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Neuer Bürgermeister-Typus : Zeitgeist und Wahlrecht

Unterschiede: Mit dem Namen von Peter Feldmann verbindet – anders als im Fall seiner Vorgängerin Petra Roth – außerhalb der Mainmetropole niemand etwas. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Bürger wissen Macher immer seltener zu schätzen, und sie sind hellhöriger geworden für Zeichen der Abgehobenheit. Folge: Es dominiert der Typus des freundlichen Stadtoberhaupts, das Konfliktthemen meidet.

          Michael Antenbrink muss in Flörsheim Bernd Blisch weichen. Der Amtsinhaber ist vom Wähler ziemlich unsanft aus dem Rathaus hinaus- und in den politischen Ruhestand hineinbefördert worden. Eine Entscheidung, die viel mit lokalen Befindlichkeiten zu tun hat. Die aber auch für einen Trend steht. Noch ein kantiger Bürgermeister weniger, geschlagen von einem freundlichen Zeitgenossen mit etwas vagem Programm.

          Dass ein Stadtoberhaupt eine deftige Wahlniederlage erleidet, und das nach zwei Amtszeiten, wäre früher als Kunststück durchgegangen, galt doch die Regel, dass Bürgermeister mit jedem Jahr fester im Sattel sitzen, wenn sie sich nicht schwere Fehlgriffe erlauben, was auf Antenbrink nicht zutrifft.

          Gefahr der Entfremdung

          Die Anforderungen an die maßgeblichen Männer und Frauen in den Kommunen haben sich offenbar geändert. Mit der Erfahrung wächst heute nicht mehr so sehr die Autorität, sondern eher die Gefahr der Entfremdung. Die Bürger wissen Macher immer seltener zu schätzen, und sie sind hellhöriger geworden für Zeichen der Abgehobenheit. Sie erwarten, dass sich der Amtsträger möglichst oft des Rückhalts in der Bürgerschaft vergewissert, und haben weniger Vertrauen, dass er in der Abwägung sich widersprechender Interessen schon weiß, was er tut.

          Die Folge sind stets freundlich auftretende Stadtoberhäupter, die eine Positionierung in Konfliktfällen vermeiden. Großprojekte sind auf diese Weise nicht zu stemmen. In Mainz hat Michael Ebling vermieden, vor dem Bürgerentscheid über den Erweiterungsbau für das Gutenberg-Museum Stellung zu beziehen. Vom Frankfurter Oberbürgermeister ist viel Salbungsvolles zu hören, aber nichts Konkretes etwa zur Zukunft der Städtischen Bühnen oder des Kulturcampus.

          Erst Ude und nun wer?

          Die Direktwahl der Bürgermeister, die 1992 auch in Hessen eingeführt wurde, hat diesen Trend verstärkt. Sie hat die Kommunalpolitik auch provinzieller gemacht, weil Auswärtige mangels Ortskenntnis kaum eine Chance haben, in einem Wahlkampf gegen Einheimische zu bestehen.

          Kein Wunder, dass die Zahl der Oberbürgermeister, die man außerhalb ihrer Stadt kennt, in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist. Mit dem Namen Feldmann verbindet – anders als im Fall seiner Vorgängerin Petra Roth – außerhalb der Mainmetropole niemand etwas. Auf Christian Ude folgte in München – wer weiß es, ohne zu googlen? Und so weiter.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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