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Frankfurt : Und jährlich grüßt der Hortplatzmangel

Jetzt geht‘s rund: Nach den Sommerferien kommen die Kinder, die im Schwanheimer Waldspielpark toben, in die Schule. Bild: Etienne Lehnen

Die neue Römer-Koalition will Grundschülern einen Betreuungsplatz garantieren. Einlösen kann sie das nur, wenn sie pragmatisch vorgeht. Das zeigt ein Beispiel aus Schwanheim.

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          Es könnte eigentlich ein entspannter Nachmittag sein. Vier Familien haben sich im Waldspielpark Schwanheim getroffen, die Mädchen und Jungen – sie kennen sich aus dem Kindergarten – wippen, rutschen, spielen zwischen den Büschen Fangen. Doch die Mienen der Eltern sind sorgenvoll, das Gespräch kreist darum, wie es nach den Sommerferien weitergehen soll. Dann kommen die Kinder in die Schule, und es gibt keinen Kindergarten mehr, der bis 17Uhr geöffnet hat. Einen Hortplatz hat keine der Familien bekommen.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          „Wir sind ratlos“, sagt Kim Reitzammer, eine der Mütter. Mit ihrem Mann hat sie zwei Kinder, beide Elternteile sind berufstätig. Jetzt, da Noah, der ältere Sohn, sechs Jahre alt ist und in die August-Gräser-Schule kommt, sehen die Eltern ihre berufliche und familiäre Planung in Frage gestellt. Die Stadt wisse, dass es zu wenige Betreuungsplätze für Grundschüler gebe, aber unternehme nichts, sagt Reitzammer. „Das macht mich sauer.“ Ähnlich sieht es Aylin Yildirim. Das Problem sei nicht auf Schwanheim begrenzt. Ihre Familie sei vor kurzem aus Nied zugezogen, „aber dort hätten wir auch keinen Betreuungsplatz bekommen“.

          Land für Schulen zuständig, Stadt für Horte

          Es ist wie jedes Jahr im Frühling. Wenn die Kinder schulpflichtig werden, stehen viele Eltern vor einem Betreuungsproblem. Denn während das Angebot der Krippen und Kindergärten massiv ausgebaut wurde, stagniert die Zahl der Hortplätze seit Jahren. Das liegt nicht daran, dass die bisherige schwarz-grüne Römer-Koalition den Bedarf nicht gesehen hätte. Zusätzliche Hortplätze waren ausdrücklich unerwünscht, denn alle Anstrengungen sollten dem Ausbau der schulischen Nachmittagsbetreuung gelten.

          Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) begründete das mit pädagogischen Vorzügen von Ganztagsschulen, aber auch mit den kommunalen Finanzen. Denn die Stadt muss für die Hortbetreuung aufkommen, für die Schulen ist hingegen das Land zuständig. Im „Pakt für den Nachmittag“ arbeiten Stadt und Land seit diesem Schuljahr zusammen, um ein tägliches schulisches Betreuungsangebot bis 17Uhr zu etablieren. Die Partner teilen sich die Kosten, auch pädagogisch sollen Unterricht und Betreuung zusammenwachsen.

          Stadt will keine Tagesmutter engagieren

          Das Problem ist, dass sich in Frankfurt nicht viele Schulen gefunden haben, die sich an dem Pakt beteiligen wollen. „Ganztagsschule ist ein großes Wort, das aber in weiter Ferne liegt“, sagt Reitzammer. Die Familien, die sich im Waldspielpark getroffen haben, bemühen sich deshalb um andere Lösungen. Zum Beispiel um eine Betreuung durch Tageseltern, sagt Jennifer Schäfer, die ebenfalls zwei Kinder hat, von denen eines schulreif wird. In der katholischen Mauritius-Gemeinde gebe es ein Tagespflege-Angebot, entstanden vor zwei Jahren, auch damals wegen fehlender Hortplätze.

          Fordern mehr Betreuungsplätze: Kim Reitzammer...
          Fordern mehr Betreuungsplätze: Kim Reitzammer... : Bild: Etienne Lehnen

          Wenn es nach der Kirche ginge, könnte in ihren Räumen durchaus noch eine weitere Tagesmutter mit einer Kindergruppe unterkommen, aber auch das widerspräche den Prinzipien der Stadt. Denn die Betreuung von Grundschülern sei „kein originäres Ziel der Kindertagespflege“, heißt es in einem Antwortschreiben des Stadtschulamts an die Schwanheimer Familien. Tageseltern sollen sich um kleine Kinder kümmern und nicht um Schüler. Denn die sollen ja, zumindest theoretisch, eine Ganztagsschule besuchen.

          ...und Saskia Ghribi
          ...und Saskia Ghribi : Bild: Etienne Lehnen

          Die August-Gräser-Schule, auf die die Schwanheimer Kinder bald gehen, hat sogar Ganztagsplätze, allerdings zu wenige, wie Rektorin Saskia Ghribi sagt. 50Plätze gebe es für rund 230 Schüler. Frei würden in der Regel nur die Plätze der Kinder, die die Schule nach vier Jahren verlassen.

          Zeitpunkt könnte für Schwanheimer Familien günstig sein

          Ghribi hält einen Ausbau der Kapazitäten zum nächsten Schuljahr nicht nur für geboten, sondern auch für möglich. Eigentlich habe die Stadt schon zugesagt, die alten Pavillons auf dem Schulgelände durch neue, zweistöckige zu ersetzen und so Platz für 20zusätzliche Betreuungsplätze zu schaffen. Die Schulleiterin sieht die Kommune in der Pflicht, ihrer Ankündigung bald Taten folgen zu lassen. Schließlich habe die Schule den Auftrag, langfristig allen mehr als 200 Kindern ein Betreuungsangebot zu machen. „Da kann es doch nicht sein, dass der Ausbau jetzt schon an 20 Plätzen scheitert.“

          Möglicherweise ist der Zeitpunkt günstig, dass es für die Schwanheimer Familien doch noch zu einer guten Lösung kommt. Denn das neue schwarz-rot-grüne Römer-Bündnis will laut seinem Koalitionsvertrag nicht nur darauf hinarbeiten, „jedem Grundschulkind bei Bedarf einen Betreuungsplatz bis 17 Uhr anzubieten“, sondern zeigt sich auch bereit, dafür von den bisherigen Prinzipien abzuweichen. Bis es genug Kapazitäten an Ganztagsschulen gebe, würden dort, wo dringender Bedarf bestehe, auch neue Hortplätze eingerichtet, heißt es in dem Papier. Außerdem wolle die Koalition „die Betreuung durch Tagespflegepersonen weiterentwickeln“. Kim Reitzammer hat sich den Vertrag ausgedruckt. Die beiden genannten Punkte sind mit einem rosa Textmarker hervorgehoben.

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