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Zivilcourage - aber richtig : Nie dazwischengehen, wenn Männer sich prügeln

So nicht: Oliver Dreber (links) spielt einen übereifrigen Helfer, der sich in die Gefahrenzone drängt und dem Täter zu nahe kommt. Bild: Patricia Kühfuss

Wer Zeuge eines Übergriffs wird, fragt sich: eingreifen oder nicht? Auf einer Führung zeigt ein Karatelehrer, wie man hilft, ohne die eigene Sicherheit zu gefährden.

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          Die zwei Männer brüllen sich an. „Was soll das? Was willst du?“ Erst schubsen sie sich, dann prallen sie Brust an Brust aufeinander, packen den anderen an den Nacken, an die Seite. Ihre Augen sind aufgerissen, die Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Gleich könnte es den ersten Schlag setzen.

          Angelika Fey
          Redakteurin Audio/Video bei FAZ.NET.

          Eingreifen oder nicht? Mit dieser Frage sind die Teilnehmer des Stadtrundgangs „Mutige Bürger“ konfrontiert, die neben den Streitenden stehen. Rund um die Konstablerwache schulen die acht Männer und Frauen ihre eigene Zivilcourage. Die Kampfszene ist nur gespielt, aber der innere Konflikt, den man als Beobachter einer solchen Eskalation spürt, ist dennoch real. „Wenn zwei Männer aneinandergeraten, nie dazwischengehen!“, rät Oliver Dreber, der die Führung leitet. Die Gefahr sei zu groß. Zudem sei bei männlichen Widersachern oft nur schwer zu erkennen, wer Täter und wer Opfer sei. Am besten sei es, die 110 zu wählen oder andere Passanten hinzuzuholen.

          Erst das Opfer ansprechen

          Dreber kennt sich mit dem richtigen Einsatz der eigenen Kräfte aus: Er ist Karatelehrer und hat das Unternehmen Hara Do gegründet, ein „Institut für Kampf und Kommunikation“. Mit den Teilnehmern spielt er an diesem Tag noch zwei weitere Szenarien durch: einen Beziehungsstreit, in dem der Mann die Frau angreift, und eine Belästigungssituation, bei der ein Mann eine ihm offenbar unbekannte Frau sexuell bedrängt.

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          In beiden Fällen ist ein Eingreifen für Dreber gerechtfertigt. Allerdings sollte der Helfer nicht planlos handeln, sondern so, dass er selbst nicht gefährdet werde. Wichtig sei zunächst, das Opfer aus ein paar Metern Abstand anzusprechen und zu fragen: „Brauchen Sie Hilfe?“ Erst, wenn das bejaht werde, solle man sich dem Opfer von hinten nähern und den Aggressor dabei immer im Blick behalten. Dann könne man die Frau am Ellenbogen aus der Konfliktzone herausziehen, ohne dem Täter dabei den Rücken zuzuwenden. Auf eine Diskussion mit dem Mann solle sich der Helfer auf keinen Fall einlassen. Wer aber einfach vorbei gehe und noch nicht einmal die Polizei rufe, könne sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen.

          Nach Kameras und Notrufsäulen suchen

          Nicht wegsehen, sondern handeln, dazu will Dreber mit seiner „interaktiven Stadtführung durch Frankfurts gefährliche Ecken“ motivieren. Aber Zivilcourage brauche Mut, sagt Aimée Grünwald, die zusammen mit ihrer Freundin beim Rundgang mitmacht. „Man tritt aus der Masse, steht wie auf einer Plattform und bietet eine Angriffsfläche“, meint die 22 Jahre alte Modeschneiderin. Sie selbst habe schon öfter in heiklen Situationen eingegriffen. Deshalb wolle sie sich auf der Führung Tipps vom Experten holen. Michael Fischer, Vater von drei Kindern, sagt, er nehme stellvertretend für die ganze Familie teil. Sein 13 Jahre alter Sohn beginne, sich allein in Frankfurt zu bewegen. Jungen seien besonders gefährdet, in gewaltsame Auseinandersetzungen hineinzugeraten, deshalb wolle er sich vorbeugend informieren. Aus dem gleichen Grund nimmt auch eine Mutter mit ihren drei Söhnen an dem Rundgang teil.

          Der erste Schritt sei das Erkennen, sagt Dreber. Wer eine brenzlige Lage wahrnehme, könne sich selbst und andere schützen. Um die Aufmerksamkeit zu trainieren, geht er mit der Gruppe erst über den Platz der Konstablerwache und anschließend hinunter zu den U- und S-Bahn-Stationen. Die Teilnehmer sollen nach Kameras und Notrufsäulen suchen und selbst beurteilen, welche Stellen ungeschützt sind. Auch wer Zeuge eines Übergriffs wird, sollte zunächst die Situation einschätzen, bevor er handelt. Ist der Täter betrunken oder im Drogenrausch, ist er unberechenbar oder eher träge? Wo ist der nächste Ausgang?

          Es sei nicht sein Ziel, dass alle nun mit einem „Panikradar“ durch die Stadt liefen, hebt Dreber hervor. „Man kann sich in Frankfurt sicher fühlen.“ Doch an Orten, an denen viele Menschen unterwegs seien, könne es zu Raufereien und Diebstählen kommen. Allerdings gebe es dort auch oft die Möglichkeit, sich mit anderen gegen die Täter zu verbünden. „Wo Menschen zusammenstehen, steht die Gewalt allein.“

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