https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/zirkus-motorradfahrer-gefaehrlicher-als-formel-1-13261115.html

Zirkus-Motorradfahrer : Gefährlicher als Formel 1

  • -Aktualisiert am

Abgehoben: Ein bisschen irre muss man sein für diesen Beruf. Bild: Wonge Bergmann

Dem verunglückten Motorradspringer vom Zirkus Flic Flac geht es wieder besser. Er und seine Kollegen riskieren mit ihren tollkühnen Nummern ihr Leben – Abend für Abend.

          2 Min.

          Der verrückte Slowene hat mehr Glück als Verstand gehabt. Sandi Medved war am vergangenen Mittwoch bei seinem Sprung über die Manege des Zirkus Flic Flac abgestürzt. Mittlerweile konnte er die Unfallklinik, in die er gebracht worden war, wieder verlassen. Noch schmerzen seine Prellungen. Aber was sind die paar Schmerzen gegen ein Leben im Rollstuhl oder gar den Tod. All das kann einem leicht zustoßen, wenn man aus mehreren Metern Höhe auf eine Rampe fällt.

          Benno Kastein, Direktor des Zirkus Flic Flac, zeigt den gefilmten Unfall auf seinem Handy. Medved schießt mit seinem Motorrad von der Rampe in die Luft, fliegt über die große Stahlkugel der anderen Motorradkollegen, richtet sich dabei zu einem Handstand über seinem Lenker auf – und lässt diesen plötzlich los. Fahrer und Motorrad landen getrennt auf der Erde. Eindeutig ein Fahrfehler.

          Geschätzt 500 Motorrad-Profis

          Seit sechs Jahren zeigt Kastein Motorradfahrer, die im „Free Style“ über die Manege springen und dabei noch diverse Tricks ausführen. Zum Beispiel einen Backflip, einen Salto rückwärts. Oder einen Cliffhanger, bei dem der Fahrer seine Füße unter dem Lenker einhakt und seinen Körper nach oben ausstreckt. Auch Whips, bei denen die Maschine zur Seite gedreht wird und quer zur Flugrichtung steht, zeigen die Jungs von der Truppe „Mad Flying Bikes“. „Noch nie“, sagt Kastein, „ist etwas passiert.“ Zumindest nicht in seinem Zirkus.

          Dagegen hat es woanders schon häufiger gekracht. Die Motocross-Springer führen ihre Kunststücke sonst in Hallen auf. Es gibt Freestyler-Shows, die durch die ganze Welt ziehen, von England über Amerika bis ins arabische Dubai. Geschätzte 500 Profis verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt und riskieren Abend für Abend Kopf und Kragen. Freilich für gutes Geld. In diesem Freestyler-Zirkus ist schon mancher abgestürzt, es hat auch Tote gegeben. „Freestyler leben gefährlicher als Formel-1-Piloten“, sagt Kastein.

          Unfall kein Abschreckungsbeispiel

          Er kennt die Szene seit Jahren, hat sich selbst in diesen Kreisen herumgetrieben. Der Flic-Flac-Chef war der Erste, der die Motorrad-Flieger in den Zirkus geholt hat. „Ganz normal sind die Jungs nicht“, sagt er. Man müsse schon ein wenig verrückt sein, um sich auf diesen Sport einzulassen. „No Limits“ – „Keine Grenzen“ hieß die Flic-Flac-Show, für die Kastein zum ersten Mal eine Rampe in ein speziell gefertigtes überdimensionales Zelt stellen und Motorradfahrer zu tollkühnen Flügen abspringen ließ.

          Nun hat er die Nummer für das normale Zelt übernommen. Zuvor hat er bei Testsprüngen alles sorgfältig ausmessen lassen: Absprungwinkel, Flughöhe, Sprungweite. Am Ende war er sich sicher, dass die Freestyler-Nummer auch ins Standard-Chapiteau passte. Knapp nur, aber der Platz reichte aus. So wurde die Darbietung der „Mad Flying Bikes“ zur Attraktion der Show „Höchststrafe“, mit der Flic Flac zur Zeit durch die Republik tourt. Selbst der Absturz ihres Kollegen Medved vor einer Woche hat die verrückten Motocrosser nicht von weiteren Sprüngen abgeschreckt. Abend für Abend katapultieren sie sich auf dem Festplatz am Ratsweg unerschrocken in den Manegen-Himmel.

          Im Januar wird Kastein seine Paradenummer beim Zirkusfestival in Monte Carlo zeigen. Dafür wird er die Besten aus der Freestyler-Szene engagieren. Den Zirkus-Größen, die sich jedes Jahr zu diesem Festival versammeln, soll einmal für fünf Minuten der Atem stocken. Eine Rampe für das besonders große Chapiteau dort hat Kastein schon bauen lassen. In Monte Carlo, berichtet er voller Freude, hätten seine Freestyler einmal richtig viel Platz, um ihre Tricks in allen Details zu zeigen: den Cliffhanger, die Whip und vielleicht sogar den Double Backflip, den zweifachen Salto rückwärts.

          Weitere Themen

          Die Qualen mit den Zahlen

          Corona-Statistiken : Die Qualen mit den Zahlen

          In drei Jahren Corona-Pandemie gab es Zahlen und Statistiken im Überfluss – aber auch viel Verwirrung darüber, was sie eigentlich bedeuten. Völlig vermeiden lässt sich das wohl kaum.

          Topmeldungen

          Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad (undatierte Aufnahme).

          80 Jahre Stalingrad : Der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs

          Schon Zeitgenossen hatten das Gefühl, dass im Süden der Sowjetunion Kriegsentscheidendes geschah. Die Niederlage von Stalingrad markierte vor 80 Jahren den Anfang vom Ende des hitlerschen Reiches.

          F.A.Z. exklusiv : So viele Geldautomaten gesprengt wie nie zuvor

          Ein Anstieg um mehr als 25 Prozent: 2022 hat die Polizei nach Informationen der F.A.Z. einen Höchststand bei Automatensprengungen registriert. Ermittlern ist nun ein Schlag gegen eine niederländische Bande gelungen.
          Brandenburger Idylle: Gerade in ländlichen Regionen ziehen junge Frauen oft ins Elternhaus des Partners.

          Leben bei den Schwiegereltern : Idylle oder Albtraum?

          Die Idee klingt praktisch: Lass uns doch, sagt der Partner, ins Haus meiner Eltern ziehen. Unsere Autorin war skeptisch. Aber sie ließ sich überzeugen, das Lebensmodell eine Weile zu testen – und hat heute eine sehr eindeutige Haltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.