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Zipper zappt in Darmstadt : Satire im Trauzimmer

Keine lukrative Aufgabe: Hans Zippert wird im Hochzeitsturm vorlesen. Bild: Marcus Kaufhold

Der Journalist und Autor Hans Zippert ist neuer Turmschreiber in Darmstadt. Schon bei seiner Vorstellung zeigte er sich gewohnt scharfzüngig.

          Öffentliche Lesungen im Trauzimmer des Hochzeitsturms als „literarisches Erlebnis“: Damit hat Hans Zippert nicht gerechnet. „Das hätten Sie mir vorher sagen können“, meinte der Journalist und Autor gestern bei seiner Vorstellung als Darmstadts neuer „Turmschreiber“. Sofort rechnete er vor, dass von dem 5000-Euro-Jahresstipendium für das Turmschreiberamt nach Abzug aller Unkosten nur eine ziemlich schmale Gage je Lesung von 130 Euro bleibe – vor Steuern.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Über die launige Einführung zeigte sich Oberbürgermeister und Kulturdezernent Jochen Partsch (Die Grünen) nicht düpiert, im Gegenteil: Er hatte sie erwartet. Schließlich ist Darmstadts Turmschreiber 2018 kein unbeschriebenes Blatt: Zippert, 1957 in Bielefeld geboren, war von 1990 bis 1995 Chefredakteur der satirischen Zeitschrift „Titanic“. Seit 1999 schreibt er in der „Welt“ die tägliche Kolumne „Zippert zappt“ und in der „Welt am Sonntag“ den wöchentlichen Beitrag „Zipperts Wort zum Sonntag“. 2007 wurde er zum Journalisten des Jahres gewählt, im selben Jahr gewann er den Henri-Nannen-Preis, der auch 2011 an ihn ging. „Sein kritischer Blick, seine scharfe Zunge und seine Fähigkeit, das Erzählte satirisch bis hin zum Spott aufzuladen“ stellen ihn nach Meinung von Partsch in eine Reihe großer Darmstädter Autoren wie Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg und Georg Büchner – und auch in die Tradition der Neuen Frankfurter Schule. Das wiederum passe gut zu Darmstadts Weltkulturerbe-Bewerbung. „Ich bin gespannt, was er aus seinem Amt machen wird.“

          Der Förderkreis Hochzeitsturm, 1983 gegründet, vergibt die Aufgabe der literarischen Würdigung des Hochzeitsturms seit 2013. Erster Turmschreiber war der Darmstädter Journalist und Autor Paul Hermann Gruner. Ihm folgte die in Darmstadt lebende Schriftstellerin Katja Behrens. Sie beide waren der Aufgabe auf je eigene Weise nachgekommen, Darmstadts Stadtikone als Literaturhaus zu nutzen. Gruners zusammengefassten Vorträge liegen inzwischen als Buch vor, Behrens’ Reflexionen über ihr Leben als Schriftstellerin sollen nächstes Jahr erscheinen.

          Und Zippert? Werden seine Turmschreiber-Vorträge neue Erkenntnisse bringen, wie Partsch hofft? Nach dem vom Förderverein vorgelegten Programm darf das Publikum auf vollumfängliche Aufklärung hoffen. Der Satiriker, der Bücher mit so schönen Titeln wie „Warum Regenwürmer nicht zuhören und Eichhörnchen schlecht einparken“ geschrieben hat, wird im Trauzimmer des Hochzeitsturms etwa erläutern, warum nicht alle Politiker korrupt sind und man sich morgens im Spiegel manchmal nicht mehr erkennt. Das Publikum wird auch erfahren, wann es seinen Teller lieber nicht leer essen sollte, ob der Penis der „Mercedes unter den Geschlechtsorganen ist“ und ob es sich bei Menschen um sprechende Tiere handelt.

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