucht es Stadttheater als Gegengewicht oder doch eher als ein „Sicheinlassen“ auf das, was an kreativer Selbstverwirklichung in der digitalen Welt stattfindet?

          Und wenn wir dann – und nicht nur gedanklich, sondern ganz konkret bei der räumlichen Konzeption eines neuen Hauses – den Bühnenrahmen sprengen, was bleibt übrig vom Zauber der Theaterwelt? Guckkastenästhetik oder Mehrzweckhalle, ist das wirklich die Alternative? Auflösung von Bühne und Zuschauerraum als ewiges Mitmachtheater und Performance vom Vorschulalter bis zur Rente? All diese Fragen sind dringender als eine sinnlose Standortsuche und auch als die Überbrückung von zwei oder drei Interimsspielzeiten. Lasst uns diese Diskussion hier in Frankfurt führen. (...)

          Theater im Herzen der Stadt

          3. Wo gehört das Theater hin? Wir sagen: ins Herz der Stadt. Genau zwischen Alt-Frankfurt, dem Schmelztiegel Bahnhofsviertel und dem Bankenstandort. Da gehört es hin, da muss es wirken. Genau dort – mit seiner demokratischen und kulturellen Öffnung in die Stadt. (...)

          4. Und wie soll es aussehen, das neue Haus? Lassen wir uns nicht in der Phantasie einengen. Wenn die Sanierung des Hauses, für dessen Erhalt es viele Gründe gäbe, also zu komplex und fachlich nicht darstellbar ist, dann lasst uns neu bauen – entweder wieder als Doppelanlage oder als zwei getrennte Häuser – am Theaterplatz. (...)

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