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Zivildienst : Verbände sauer über Einstellungsstopp für Bufdis

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Drei der letzten ’Zivis’ aus Rheinland-Pfalz arbeiteten beim dortigen Deutschen Roten Kreuz.  Der Bundesfreiwilligendienst hat momentan einen schwierigen Stand: Es gibt mehr Freiwillige als Plätze zur Verfügung stehen.

Drei der letzten ’Zivis’ aus Rheinland-Pfalz arbeiteten beim dortigen Deutschen Roten Kreuz. Der Bundesfreiwilligendienst hat momentan einen schwierigen Stand: Es gibt mehr Freiwillige als Plätze zur Verfügung stehen. Bild: dapd

Erst wusste keiner, wie es ohne Zivis weitergehen sollte. Dann kam der Bufdi. Doch nun geht dort nichts mehr - Einstellungsstopp.

          2 Min.

          Die Sozialverbände in Hessen sind sauer.

          Gerade erst sind die Anlaufschwierigkeiten überwunden, und die Sache läuft eigentlich prächtig. Der Bundesfreiwilligendienst ist für Tausende eine Möglichkeit geworden, sich vor der Ausbildung sozial zu engagieren oder sich bis ins Alter sinnvoll zu beschäftigen. Der Bufdi-Einstellungsstopp des Bundesfamilienministeriums sei deshalb ärgerlich und kontraproduktiv, sagen Vertreter hessischer Sozialverbände. Der Dienst eröffnet aus ihrer Sicht ganz neue Perspektiven für soziales Engagement und müsse ausgeweitet und nicht eingeschränkt werden.

          „Jetzt, wo es brummt, kommt der Deckel drauf“

          Weil die im Bundeshaushalt eingeplanten 35.000 Stellen für den Bundesfreiwilligendienst weg sind, werden keine Verträge mehr unterschrieben. In Hessen sind derzeit nach Angaben des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben 1.503 Menschen im Bundesfreiwilligendienst beschäftigt.

          „Jetzt, wo es brummt, kommt der Deckel drauf“, kritisiert Susanne Magnus von der AWO Hessen-Süd. Nach erheblichen Startproblemen sei das Programm, das als Nachfolger des Zivildienstes im vergangenen Jahr aufgelegt wurde, inzwischen weit bekannt und werde angenommen. Mehr als 30 Anfragen pro Monat erreichten die AWO Hessen-Süd, die zur Zeit 85 Bufdis in ihren Einrichtungen vom Lahn-Dill-Kreis über den Vogelsbergkreis bis zur Bergstraße beschäftigt. Damit seien zwei Drittel der Plätze besetzt.

          „Die Nachfrage ist höher“

          Im Unterschied zum Freiwilligen Sozialen Jahr (FJS), das nur für junge Leute offensteht, können in den Bundesfreiwilligendienst Menschen jeden Alters. Und diese Möglichkeit werde zunehmend genutzt, sagt Magnus. Die meisten Bufdis seien jünger als 27 Jahre, aber 22 seien älter, der älteste schon 72 Jahre alt. Während die FSJ-ler ausschließlich im engeren sozialen Bereich eingesetzt würden, könnten Bufdis auch woanders anpacken: in der Küche, als Hausmeister, Gärtner oder im Fahrdienst. „Das hat ganz neue Felder eröffnet“, sagt Magnus. Der Dienst könne auch Arbeitslosen oder Rentnern, die nicht tatenlos herumsitzen wollten, eine sinnvolle Beschäftigung geben.

          In den Behindertenwerkstätten Hainbachtal in Offenbach, die rund 700 Behinderte beschäftigen, sind 2 der 13 Bufdis ehemalige Arbeitslose - eine Frau Mitte 30 und ein 57 Jahre alter Mann. „Sie haben jetzt eine neue Perspektive“, sagt Werkstättensprecher Rudi Schell. Der 57-Jährige habe schon vorher bei den Werkstätten einen Ein-Euro-Job, aber keine berufliche Perspektive gehabt. Er begleite Behinderte beim Sport. „Der ist jetzt glücklich“, sagt Schell.

          „Deshalb ist es besonders schade, dass es jetzt eine Deckelung gibt.“

          Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betont die Vorteile des neuen Dienstes. Gerade bei den Älteren gebe es großes Potenzial, sagt Axel Eppich, Bereichsleiter für die DRK-Freiwilligendienste. „Deshalb ist es besonders schade, dass es jetzt eine Deckelung gibt.“ Dass in so kurzer Zeit 35.000 Freiwillige gefunden wurden, sei ein großer Erfolg und zeige den Bedarf. Zurzeit seien 30 Bufdis in Einrichtungen des hessischen DRKs beschäftigt, etwa in der Behindertenhilfe. Aus Eppichs Sicht kommen für den Bufdi auch Hartz IV-Empfänger infrage. Von ihrem Verdienst von bis zu 330 Euro im Monat könnten sie immerhin 175 Euro behalten, der Rest werde angerechnet.

          Mehr Bewerber als Plätze für Bufdis gibt es auch beim Diakonischen Werk in Hessen und Nassau (DWHN), das gegenwärtig 68 Menschen im Bundesfreiwilligendienst unter Vertrag hat. „Die Nachfrage ist höher, jedoch dürfen wir aufgrund der Kontingentierung keine Plätze mehr vermitteln, da das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben keine weiteren Verträge mehr unterschreibt“, sagt Referentin Ingrid Pontzen. Unter 27-Jährige würden in das Freiwillige Soziale Jahr vermittelt, die übrigen gingen leer aus. Deshalb unterstütze das DWHN die Forderungen, die Mittel aufzustocken, damit alle Freiwilligen sich engagieren könnten.

          Hintergrund

          Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) ersetzt nach dem Aussetzen der Wehrpflicht den Zivildienst. Er dauert 6 bis 24 Monate, in der Regel ein Jahr. Der größte Unterschied zum Pendant der einstigen Wehrpflicht: Das BFD-Angebot richtet sich an alle - Frauen und Männer, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer. Seit Juli 2011 können sie eine zeitlang in Krankenhäusern oder Behindertenheimen, aber auch im Bildungs-, Sport- oder Kulturbereich mitarbeiten und sich so für eine menschenfreundliche Zivilgesellschaft einsetzen.

          Für ihre Arbeit erhalten die „Bufdis“ ein Taschengeld von bis zu 330 Euro, manche Träger stellen zusätzlich auch Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung. Insgesamt ähnelt der Dienst dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), das allerdings nicht vom Bund, sondern von den Ländern gefördert wird. Das FSJ richtet sich zudem nur an Menschen unter 27 Jahren. Bundesweit werden 35 000 Bufdi-Plätze gefördert. In Hessen waren im Februar 2012 rund 1500 Bufdis im Dienst.


           

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