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Zeitungsbotin in Frankfurt : Morgens, halb fünf, im Ostend

Arbeiten in Corona-Zeiten: Ingrid Stegemann bei ihrer Arbeit als Zeitungsausträgerin Bild: Cabrera Rojas, Diana

Wenn andere aufstehen, hat die Frankfurterin Ingrid Stegemann ihre Arbeit schon hinter sich: Sie trägt auch in der Corona-Krise Zeitungen aus.

          4 Min.

          Es rumpelt in der Stille. Das Rattern der Räder auf den Gehwegplatten wird immer lauter, dann biegt Ingrid Stegemann um die Ecke des Mousonturms. Sie zieht eine Sackkarre hinter sich her. Zwei große schwarze Taschen sind daran befestigt, eine oben und eine unten. Noch sind sie so leer wie die Straßen von Frankfurt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Morgens um halb fünf schläft die Stadt noch. Es ist stockfinster, die Vögel werden langsam wach. Ihr Konzert im Ostend hören nur Frühaufsteher. Stegemann – Piercing über dem rechten Auge, hennarote Haare, schlanke Statur – genießt es, wenn sie die Stadt ganz für sich hat. „Dann kann ich sogar mitten auf der Berliner Straße laufen.“ Die ist immerhin vierspurig.

          Kein Besuchsverbot für die Zeitungsbotin

          Vor dem Pflegeheim neben dem Mousonturm liegen 160 Zeitungen in kleinen Stapeln, die mit durchsichtiger Folie und Plastikbändern verschnürt sind. Stegemann bückt sich, reißt die Folie auf und sortiert. Die F.A.Z. auf den einen Stapel, die „Frankfurter Neue Presse“ auf den anderen, die „Frankfurter Rundschau“ auf den dritten. Außerdem gibt es noch ein „Handelsblatt“, eine „taz“, ein paar „Süddeutsche“ und die „Bild“. Und das Kindermagazin „ZeitLeo“. „Da denke ich oft drüber nach, wer das wohl liest“, sagt Stegemann.

          Ihre erste Station ist das Pflegeheim, 100 Zeitungen haben allein die Senioren abonniert. „Es bleibt im Alter ja nicht viel. Gutes Essen und eine Zeitung“, sagt Stegemann. Heute hat eine neue Schwester Nachtdienst. Sie kennt die Zeitungsbotin noch nicht und öffnet die Tür vorsichtig. Besucher müssen seit ein paar Wochen draußen bleiben. Am Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben Enkelkinder ein großes Plakat befestigt: „Wir lieben Oma“. Für Stegemann gilt das Besuchsverbot nicht, sie kann das Foyer betreten und zu der Wand mit den Briefkästen gehen. Um die Uhrzeit trifft sie dort sowieso niemanden. Als sie wieder herrauskommt, erzählt Stegemann, dass einer der Briefschlitze heute zugeklebt war. „Dann weiß ich, dass die Bewohnerin gestorben ist. Gestern war sie noch da.“

          Systemrelevanz mal anders

          Nach dem Pflegeheim faltet Stegemann die übrigen 60 Exemplare, packt sie in die Taschen und macht sich auf den Rundweg durch ihren Bezirk. Sie geht schnell und hat alle Adressen im Kopf. Wer welche Zeitung abonniert hat, das weiß sie auswendig. Einmal bleibt sie stehen und fasst sich an den Kopf. „Ach, ich habe eine vergessen. Hausnummer 17, die ist neu dazugekommen. Man muss höllisch aufpassen!“ Manchmal sieht Stegemann es den Häusern schon an, welche Lektüre ihre Bewohner bevorzugen: „Wenn eine Friedenstaube auf der Garage klebt, ist es die ,Rundschau’.“ Und im Altenheim lesen die meisten Abonnenten die F.A.Z.. Wenn ein Haus nicht direkt am Rundweg liegt und Stegemann hin- und zurückgehen muss, stellt sie den schweren Wagen auf dem Gehweg ab, schnappt sich zwei, drei Zeitungen und macht die kurzen Abstecher schnell ohne die Sackkarre.

          Stegemann ist keine Krankenpflegerin und keine Ärztin. Aber in der Corona-Krise sind Zeitungsboten eigentlich auch systemrelevant, denn sie versorgen die Abonnenten mit Informationen. Das ist nicht nur in einem Pflegeheim wichtig, dessen Bewohner nun von der Außenwelt besonders streng abgeriegelt sind, nicht nur alte Leute wollen sich in Krisenzeiten gut informieren. Die Abonnentenzahl bleibt in dem Bezirk im Ostend deshalb nicht nur stabil: „Es werden eher mehr.“

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