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Zeitungsbotin in Frankfurt : Morgens, halb fünf, im Ostend

Sieben Tage in der Woche, egal, bei welchem Wetter

Wer eine Zeitung abonniert hat, will mit ihr frühstücken. Um sechs Uhr schiebt Stegemann deshalb die letzte Zeitung in den Kasten, sonntags muss sie erst zwei Stunden später fertig sein. Weil sie jeden Morgen so früh unterwegs ist, muss sie abends zeitig ins Bett. Stegemann wohnt in der Innenstadt nahe der Paulskirche und geht um 20 Uhr schlafen. Die Rentnerin hat sich daran gewöhnt, dass sie abends nichts unternehmen kann. „Dann gehe ich eben nachmittags ins Kino.“ Oder manchmal am frühen Abend in die Oper.

Seit fast einem Jahr klappert Stegemann nun schon die Briefkästen im Ostend ab. Schlechtes Wetter macht ihr nichts aus. „Es regnet nur selten und schneit so gut wie nie.“ Nur wenn es sehr kalt ist, werden schnell die Finger steif, denn Handschuhe sind bei ihrer Arbeit unpraktisch. Es sind einsame Runden, nur am Wochenende trifft sie manchmal auf Nachtschwärmer, die frühmorgens aus der Kneipe oder Disko kommen. An sieben Tagen in der Woche ist sie unterwegs, denn auch am Sonntag stellt sie die Zeitung zu. Dann sind die Taschen noch etwas schwerer als sonst. „Ostern und Karfreitag sind für mich echte Feiertage.“

„Ich soll meinen Körper viel durch die Gegend tragen“

Stegemann trägt bequeme Laufschuhe. Wenn ein Kollege krank oder im Urlaub ist, übernimmt sie auch noch dessen Zustellbezirk. So kommt sie auf mehr als 150 Kilometer im Jahr. Das hält fit. Weil die Knochen schmerzen, haben die Ärzte ihr empfohlen, sich viel zu bewegen. „Ich soll meinen Körper viel durch die Gegend tragen.“ So kam sie auf die Idee, Zeitungen auszutragen und nebenbei durch den Minijob auch ihre Rente aufzubessern. Früher hat sie als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei gearbeitet. Jetzt verdient sie sich im Ruhestand etwas dazu. Früher war es üblich, den Zeitungsboten an Weihnachten einen Geldschein zuzustecken. Aber diese schöne Sitte scheint langsam auszusterben. Nur im Pflegeheim bekommt sie manchmal noch zehn Euro.

Stegemann wirkt nicht wie ein Mensch, der viel jammert. „Das ist doch ein toller Job. Es macht mir richtig Spaß. Und für die Gesundheit ist das sehr zuträglich“, sagt sie und lächelt breit und ehrlich. Manches könne man trotzdem verbessern. Dass die Werbeprospekte längs und nicht quer in die Zeitungen gesteckt werden, das nervt zum Beispiel. Denn dann muss Stegemann die Prospekte immer umlegen, bevor sie die Zeitung falten kann. Denn nur so passt sie in den Briefkasten. Bei 160 Zeitungen kostet sie das einige Minuten.

Feierabend bevor andere aufstehen

„So, das war’s!“ Es ist erst zwanzig vor sechs, als Stegemann vor Hausnummer 14 am Sandweg die letzte Zeitung in den Briefkasten steckt. Nach der Tour bleiben immer ein paar Exemplare übrig. Das ist ein Puffer, den der Zeitungsvertrieb eingeplant hat. Die nimmt Stegemann mit nach Hause und entsorgt sie im Altpapier. Aber vorher wirft sie einen Blick hinein. Sie liest am liebsten die „Frankfurter Rundschau“.

Wenn andere aufstehen, hat Stegemann ihre Arbeit schon hinter sich. Auf dem Rückweg geht sie manchmal zum Bäcker, der um sechs Uhr aufmacht. „Ich habe immer zwei Euro dabei.“ Aber nach einem süßen Frühstück ist ihr nach so viel körperlicher Arbeit nur selten. „Eher nach Pommes mit Mayo.“

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