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Integrationskurse in Frankfurt : Den Krieg noch im Kopf

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam fällt das Lernen leichter: Drei Frauen lösen im Deutschunterricht zusammen Aufgaben. Bild: Frank Röth

Immer mehr Zuwanderer in Frankfurt wollen in Integrationskursen Deutsch lernen - das Angebot ist aber zu knapp. Das stellt Lehrer und Schüler mehr und mehr vor Herausforderungen.

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          Claus Albrecht will sich abgewöhnen, im Unterricht auf den Tisch zu schlagen. Er hat damit vor zwei Jahrzehnten angefangen, als er noch nicht lange Deutschlehrer an der Volkshochschule war. Er wollte damals nicht die Stimme erheben, wenn ihm seine Schüler zu laut waren. Also schlug er einfach auf den Tisch. Damals hätten alle gelacht, sagt er. „Aber in der letzten Zeit habe ich das öfter, dass sich Leute sehr erschrecken.“ Ihre Gesichter werden bleich, außerdem zucken sie zusammen, wenn Fenster oder Türen mit einem Knall zuschlagen. Dann weiß er: Das sind die, die aus dem Krieg gekommen sind.

          Albrecht leitet an der Volkshochschule Frankfurt sogenannte Integrationskurse, die Zuwanderern mit wenigen oder gar keinen Sprachkenntnissen helfen sollen, selbständig im Alltag zurechtzukommen. Die Kurse sollen ihnen die Sprache, Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands vermitteln. Finanziert werden sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Wer daran teilnehmen will, muss sich mindestens ein Jahr in Deutschland aufhalten und eine Aufenthaltserlaubnis besitzen.

          „Kriegs- und Armutszuwanderung“

          In Frankfurt gibt es Dutzende Kursanbieter, die Volkshochschule ist nur einer von ihnen. Außer den allgemeinen Integrationskursen gibt es auch Angebote, die sich an eine bestimmte Zielgruppe richten, etwa an Eltern, Frauen und Analphabeten. Man darf vermuten, dass in der Mainmetropole die Nachfrage nach den Kursen zuletzt gestiegen ist, belegen lässt es sich bislang allerdings nicht: Das „Frankfurter Integrations- und Diversitätsmonitoring“ des Amts für multikulturelle Angelegenheiten zeigt, dass die Teilnehmerzahl in den Jahren 2011 und 2012 größer geworden ist. In den Jahren 2013 und 2014 verzeichnete die Behörde einen Rückgang. Die Entwicklung von 2015 an – dem Jahr, in dem besonders viele Zuwanderer nach Deutschland kamen – ist im Bericht gar nicht erfasst.

          Zumindest bundesweit stiegen die Teilnehmerzahlen von 2015 an drastisch an: Laut dem Bamf begannen rund 179.000 Menschen einen Integrationskurs, 2016 waren es rund 340.000. Das bedeutet eine Steigerung von rund 90 Prozent. An der Volkshochschule (VHS) Frankfurt ist die Entwicklung ähnlich, die Einrichtung führt Wartelisten für Integrationskurse. Seit 2014 wachse die Zahl der Teilnahmen, sagt Bernd Eckhardt, der die Abteilung Sprachen leitet. Verzeichnete die VHS im Jahr 2014 noch 7319, waren es 2015 schon 8766 und 2016 schließlich 8962. Eine der Ursachen sei die „Kriegs- und Armutszuwanderung“, sagt Eckhardt.

          Mit der Situation nicht ganz glücklich

          Claus Albrecht, der seit 21 Jahren an der VHS Deutsch unterrichtet, sagt dazu, er könne bei der Arbeit die politische Entwicklung mit eigenen Augen verfolgen. Als er 1996 zu unterrichten begann, saßen vor ihm viele Bosnier, Kroaten und Serben, die vor den Jugoslawienkriegen geflohen waren. Auch viele Polen, Ukrainer und Russen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland zogen, waren unter den Schülern. Um die Jahrtausendwende meldeten sich vermehrt Eritreer und Äthiopier an, die vor dem Krieg zwischen ihren Heimatländern geflohen waren. Etwas mehr als zehn Jahre später wollten viele Portugiesen, Spanier, Griechen und Italiener Deutsch lernen, die in Südeuropa keine Arbeit mehr fanden.

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