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Leidenschaft zu Äpfeln : Pomologe mit künstlerischer Akkuratesse

Der Pomologe und Heimatforscher Richard Zorn hatte eine Leidenschaft für Äpfel. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Kernobstlehre des Hofheimers Richard Zorn sucht ihresgleichen. Er hat Hunderte Apfelsorten gemalt, darunter auch viele, die es schon länger nicht mehr gibt.

          Die Sütterlin-Handschrift sei nur schwer zu entziffern gewesen. Nach der täglichen Arbeit als Hauptkustos im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur verbrachte der Diplom-Biologe Ulrich Kaiser deshalb täglich mehrere Stunden damit, mit Hilfe eines Schriftenschlüssels die eigenwillige Handschrift des Hofheimer Pomologen und Heimatforschers Richard Zorn (1860 bis 1945) zu übertragen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Die Sisyphusarbeit hat sich gelohnt: Gestern überreichte Kaiser im nach Zorn benannten Diedenbergener Apfelsortengarten Bürgermeisterin Gisela Stang (SPD) eine 3,2 Kilogramm schwere Ausgabe der Kernobstlehre Zorns. Enthalten sind mehr als 1500 detailgetreue Aquarelle und etwa 700 transkribierte, ursprünglich handschriftlich verfasste Beschreibungen von Äpfeln, aber auch Birnen und Speierlingsorten.

          Nicht nur für Fachleute erweist sich der Nachlass Zorns, der lange unbeachtet in der Bibliothek der Hochschule Geisenheim lag, als wahre Fundgrube. Wer sich für die Vielfalt möglicher Apfelgenüsse interessiert, erfährt vieles über die schier unendliche Bandbreite von Geschmäckern und Farbschattierungen, die noch vor 100 Jahren zur Angebotspalette auf Märkten gehörten. Selbst teures Importobst aus Chile wie Newton Pippin und Rome Beauty erwarb Zorn im Jahr 1911 für 70 Pfennig das Pfund – umgerechnet etwa 3,70 Euro.

          508 verschiedene Sorten

          Während sich heute Verbraucher im Supermarkt mit wenigen Apfelsorten begnügten, habe der Pomologe in den dreißiger Jahren allein auf dem Höchster Markt 508 verschiedene Äpfel gekauft, wie Kaiser sagt. Zorn habe diese sorgfältig in Fotoqualität aquarelliert und mit wissenschaftlicher Akribie katalogisiert.

          Die Quellen seiner Käufe seien manchmal originell gewesen: So habe er 1941 einquartierten Soldaten einen Tiroler Rosenapfel für seine wissenschaftliche Arbeit abgeschwatzt. Auch Kelterobst aus einem Güterwagen in Frankfurt sei von dem Pomologen gemalt worden, leider aber sei die Sortenbezeichnung verlorengegangen – eine Ausnahme für den so pedantischen Obstbaukundler.

          Die studierten Vorgänger Zorns aus dem 19. Jahrhundert, zumeist Lehrer, Pfarrer oder Naturwissenschaftler, ließen diese Genauigkeit vermissen, berichtete Kaiser. Dabei war die Pomologie dem Sohn eines vermögenden Hofbesitzers aus dem Kreis Aschersleben nicht in die Wiege gelegt worden. Da Zorn jedoch finanziell unabhängig war, konnte er sich früh auf seine Interessen konzentrieren.

          Größte Leidenschaft galt Äpfeln

          Dazu zählten nicht nur Äpfel, sondern er studierte genauso intensiv Grenzsteine und Kirchenkreuze oder die Trachten der Region. Seine größte Leidenschaft galt aber vermutlich den Äpfeln, denn Zorn bildete sich nach einer Gärtnerlehre weiter und besuchte das Pomologische Institut von Eduard Lucas in Reutlingen, einer Koryphäe seiner Zeit.

          Was den umtriebigen Privatier, der sich um den Broterwerb nicht kümmern musste, 1884 für die restlichen 61 Jahre seines Lebens nach Hofheim verschlug, ist nicht überliefert. Ein starker Anreiz für den Umzug könnten die damals die Gegend noch viel stärker dominierenden Streuobstwiesen rund um das kleine Städtchen gewesen sein. Jedenfalls kaufte Zorn laut Stadtarchivarin Roswitha Schlecker Grundstücke auf dem Hochfeld, siedelte sich an der Hattersheimer Straße an und gründete einen Baumschulbetrieb, wo er auf zehn Hektar die edelsten Äpfel, Birnen und Pflaumen züchtete.

          Für Pomologen sei insbesondere Zorns Hinwendung zu lokalen und regionalen Apfelsorten von Interesse, die heute verschollen seien. Wo Bäume mit Marxheimer Streifling, Wildsächser Spitzapfel, Wallauer Glasapfel oder Hofheimer Goldrenette stehen, ist nicht immer bekannt. Letztere wird als Apfel des Jahres 2021 als Bäumchen wieder zu kaufen sein, sagte Kaiser. Es sei 2011 nach einem Aufruf in der Zeitung gelungen, ein letztes Exemplar dieser Sorte in einem Diedenberger Privatgarten für die Veredelung zu finden.

          Bürgermeisterin Stang wertete die im wörtlichen Sinn gewichtige Publikation als überfälligen Beitrag zur Biodiversität und zur Stärkung alter regionaler Apfelsorten. Dies wünscht sich auch Kreis-Umweltdezernentin Madlen Overdick (Die Grünen): Ein Apfel müsse „nicht schön aussehen, sondern gut schmecken“, hob sie hervor. In dieser Hinsicht hätten die alten Sorten den auf Großplantagen gezüchteten Nachfolgern einiges voraus.

          Das Buch „Richard Zorn: Verzeichnis aller in Deutschland angebauten Kernobstsorten“, Verlag Quelle und Meyer, gibt es für 148 Euro im Buchhandel.

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