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Integrationskurse in Frankfurt : Den Krieg noch im Kopf

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Seit 2015 ist die Situation nun wieder etwas anders für Albrecht. An der VHS nehmen derzeit Menschen aus mehr als 80 Ländern an Integrationskursen teil, die meisten von ihnen sind Syrer, Eritreer, Iraner, Rumänen und Afghanen. Der Kursleiter unterrichtet mehrheitlich Schüler aus arabischen Ländern und ist mit der Situation nicht ganz glücklich: „Es wäre besser, wenn die Gruppen durchmischter wären. Früher mussten die Schüler auch in den Pausen untereinander Deutsch sprechen, um sich zu verständigen. Heute sprechen sie untereinander Arabisch.“

Eine Voraussetzung für Staatsbürgerschaft

Auch andere Faktoren erschweren das Lernen, beispielsweise die immer größer werdenden Teilnehmergruppen. Früher unterrichtete Albrecht meist zwölf bis 14 Erwachsene, heute sind es 20 oder mehr. In den kleinen Gruppen wusste er genau, wer besonders gut oder schlecht im Lesen, Schreiben, Verstehen oder Sprechen war. Er konnte darauf Rücksicht nehmen. Das ist in den großen Kursen nicht mehr möglich.

Viele Schüler wünschen sich in ihrem Privatleben Kontakt zu Deutschen, um ihre Sprachkenntnisse anzuwenden, finden aber keinen Anschluss. Auch Kriege hinterlassen Spuren: So leiden viele von Albrechts Schülern unter Konzentrationsstörungen. Zusätzlich erschwert das Leben in einer Flüchtlingsunterkunft das Lernen. Albrecht beobachtet, dass viele Schüler schon Stunden vor dem Unterricht im Flur sitzen und ihre Hausaufgaben erledigen, weil sie dort mehr Ruhe finden als zu Hause.

Er wünscht sich, dass es für sie Schülerzimmer gäbe. Aber die Raumnot für den Unterricht ist schon groß, zusätzlichen Platz zum Lernen gibt es nicht. Dennoch bestehen viele, die an der VHS Integrationskurse besuchen, an deren Ende den Deutschtest. Er belegt, dass die Teilnehmer das Kompetenzniveau B1 erreicht haben: Laut dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen sind sie damit in der Lage, einfache Gespräche über Themen wie Arbeit, Schule und Freizeit zu führen, von Erfahrungen zu berichten, Hoffnungen und Ziele zu beschreiben und Ansichten zu begründen. Das Zertifikat ist eine der Voraussetzungen, wenn Zuwanderer die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen wollen.

Wer scheitert, erhält zweite Chance

Viele Schüler, die Albrecht unterrichtet, möchten aber noch besser Deutsch lernen. Weitergehende Kurse finanziert das Bamf allerdings nicht, Interessierte müssen sie also entweder aus eigener Tasche zahlen oder Alternativen finden. Kurse ab dem Niveau B2 unterstützt beispielsweise die Bundesagentur für Arbeit. Dabei handelt es sich um eine sogenannte berufsbezogene Sprachförderung und nicht um reine Sprachkurse: Ein Angebot namens „Perspektive für junge Flüchtlinge“ soll Zuwanderer, die jünger als 25 Jahre sind, dazu befähigen, sich auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden und Arbeitsverträge lesen zu können. In andere Kurse ist ein Berufspraktikum integriert.

Manche von Albrechts Schülern schaffen es aller Bemühungen zum Trotz nicht bis zum Abschlusszertifikat. Wer scheitert, bekommt aber eine zweite Chance: Das Bamf zahlt Wiederholungskurse, wenn der erste Versuch misslingt.

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