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Fastenbrechen : Warten, bis die Sonne untergeht

Aufgetischt: Die Wohnung von Familie Arslan wird in der Fastenzeit zum Treffpunkt für Freunde und Familie. Bild: Marcus Kaufhold

Der Fastenmonat Ramadan hat angefangen. In der Zeit steht nicht der Verzicht, sondern die innere Einkehr im Fokus. Zu Besuch bei einer muslimischen Familie.

          Mustafa wünscht sich ein gut gebratenes Schnitzel. Eine Sahnetorte darf auch nicht fehlen. Sein achtzehnter Geburtstag fällt in den Fastenmonat Ramadan. Zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang verzichtet er in den nächsten Wochen auf Essen und Trinken. Aber über Essen reden, das ist erlaubt. Und so plant er sein Geburtstagsmenü. Schnitzel, Pizza, Sahnetorte. Mustafa weiß, was er will.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          An diesem Abend, zwei Tage vor seinem Geburtstag, will er Wasser. Und zwar in großen Schlücken. Er hat Durst. Das Basketballtraining hat er an dem Abend zum ersten Mal seit langer Zeit ausfallen lassen. Und auch in den nächsten Wochen wird seine Mannschaft auf ihn verzichten müssen. Mustafa weiß: Fasten und Sport - das verträgt sich nicht. Weil er das Training schleifen lässt, ist er an diesem Abend schon vor Sonnenuntergang zu Hause. Gut für ihn. Denn Familie Arslan hat zum gemeinsamen Fastenbrechen geladen. Freunde sind gekommen - und Fremde. Die Arslans sind Mitglieder im Forum für Interkulturellen Dialog. Und Dialoge, sagen sie, kommen beim gemeinsamen Essen von alleine zustande.

          Es gibt Linsensuppe und Lammragout

          Mutter Nurgül Arslan hat gekocht. Den ganzen Nachmittag stand sie in der Küche. Es gibt Linsensuppe und Lammragout, Bohnensalat und Sesambrot. Dazu süße Limonade aus der Türkei, dem Land, das die Arslans als Heimat ihrer Herzen bezeichnen und das ihnen in den vergangenen Jahren immer fremder geworden ist. Sie haben Bücher von Fethullah Gülen, dem Oberhaupt der Gülen-Bewegung, in ihrem Wohnzimmerschrank stehen. In der Türkei, sagt der Vater Muammer, reiche das aus, um als Regierungskritiker verfolgt zu werden. Deshalb sind die Arslans schon seit Jahren nicht mehr in die Türkei gereist. Zwar haben sie alle einen deutschen Pass. Darauf, dass dieser sie schützen könne, wollen sie aber nicht vertrauen. Sie fühlen sich als Deutsche. Und als Türken. "Die Liebe zur Heimat wird nicht über ein Papier definiert", sagt Muammer Arslan, während er das Essen serviert.

          Fasten, erklärt er, habe viele Facetten. Es könne gesellig sein. Etwa beim gemeinsamen Fastenbrechen. Meist sei es aber eine persönliche, manchmal auch sehr einsame Angelegenheit. Weil nicht der Verzicht auf Essen, Trinken, Lästereien und Sex im Vordergrund stehe, sondern der Versuch, sich auf die Beziehung zu Allah zu besinnen, sich von Verlangen und Gelüsten zu lösen, gedanklich freier zu werden. "Man spürt, dass eine innere Verwandlung stattfindet - eher auf einer metaphysischen Ebene" sagt Muammer. An diesem Tag spürt er aber noch nicht viel. Nur Hunger. Auch sein Körper hat sich noch nicht an das frühe Aufstehen, den langen Verzicht auf Essen und Trinken gewöhnt.

          Im Winter hat man es leichter

          Im Winter, sagt er, falle ihm das Fasten leichter als im Sommer. Weil die Sonne dann später aufgehe, es früher dunkel werde und der Durst besser auszuhalten sei. Das Einhalten des Fastenmonats Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islams. Zu ihnen gehören außerdem das Glaubensbekenntnis, die täglichen Gebete, das Spenden von Almosen und die Pilgerreise nach Mekka.

          Kostprobe: Die Familie Arslan serviert türkisches Essen, manchmal aber auch Schnitzel.

          Der Fastenmonat Ramadan ist der neunte Monat nach dem islamischen Kalender. Dieser richtet sich nach dem Mond und ist bis zu elf Tage kürzer als der Sonnenkalender. Deshalb verschiebt sich der Fastenmonat auch von Jahr zu Jahr um zehn Tage. Abhängig von der Jahreszeit kann ein Fastentag zwischen acht und 19 Stunden lang sein. 33 Jahre dauert es also, bis ein Moslem beim Fasten alle Jahreszeiten durchlaufen hat - Muammer Arslan hat sie mit seinen 51 Jahren schon alle durchlebt. Und trotzdem, sagt er, bleibe der Fastenmonat besonders, verliere nicht an Reiz. Weil in dieser Zeit die innere Einkehr, das Besinnen auf religiöse Werte, im Vordergrund stünden.

          Um Glauben geht es an diesem Abend wenig

          Und natürlich die Gemeinschaft. Die Essensplatten kreisen, die Gläser werden wieder aufgefüllt, die Diskussionen am Tisch lebendiger. Es geht um die Fußballer Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die mit ihrem umstrittenen Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Erdogan für Schlagzeilen sorgten. "Naiv" findet Muammer das Verhalten der Kicker. Es geht um fehlendes Salz in der Suppe und um Geschick beim Lösen eines Zauberwürfels. 84 Sekunden benötigt der 13 Jahre alte Etem, der ebenfalls Gast im Hause Arslan ist. Tischrekord!

          Um Glauben geht es an diesem Abend wenig. Glauben sei etwas Stilles, sagt der Vater. Irgendwann, zwischen Lamm und Melone, verabschieden sich die Männer zum Gebet in den Nebenraum, die Mutter Nurgül bleibt mit der Freundin Döndü sitzen. Ihr Gebet haben die Frauen schon vor dem Essen gesprochen. Manchmal, sagt Nurgül, würden sie gemeinsam beten und im Koran lesen. Nicht aber, wenn Gäste zu Besuch seien. Das sei unhöflich, denn um Gäste müsse man sich kümmern. Und schon füllt sie den Teller wieder auf.

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