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Zu Hause arbeiten : So weit wie Microsoft geht sonst niemand

Viele Unternehmen in der Region bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Gleich ganz auf Büros zu verzichten, wie es Microsoft in Bad Homburg plant, traut sich aber sonst niemand.

          Für die Mitarbeiter von Microsoft in Bad Homburg stellen sich in Zukunft ganz neue Fragen. Nicht nur, welche Kollegen zu welcher Zeit ein Meeting machen, muss dann geklärt werden, sondern auch, wo sie sich eigentlich treffen. Denn Mitte 2014 gibt Microsoft sein Bürogebäude an der Siemensstraße auf, und die 220 Mitarbeiter, die vornehmlich in Service und Vertrieb eingesetzt sind, sollen dann entweder von zu Hause aus arbeiten oder direkt beim Kunden.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Schon heute seien die Büros oft gähnend leer, sagt ein Sprecher, weil viele der Angestellten ihre Laptops ohnehin meistens bei den Geschäftspartnern einstöpselten. „Das klassische Büro ist tot“, überschrieb das Unternehmen, das mit dem Schritt freilich auch Werbung für seine eigenen Software-Produkte macht, seine Mitteilung zu dem Thema. Aus Sicht des Konzerns kommt man den Angestellten damit entgegen. Dass sie nicht mehr weit mit dem Auto pendeln müssten, schone nicht nur die Nerven, sondern auch die Umwelt, sagt der Sprecher.

          Spontan daheim bleiben, wenn der Handwerker kommt

          So wie Microsoft bieten viele Unternehmen in der Rhein-Main-Region ihren Angestellten die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. Doch keines geht so weit wie der Software-Anbieter. Das Beratungsunternehmen Accenture etwa hat sich in Kronberg einen derart riesigen Bürokomplex geschaffen, dass es selbst von einem „Campus“ spricht. Von dessen Schließung ist keine Rede, auch wenn die Accenture-Berater genauso wie die Beschäftigten von Microsoft in der Regel bei den Kunden arbeiten. Lediglich Verwaltungskräfte haben denn auch bei Accenture einen festen Arbeitsplatz. Die Berater müssen sich über das Intranet anmelden, wenn sie im Büro ihres Arbeitgebers arbeiten wollen. Die Faustregel: Für zehn Berater wird ein Arbeitsplatz vorgehalten. In der Regel reiche das, sagt Claudia Repp, die für den Standort Kronberg verantwortlich ist. Nur wenn eine Abteilung ein großes Treffen ansetze, werde es schon einmal eng. Sind die Berater nicht bei den Kunden, so arbeiten sie auch von zu Hause, doch das müssen sie mit ihren Vorgesetzten abstimmen, wie Repp weiter erläutert. Denn auch bei Accenture weiß man, dass es nicht schadet, wenn sich das Team ab und zu trifft. Deshalb gibt es auch in dem hochmodernen Bürokomplex auf jeder Etage eine Teeküche, neudeutsch „Coffee-Point“.

          Auch die Berater und Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sind von Natur aus viel unterwegs und brauchen meist nur Laptop und Smartphone, um irgendwo arbeiten zu können. 2012 hat man hier für die Heimarbeit eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Die Mitarbeiter können sich entweder vertraglich bestimmte Tage in der Woche für das Home-Office zusichern lassen, zum Beispiel um Privates mit dem Beruf zu vereinen. Sie können aber auch spontan einen Tag daheim arbeiten, wenn sich etwa ein Handwerker angemeldet hat. Geregelt ist nun, welche Aufgaben von zu Hause erledigt werden dürfen. Das hängt zum Beispiel bei den Wirtschaftsprüfern davon ab, ob bestimmte Unterlagen das Bürogebäude verlassen dürfen und wie sie in der eigenen Wohnung aufbewahrt werden können. Dass der Mitarbeiter daheim seine Zeit nicht vertrödelt, darauf vertraut das Unternehmen. „Es zählt das Resultat“, sagt Julia Tzanakakis, Leiterin der Personalstrategie des Unternehmens. „Wann der Mitarbeiter seine Arbeit erledigt, kann er selbst entscheiden. Dann passt auch mal ein wichtiger privater Termin in den Tag.“

          Wie verbreitet Heimarbeit ist, lässt sich nicht sagen

          Das Thema Sicherheit spielt eine wichtige Rolle, wenn Arbeit mit nach Hause genommen wird. Die Netzwerke in einem zusammenhängenden Bürokomplex können schließlich ganz anders abgesichert werden, als der heimische Computer und das Privattelefon. Bei der Deutschen Bank ist daher eine der Prämissen für die Arbeit von zu Hause aus, dass dadurch keine Kundendaten oder Interna nach außen dringen. Wer vom eigenen PC zu Hause aus auf das Netzwerk der Bank zugreifen will, muss dafür freigeschaltet werden, sagt ein Sprecher der Bank. E-Mails, Präsentationen und andere Daten dürfen nur verschlüsselt versendet werden. Grundsätzlich fördere die Bank flexible Arbeitslösungen, sagt der Sprecher. Die Möglichkeit, etwa von zu Hause zu arbeiten, sei jedoch abhängig von den Aufgaben und der jeweiligen Teamstruktur. „Hierfür treffen wir mit dem Mitarbeiter individuelle Lösungen.“

          Bei der Frankfurter Sparkasse hat man mit Heimarbeit gute Erfahrungen gemacht. 55 der 1800 Beschäftigten nutzen diese Möglichkeit zur Zeit, wie es heißt. Detailliert ist geregelt, dass sie nur die Hälfte ihres Arbeitspensums daheim erledigen dürfen. So geht der Kontakt zu den Kollegen nicht verloren. Es muss auch stets ein Anlass für Heimarbeit vorliegen, was bedeutet, dass entweder Kinder zu Hause sind oder ein Angehöriger zu pflegen ist. Erlaubt wird die Teil-Verlagerung des Arbeitsplatzes überdies nur solchen Mitarbeitern, von denen bekannt ist, dass sie gut organisiert sind.

          Wie verbreitet Heimarbeit ist, lässt sich nicht sagen. Es fehlen entsprechende Studien. Vielmehr sind es immer wieder Einzelfälle, die Schlagzeilen machen. Zuletzt sorgte allerdings ein Konzern im fernen Amerika für Aufregung: Im Februar schaffte die Vorstandsvorsitzende von Yahoo, Marissa Mayer, die auch dort verbreitete Heimarbeit kurzerhand ab. „Geschwindigkeit und Qualität leiden oftmals, wenn wir von zu Hause aus arbeiten“, schrieb sie den erstaunten Mitarbeitern. „Einige der besten Entscheidungen und Erkenntnisse erwachsen aus Gesprächen auf dem Flur oder in der Cafeteria.“

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