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Zirkusvorstellung für Senioren : Manege frei für die alten Zeiten

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Bunt und schön: Die Manege des Zirkus Roncalli. Bild: Eilmes, Wolfgang

Ein Abend im Circus Roncalli begeistert die Senioren des Budge-Heims. Die Clowns und Artisten erinnern sie an das Schöne in ihrer Kindheit.

          3 Min.

          Erst klagen sie ein wenig über die harten Bänke, das lange Sitzen, und bedauern, dass sie keine Jacke mitgenommen haben. Es werden Brillen aufgesetzt, Handtaschen in den Schoß gelegt, dann wird es still auf der Tribüne. Als die Vorstellung beginnt, vergessen die Bewohner des Henry-und-Emma-Budge-Heims, wie alt sie sind. An diesem Abend, im dunstig roten Licht des Zelts von Circus Roncalli, fühlen sie sich jung wie vor siebzig Jahren.

          „Zirkus - das weckt Erinnerungen“: Dieser Satz fällt immer wieder. Erinnerungen an eine Zeit, an die sie sonst oft nur mit Schrecken denken. Eine Zeit, in der Verfolgung und Krieg herrschten. Die Zirkusbesuche der Jugend gehören dagegen zu den Erinnerungen, die gerne wachgerufen werden. Im Budge-Heim leben Juden und Nichtjuden unter einem Dach zusammen. Einige der Senioren haben das „Dritte Reich“ überlebt, weil sie Deutschland den Rücken kehrten, nach Chile, Uruguay oder Palästina geflohen sind. Andere haben als Soldaten für Hitler gekämpft und waren in Kriegsgefangenschaft. Irgendwann sind sie dann in Frankfurt gelandet oder dorthin zurückgekommen.

          „Musik kann ich aber noch hören“

          Zum Beispiel Eberhard Polednik. „Sie sehen aus wie ein General“, sagt er zu der hübschen Platzanweiserin mit der prächtigen gold-roten Uniform und den langen getuschten Wimpern. Sie antwortet mit einem professionellen Lächeln auf das eigenartige Kompliment. Eberhard Polednik hat in seinem Leben viele Uniformen gesehen. Mit 17Jahren wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen, im Krieg kämpfte er als Soldat in Danzig, Belgien und Frankreich. Die Zirkuswelt findet der gebürtige Sachse herrlich. „Als ich jung war, bin ich zweimal im Monat in den Zirkus gegangen“, erinnert er sich mit wehmütigem Lächeln. Mit 14Jahren sei er sogar mit einem abgehauen. Vier Wochen durfte er Tiere füttern und beim Auf- und Abbau mithelfen. Ein großes Abenteuer, von dem der Neunzigjährige noch heute schwärmt.

          Sein Sitznachbar Izi Gutman begeistert sich an diesem Abend vor allem für die Musik. Der kleine Mann mit der weißen Baseballkappe versteht kaum die Worte, mit denen Zirkusmanager Patrick Philadelphia die Besucher begrüßt. „Musik kann ich aber noch hören“, sagt er, und seine blauen Augen strahlen, als er nach nur wenigen Takten der Zirkusband Verdis „La Traviata“ und dann den „Rigoletto“ erkennt. Musik hat ihn sein ganzes Leben begleitet, in Rumänien, wo er geboren wurde, in Palästina, Frankreich und in den Vereinigten Staaten, wo er gelebt hat, bevor er nach Deutschland kam, um hier alt zu werden. Jetzt ist Izi Gutman 92Jahre alt, hört Opern im Internet und hält sich körperlich fit. Nur hören kann er nicht mehr so gut. „Was hat der gesagt?“ fragt Gutman, als der Clown David Larible das Publikum zum Lachen bringt. Eberhard Polednik wiederholt die Worte.

          In der Pause wird die Manege umgebaut

          „Heieiei“, erklingt es von den älteren Damen, als drei knapp bekleidete Artistinnen in der Luft schwebend Arme und Beine in alle möglichen Richtungen strecken. Auch die Männer zeigen sich beeindruckt von den Körpern der Artisten. „Der ist gelenkiger als wir“, stellt Polednik nüchtern fest, als der Tänzer Alexander Wengler schlangenartig über den Manegenboden gleitet und im Diskolicht zuckt. Vor allem die vier Brüder der Familie Cedeño haben es den alten Menschen angetan. Die Artisten in den weißen Anzügen mit den Glitzernähten werfen sich gegenseitig in die Luft, schlagen Salti, um dann wieder auf den ausgestreckten Beinen eines Bruders zu landen. „Eine Nummer besser als die andere“, raunt Gutman seinem Sitznachbarn atemlos zu. Polednik klatscht begeistert und nickt: „Das sind Südamerikaner, oder? Aus Seckbach sind die nicht, dann würd’ ich die kennen.“

          In der Pause wird die Manege umgebaut. Der Auf- und Abbau erinnert Polednik an einen Besuch Adolf Hitlers in Danzig. Als junger Soldat musste er die Straßen für den „Führer“ absperren. „Waren alle ziemlich verrückt nach Hitler damals, oder?“, fragt Gutman mit einem Seitenblick auf Polednik. „Verrückt ist gar kein Ausdruck“, erwidert der und schüttelt den Kopf. Wieder tritt David Larible auf und bringt alle zum Lachen. Die alten Zeiten sind vergessen.

          Drei Stunden Show

          Als der Clown sich entzückt in die Arme einer jungen Frau aus dem Publikum wirft, lächeln sich Polednik und Gutman wissend an. Sie leben schon einige Jahre allein, beide sind Witwer. Die Freunde halten sich gegenseitig in Form, trainieren täglich im Fitnessstudio des Altersheims. „Die 100 kriegen wir noch voll“, sagt Polednik. Vorhin haben sie darüber gewitzelt, wer wohl von beiden als Erster den Salto Mortale am Trapez vollführen werde.

          Nach fast drei Stunden neigt sich die Show dem Ende zu. Für den Abschlusswalzer bitten die Zirkusartisten das Publikum zum Tanz in die Manege. Polednik und Gutman bleiben auf ihren Plätzen. Dort wiegen sie sich sanft im Takt.

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