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Zirkus Krone : Kampf um Tiger, Löwe und Elefant

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Minimierung des Lebensraums

Einen solchen Vergleich, der auf eine hotelähnliche Verpflegung anspielt, würde Madeleine Martin höchstwahrscheinlich unter keinen Umständen bemühen. Sie kritisiert zuvorderst die Haltung der Tiere am Auftrittsort – und eine fehlende Verordnung. „Es gibt nur Leitlinien, und die sind in die Tage gekommen“, sagt Martin. „Diese Leitlinien gehen von einer Hypothese aus, die veraltet ist.“ Sie besagten, die Tiere würden sich in der Manege austoben und dadurch gleiche sich die Minimierung des Lebensraums aus. „Aber die Tiere haben zwei Vorstellungen am Tag, jeweils zehn Minuten lang, proben vielleicht eine halbe Stunde und sind dann insgesamt 50 Minuten beschäftigt“, rechnet die Tierschutzbeauftragte vor. Melnjak hält das für ausreichend, je nach Art. „Einen Tiger zum Beispiel muss man gar nicht großartig beschäftigen, der schläft ohnehin 22 Stunden am Tag“, sagt der Zirkusdirektor.

Die Begeisterung für Vorstellungen mit Wildtieren ist offenbar ungebrochen. Das gilt zumindest für den Zirkus Charles Knie. „Unser Zelt hat 1400 Plätze und ist oft ausverkauft“, sagt Melnjak. „Wir haben pro Spielzeit etwa eine halbe Million Zuschauer.“ Die Zahlen stimmen also, allein das Image ist angekratzt. Verantwortlich macht Melnjak dafür übereifrige Tierschützer. „Zirkusse sind eben ein leichtes Opfer für Tierrechtler.“ Um das öffentliche Ansehen aufzupolieren, setzt der Zirkus Charles Knie auf Transparenz. „Die Leute können kommen, die Tiere außerhalb der Vorstellungen sehen und auch bei Proben dabei sein“, sagt der Direktor.

Auf Kuschelkurs: Dompteur Alexander Lacey mit Tiger.

Für ihn sind Tiere untrennbar mit dem Zirkus verbunden, für den Verband Deutscher Circusunternehmen ebenfalls. „Tiere sind im klassischen Zirkus eine wichtige Säule und werden vom Familienpublikum nach wie vor gewünscht und erwartet“, heißt es dort. Ein Zirkus ohne Tiere sei eher ein Varieté oder ein „Theater“. In Deutschland gibt es etwa 300 Zirkusunternehmen, darunter allerdings nur noch eine Handvoll sogenannter „Großzirkusse“ wie Krone, Charles Knie, Probst und Voyage. Zudem existieren ungefähr zehn mittelgroße Unternehmen, der Rest sind reine Familienunternehmen. Insgesamt ist die Zahl der großen Betriebe nach Angaben des Verbandes in den vergangenen zehn Jahren leicht zurückgegangen, die der Familienunternehmen hingegen konstant geblieben oder sogar gestiegen.

Aus Martins Sicht haben indes lediglich die Zirkusse eine Zukunft, die sich von Tieren verabschieden. Nicht von allen, aber von wilden. „Es gibt hervorragende Nummern mit Hunden, Katzen oder Schweinen“, sagt sie. „Das ist alles auch überhaupt kein Problem.“ Dann ergänzt sie: „Es gibt Zirkusse, die erkannt haben, dass Unternehmen sich verändern müssen. Eher die größeren hinken da noch hinterher.“ Kleine Zirkusse hätten teilweise ihre Konzepte bereits modifiziert. „Deren Schwerpunkte liegen nicht mehr auf Wildtieren, sondern auf Projektarbeit mit Schulen, Kindergärten oder der Kirche.“ Während Martin davon erzählt, wirkt sie optimistisch. So, als kämpfe sie nicht gegen Windmühlen. So, als würden sie und ihre Mitstreiter gehört.

1400 Besucher gegen wenige Demonstranten

Melnjak will davon nichts wissen. „Es ist eine krasse Ideologie, die von Tierrechtlern vertreten wird“, klagt er. „Bei uns hat ein Tier mehr Abwechslung als im Zoo.“ Zusätzlich erinnert er noch einmal an die Besucherzahlen seiner Vorstellungen: oft 1400. Und vergleicht das mit Protesten vor dem Zelt. „Die gibt es manchmal“, sagt er. „Das sind dann meistens drei bis zehn Leute.“

In naher Zukunft wird das Spiel vermutlich so fortlaufen. Zirkusdirektoren wie Melnjak kämpfen mit voller Inbrunst weiter für den Erhalt der jahrelangen Tradition, nervenkitzelnde Kunststücke mit Wildtieren vorzuführen. Ein Dompteur, der fast eins wird mit den Raubkatzen, wie Alexander Lacey. Tierschützer wie Martin werden weiter ein generelles Verbot von Wildtieren in Zirkussen erwirken wollen.

Danach sieht es allerdings nicht aus. Die Bundeslandwirtschaftsministerin spricht zwar einerseits vom „Einstieg in den Ausstieg“ aus einigen Tierarten im Zirkus, andererseits setzt sie aber auf eine einvernehmliche Lösung mit den Zirkusbetreibern. Seit einem Jahr stehe man mit denen verstärkt im Kontakt, um ein gemeinsames Konzept zur Haltung von Tieren zu vereinbaren, heißt es aus Berlin. Dabei gehe es sowohl um allgemeine Anforderungen, wie das Vorhalten eines Winterquartieres, als auch um spezielle Vorgaben für Haltung und Transport einzelner Tierarten.

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