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Frankfurter Mousonturm : Ach, du liebe Zeit!

  • -Aktualisiert am

Billinger & Schulz präsentieren Historie und Theater. Bild: Florian Krauß

Kurz nach der Uraufführung ist die Performance „Zeit/Temps“ von Billinger & Schulz im Frankfurter Mousonturm zu sehen. Und die Darbietung ist durchaus originell.

          Der Titel „Zeit/Temps“, den Verena Billinger und Sebastian Schulz ihrer neuen Kreation geben, ist derart lapidar, dass er schon wieder originell ist. Schließlich passiert ja bei einer Bühnenaufführung, welcher Art auch immer, aber immer mit Anfang und Ende, vor allem dies: Zeit vergeht. Allerdings ist die Sache mit der Zeit im Theater doch besonders, weil dort häufig das bewusste Wahrnehmen von Zeit-Vergehen geweckt wird, von seiner Relativität, seinen Be- und Entschleunigungen. Zum Glück halten Billinger & Schulz, die aus Düsseldorf stammen, in Frankfurt und Gießen studiert haben und seit Jahren als angesehene Choreographen zwischen den Regionen pendeln, keinen Vortrag über das Titelthema. Sondern: Sie unterhalten.

          Dafür setzen sie dreieinhalb Stunden an. Das sollte niemanden verschrecken. Die Aufführung, die im kleinen Forum Freies Theater in Düsseldorf im April Premiere hatte, nahm ihre Zuschauer so freundlich-geschickt an die Hand, dass sich kein Verdruss einstellte. Man geht mit der Zeit, nein: mit den Zeiten.

          Das Publikum ist aufgerufen, sich im Raum am Rand auf Stühle oder Tribünenstufen zu setzen und frei zu flottieren, auch wenn viele sitzen bleiben. Man flüstert mit Nachbarn, weil das Ganze auch etwas Museumshaftes hat; man sieht Zuschauern beim Zuschauen zu. Statt zur Pause wie beim Wuppertaler Tanztheater aus dem Saal zu strömen, bleibt man drin, und die Beköstigung kommt herein.

          Historie und Theater

          Was Billinger & Schulz ausstellen, ist Historie. Und Theater. Also Gesellschaft: Die neun Tänzerinnen und Tänzer tragen Kostüme, Perücken, Hüte, angeklebte Bärte. Erst ausladende bodenlange Röcke und Kleider mit Rüschen, die Herren Hosen, Westen, Hemden. Sie stehen herum, ganz exquisit und aufrecht, fast regungslos, wie niemand heute es täte. Sie wirken echt, aber was ist das?

          Sie werfen Blicke. Ändern Haltungen und Distanzen, schreiten, beugen sich herab zu jemandem, schauen auf, schauen vorbei, plaudern lautlos, tanzen einen gesitteten uralten Hoftanz, Hand auf Hand gelegt. Ihre unterschiedlichen Hautfarben sind nicht überschminkt, so strickt man in die winzigen Ausschnitte von dargestellten Geschichten oder Beziehungen, die man zu erhaschen und enträtseln versucht, zusätzliche historisch-geographische Spekulationen. Und indem das Geschehen sich Zeit lässt, gibt es den Raum, um sich selbst dabei zu beobachten.

          Die Kostüme verändern sich, werden leichter, dandyhafter bei den Herren, eine Art Arthur Conan Doyle tritt auf. Die Zeit rückt voran, die Geschichte, in Schüben oder Schichten, nicht nach Lehrbuch. Eine Weile tummeln sich zwei knallbunt gekleidete Hippies im Raum mit einer in Weiß gekleideten Dame. Welten auseinander. Nun spielt Musik, „Come on let’s twist again“ und mehr, nun werden die Blicke der Darsteller untereinander und zu Zuschauern kecker, Anmache, ebenso die Haltungen, mit Hüftknick, die Hände an die Seite gestützt oder hintern Kopf gelegt oder mit Zigarette. Mehr Berührungen, supergute Laune. Die neunziger Jahre bringen die totale Party, Lautstärke, physisches Verausgaben der Tänzer und ihrer Figuren beim Rumhüpfen und in gemeinsam exekutierter Choreographie. Beim Schubsen, Raufen und auch Küssen zitieren – Zeitbezug! – Billinger & Schulz ihre eigenen früheren Stücke „Violent Event“ und „Romantic Afternoon“. Längst fragt man sich bei diesem Geschichtsfilm zum Anfassen, wie er einst enden wird. Wie stellt sich „Zeit/Temps“ die Zukunft vor? Das sei hier nicht verraten. Es ist der wichtigste und irritierendste Teil der langen Performance, so niedlich, so gesittet, so körperlich unangestrengt, so identitätsgeordnet. Eine Phantasie. Achten Sie auf den Würgereiz.

          ZEIT/TEMPS

          Tanzperformance, Frankfurt, Mousonturm, am 10. und 11. Mai jeweils um 19 Uhr, am 12. Mai um 18 Uhr.

           

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