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Zeitung auf Arabisch : Türöffner für Flüchtlinge

  • -Aktualisiert am

Aufklärer: Hani Harb und Rita Bariche arbeiten bei der Flüchtlings-Zeitung „Abwab“ mit. Zu Gast in der F.A.Z.-Redaktion erläutern sie Inhalte und Ziele ihres Blattes. Bild: Silber, Stefanie

Eine vorwiegend in Arabisch geschriebene Zeitung wendet sich an Geflüchtete. Sie heißt „Abwab“ - „Türen“. Zwei ihrer Macher kommen aus Frankfurt.

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          „Wenn die allgemeinen Menschenrechte wie ein nahezu unerreichbarer Traum erscheinen, ist dies der schmerzlichste aller denkbaren Zustände - und Normalität in meinem Land.“ Mit diesen Worten beklagt der syrische Lyriker Fady Jomar die Zustände in seiner Heimat. Sie sind nachzulesen in der Zeitung „Abwab“. Sein Beitrag „Warum ich Flüchtling wurde“ gibt dem deutschen Leser Einblick in das Schicksal von Menschen wie Jomar, nicht ohne Grund wurde der Text ins Deutsche übersetzt. Die meisten Artikel sind in arabischer Sprache abgedruckt, sollen aber auch dem besseren Kennenlernen dienen: Sie sollen Flüchtlingen helfen, die deutsche Gesellschaft besser zu verstehen. So wird der Titel des Blatts zum Programm: „Abwab“ bedeutet „Türen“.

          Zwei Autoren der Zeitung leben in Frankfurt, beide stammen aus Damaskus. Rita Bariche, 35 Jahre alt, hat in der Finanzbranche gearbeitet, kam wegen des Berufs vor etwa drei Jahren nach Frankfurt und ist mittlerweile als Übersetzerin tätig. Sie überträgt Bücher vom Französischen ins Arabische. Der 32 Jahre alte Hani Harb ist Biologe, kam vor elf Jahren zum Studium hierher und arbeitet auf einer Postdoc-Stelle im Institut für Laboratoriumsmedizin in der Uniklinik Marburg.

          Keine Beurteilung der politischen Lage

          Chefredakteur ist der in Köln lebende syrisch-palästinensische Schriftsteller Ramy Al-Asheq. Der Sechsundzwanzigjährige war inhaftiert gewesen und kam über ein Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland.

          „Wir versuchen, die Denkweise der Flüchtlinge zu justieren, damit sie sich ins deutsche System integrieren“, umschreibt Harb die Aufgabe der Zeitung. Das geschieht etwa mit Artikeln über das Amt und die Wahl des Bundespräsidenten, über Religion in einem säkularen Staat, die Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt und den besonderen Schutz vor Gewalt, den Frauen und Kinder haben. Aber auch über Themen wie Schwarzarbeit von Flüchtlingen, das der AfD in die Hände spiele. Man müsse auch über Tabus sprechen, sagen Harb und Bariche.

          Fester Bestandteil der Zeitung sind aber auch Berichte aus Syrien, dem Nahen Osten und dem Maghreb. Die meisten Leser kommen Harb zufolge aus Syrien und dem Irak. In der Beurteilung der politischen Lage in Syrien halte „Abwab“ sich zurück - zu den Lesern gehörten sowohl Anhänger als auch Gegner des Assad-Regimes. „Es ist außerdem nicht unsere Aufgabe, über Syrien zu reden.“

          Informationen über Bio-Küche

          Die Anschläge von Flüchtlingen in Deutschland - der des Jugendlichen in einem Zug bei Würzburg und der des Mannes in Ansbach - kritisiert Harb scharf. „Ich habe solche Taten immer verurteilt.“ Allerdings sei es auch wichtig, dass über den Amoklauf in München gesprochen werde, der offenbar einen rechtsextremen Hintergrund gehabt habe.

          Harb ist in der Zeitung vor allem zuständig für Studium und Weiterbildung, Bariche für das Thema Kochen. Sie hebt hervor, wie wichtig gerade dieses Thema für die Förderung von Integration sei. Zum Beispiel informiert sie über saisonale Angebote in Deutschland und die Bio-Küche. Für die Juni-Ausgabe hatte sie einen türkischen Lebensmittelmarkt besucht und die Namen von Gewürzen und Fleischsorten auf Arabisch und Deutsch zusammengetragen.

          Zwei bis drei Artikel auf deutsch

          Im Dezember 2015 erschien die erste Ausgabe. Die Auflage ist von 40 000 auf 70 000 Exemplare gestiegen. „Wir hoffen, dass wir weiter wachsen“, sagt Harb. Vielleicht gebe es einmal ein ähnliches Projekt in Frankreich. Das monatlich erscheinende, 24 Seiten umfassende Blatt wird an Flüchtlinge verteilt, zum Beispiel in Unterkünften. Einige geben sie dann weiter, zum Beispiel in Cafés. Finanziert wird es über Werbeeinnahmen. Zu lesen ist die Zeitung unter der Adresse www.abwab.eu auch im Internet.

          „Abwab“: Eine Zeitung für Flüchtlinge in Deutschland.

          Wie Harb und Bariche schildern, arbeiten an jeder Ausgabe etwa 18 Schreiber aus mehreren Städten mit. Fünf von ihnen haben eine Ausbildung als Redakteur, zum Beispiel Al-Asheq. Bisher werden zwei bis drei Artikel ins Deutsche übersetzt. Vielleicht werden es einmal mehr sein.

          „Es ist nach wie vor dunkel“

          Wichtig ist Harb und Bariche, dass die Zeitung Flüchtlingen Beispiele einer gelungenen Integration vor Augen führt. Zum Beispiel einen Syrer, der eine kleine Käseherstellung aufgebaut hat. „Das gibt Hoffnung, dass Integration gelingen kann“, sagen die beiden. Oder den nicht zuletzt über seinen Youtube-Kanal „Zukar“ (Zucker) bekannten Schauspieler und Filmemacher Firas Al-Shater. Der Regimekritiker musste aus Damaskus fliehen und lebt seit 2013 in Berlin.

          Nach ihrer Hoffnung für Syrien gefragt, antwortet Harb: „Ohne eine Einigung von Russland und Amerika wird es keine Zukunft geben. Aber die Leute wollen ein freies Land.“ Eventuell könne es eine Aufteilung des Landes geben, ähnlich wie es in Jugoslawien der Fall gewesen sei.

          Für Bariche zeichnet sich derzeit noch gar keine Lösung für Syrien ab, sie klingt skeptischer als ihr Kollege: „Ich kann kein Ende des Tunnels sehen, kein Licht. Es ist nach wie vor dunkel.“

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