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Zu Besuch beim Schuhputz-Seminar : Ochsenblut für die Schuhspitze

  • -Aktualisiert am

Der Meister liest den Schuh: Thomas Ganick beim Schuhpflege-Kurs. Bild: Michael Kretzer

Richtiges Schuheputzen will gekonnt sein. Viel Geduld und Liebe zum Detail sind dabei ein Muss. Erlernen kann man das Geschick in Seminaren beim professionelle Schuhputzer Thomas Ganick.

          Männer können mit einer Leidenschaft Schuhe putzen, das schafft keine Frau. Wie sie die Finger kreisen lassen, das Palmenwachs zärtlich einmassieren. Zum kleineren Bürstchen wechseln, um die Nähte zu schonen. Um nach zehn Minuten intensiven Reibens selbstkritisch zu bemerken: „Das ist noch nicht gut, da muss ich noch mal ran.“ Nein, diese Geduld hat keine Frau.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Es ist ein Samstagnachmittag im Frankfurter Manufactum-Warenhaus, und vier Männer, Banker und Rechtsanwälte, wollen das Schuheputzen lernen. Sie haben sich schon vorher mit dem Thema beschäftigt, das merkt man an den Fragen an ihren Lehrer: Was mache ich bei Rauhleder? Wann benutze ich Juchtenfett? Ziegen- oder Rosshaarbürste? Der Lehrer: Thomas Ganick, ein Mann mit schlanken Fingern und knapp zehn Jahren professioneller Putzerfahrung. Unter der Woche fährt er durch das Bankenviertel, sammelt Schuhe ein oder lässt sich zusammen mit seinem Schuhputzstuhl für Veranstaltungen buchen. Am Wochenende gibt er Seminare. Aber dieses Wort fasst es nicht so recht, denn Schuheputzen ist zwar eine ernste Sache, aber vor allem eine fürs Gefühl.

          Heute ein König: Thomas Ganick bei der Arbeit auf einer Veranstaltung von Bankern.

          Ab in die Dusche mit den Schuhen

          Es geht um die Topographie des Schuhs. „So ein Stiefel hat Berge und Täler“, sagt Ganick und hält einen schwarzen Red Wing in die Luft. Die müsse man mit der Schuhcreme - Ganick schwört auf einen Schweizer Hersteller, die Dose zu elf Euro - nachzeichnen. Das gehe mit einer Bürste, „aber ich nehme die Finger“, sagt Ganick. Seine Daumen und Nägel sind schwarz, rot und blau. Die Seminar-Teilnehmer streifen lieber den Baumwollhandschuh über.

          Ein Schuh hat auch Inseln. Dreckige Wasserspritzer, die beim Trocknen helle Ränder hinterlassen - alle in der Runde nicken wissend. Häufigster Fehler: den hellen Fleck zu klein mit Wasser ausreiben, dadurch entstehe beim Trocknen ein nur noch größerer Fleck. Der Schuh muss also unter die Dusche, sagt Ganick. Große Augen in der Runde. „Ja, der Schuh hält das aus.“ Das sei freilich eine Aufgabe für die Mußestunden, etwa am Wochenende, wenn auch die Schnürsenkelpflege auf dem Programm steht.

          Fußhobel für Rauhleder

          Und sogar geheime Orte hat so ein Schuh. Wenn er die Beine übereinanderschlage, berichtet ein Seminar-Teilnehmer, schaue der Gesprächspartner auf den Absatzsockel. Aber wie pflege man den richtig? Ganick freut das Interesse an solchen Details. Vor knapp zehn Jahren war das noch anders. Da hat er Schuhe für 15 Euro das Paar gekauft, putzte sie kein einziges Mal und lief sie in einer Saison durch. Damals war der gebürtige Berliner noch mehr der Mann fürs Grobe, hat unter Tage Kupfer abgebaut und über Tage Braunkohle. Ganick arbeitete auch schon als Dachdecker, Getränkeverkäufer und Industriemechaniker. Als er arbeitslos wurde, testete er Medikamente. Im Krankenhaus hatte er viel Zeit nachzudenken und las einen Artikel über einen professionellen Schuhputzer. Der wollte er nun auch sein. Er kaufte sein erstes Set Bürsten, durchstöberte die Drogerien nach günstigen Hilfsmitteln - „Fußhobel eignen sich hervorragend für Flecken auf Rauhlederschuhen“ - und lernte das Handwerk in der Praxis bei jedem weiteren Schuh, den er putzte.

          250 Euro pro Paar sollten es sein

          Ein paar Kniffs gibt er an diesem Samstag an seine Schüler weiter, die für die zwei Stunden Kurs immerhin 49 Euro bezahlt haben. Es fängt mit der richtigen Bürste an: „schlechte Qualität, schlechtes Putzresultat, gute Qualität, gutes Putzresultat“. Bevor das Palmenwachs aufs Leder kommt, sollte man mit einer Rosshaarbürste den groben Schmutz entfernen - am besten mit viel Schwung. „Wie wenn ein Flugzeug kurz auf die Landebahn, also den Schuh, aufsetzt und gleich wieder abhebt“, sagt Ganick, während er einen hellbraunen Halbschuh bearbeitet. Es ist sein eigener, und er glänzt, als sei er nicht aus Leder, sondern aus Holz. Nach der Schuhcreme wird mit feineren Bürsten nachpoliert, zur Auswahl stehen Ziege und tibetanisches Hochlandyak. Wer will, kann die Schuhspitze dann noch mit Ochsenblut bearbeiten, „das gibt dem Schuh mehr Leben“, sagt Ganick, aber dafür sind die heutigen Schuhputz-Schüler offenbar nicht exzentrisch genug. Sie begnügen sich schon mit einer Wasserpolitur - abwechselnd Palmwachs und Wasser - und freuen sich über das strahlende Resultat. „So gut sahen die Schuhe nicht aus, als ich sie gekauft habe“, sagt einer.

          Woran das liegt, weiß Ganick freilich auch. Der Schuh war zu billig. Man sollte schon mindestens 250 Euro pro Paar investieren, sagt er. Denn auf günstigeren Schuhen sehe auch eine gute Pflege unter Umständen aus wie ein schlecht gestrichener Gartenzaun.

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