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Estnische Sonntagschule : „Eigene Wurzeln nicht kappen“

Stich für Stich: Kristel Neitsov-Mauer hilft ihrer Tochter, traditionelle Lederschuhe in der Estnischen Sonntagsschule zu basteln. Bild: Marcus Kaufhold

In Frankfurt und Umgebung leben etwa 300 Esten. Einige von ihnen versuchen, ihre Kultur und Sprache in ihrer Sonntagsschule zu bewahren. Theresa Weiß war zu Besuch.

          Fröhlich wuseln zehn Kinder durcheinander und schnappen sich die orangenen Lederstücke, die Eha Salla bereitgelegt hat. Sie leitet die Bastelstunde der estnischen Schule an diesem Sonntag im Gemeindehaus in Kriftel. Es werden traditionelle Schuhe aus der Heimat genäht. Die Kinder zeichnen, schneiden und zurren die Zuschnitte zusammen, um sich danach wie ihre Großmütter auf dem estnischen Land zu fühlen. Die tragen solche Schuhe noch heute.

          In Frankfurt und Umgebung leben etwa 300 Esten. Das ist eine beträchtliche Zahl für die 1,3 Millionen Einwohner, die der kleine Staat im Norden Europas überhaupt hat. Vor vier Jahren gründeten einige estnische Mütter die Frankfurter estnische Schule, um an ihre Kinder Traditionen und Sprache besser weitergeben zu können. „Ich bin froh, dass es die Eesti Kool in Frankfurt gibt“, sagt eine Mutter. Es sei für die Kinder hier ansonsten schwierig, die Sprache fehlerfrei zu lernen und die estnische Kultur zu erleben. Richtig aktiv seien etwa 80 Esten, die regelmäßig zu Veranstaltungen kämen und sich engagierten, sagt Salla. Dass einige Esten die Muttersprache an ihre Kinder nicht weitergeben wollen, versteht sie nicht. „Es hindert einen nicht daran, sich erfolgreich zu integrieren. Wieso sollte man seine Wurzeln also kappen?“, fragt die Neunundvierzigjährige. Gerade die Kinder brauchten einander. Sie könnten gegenseitig verstehen, wie allein man sich manchmal fühle, wenn man das Heimatland nur von zwei Wochen Sommerferien kenne, aber trotzdem nicht so ganz zu den Deutschen gehöre.

          Skype ist Estlands erfolgreichster Exportartikel

          Viele Esten kommen für eine Arbeitsstelle nach Deutschland. Die oft gutausgebildeten jungen Menschen finden Anstellungen bei der Europäischen Zentralbank, als Kulturschaffende oder bei wissenschaftlichen Einrichtungen. In Estland selbst mangelt es an Arbeit, viele Absolventen der Hochschulen und Universitäten suchen sie daher im Ausland. Seit 2004 ist Estland Teil der EU. Zuvor war die Geschichte des kleinen Landes von der sowjetischen Okkupation geprägt. „Estnisch war beinahe verschwunden“, sagt eine Mutter in der Sonntagsschule.

          Die restriktive Sprachpolitik und Russifizierung habe sich gegen jedes Nationalempfinden gewandt. Daher sei es allen nun umso wichtiger, die Sprache zu erhalten. Dies erklärt auch, weshalb die Esten sich besonders bemühen, ihre Kontakte und Sprache auch im Ausland zu pflegen. Das Verhältnis zum großen Nachbarn Russland ist auch heute noch schwierig. Viele Esten haben erlebt, wie das Sowjetregime ihre Familien und Höfe zerstörte. Aus Estland wurden 1940 in einer einzigen Nacht mehrere zehntausend Menschen nach Sibirien deportiert, viele verhungerten in Arbeitslagern. Heute leben in Estland rund 300 000 Russen, häufig kommt es zu Spannungen.

          Im Vergleich zu anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion hat Estland in den vergangenen Jahren einen großen Aufschwung erlebt. Das Besondere an Estland sei, dass es in dem kleinen Land so viel Innovationsgeist gebe, sagt eine deutsche Frau, deren Sohn ein Schuljahr dort verbrachte. Er hatte vorher die Sonntagsschule besucht, um ein paar Worte Estnisch zu lernen. „Wenn ein Land so wenig menschliche Ressourcen hat, müssen sich alle mehr anstrengen“, erklärt die Mutter weiter. Bestes Beispiel: Das Online-Telefon-Programm Skype ist Estlands erfolgreichster Exportartikel. Die rasche Entwicklung in ihrem Land beobachtete auch Eha Salla.

          Als Kunststudentin in einer Sowjetrepublik war sie mit der Widersprüchlichkeit des Systems konfrontiert. Die Lebensbedingungen waren schlecht, der Staat unterdrückte die freie Entfaltung, gerade in kreativen Berufen. Mit ihren Kommilitonen organisierte sie Kunstprojekte, protestierte gegen Restriktionen. 1987 öffnete sich Estland langsam, die Proteste nahmen überhand und wurden von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. 1990 konnte Salla für ein Praktikum das erste Mal die Sowjetunion verlassen. Sie kam nach Deutschland. In Tallinn hatte sie Kunst auf Lehramt studiert, wollte nun aber lieber selbst als Künstlerin arbeiten, als zu unterrichten. In Deutschland hatte sie 1992 die Möglichkeit dazu, sie zog nach Darmstadt, studierte dann in Mainz Bildende Kunst. Bis heute lebt sie im Rhein-Main-Gebiet, wo sie eigene Ausstellungen organisiert und in einer Werbeagentur arbeitet.

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