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Stilllegung von Wäldern : Mehr tote Bäume für Spinnen und Asseln

Stillgelegt: Ministerin Priska Hinz stellt ein Waldstück bei Wiesbaden vor, das sich selbst überlassen bleibt. Bild: Marcus Kaufhold

Zehn Prozent des hessischen Staatswaldes sind jetzt für Holzfäller tabu. Für Umweltministerin Priska Hinz ist die Stilllegung von Wirtschaftswäldern ein vorbildlicher Beitrag zum Naturschutz in Deutschland.

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          Zur Freude vieler Umweltverbände ist im hessischen Wald nur wenige Monate nach der Landtagswahl ein Ziel der zweiten schwarz-grünen Koalition schon erreicht: Die wirtschaftliche Stilllegung von insgesamt zehn Prozent des Staatswaldes. Auf einer Fläche von rund 32.000 Hektar wird jetzt kein Holz mehr gewonnen. Alte Bäume werden nicht mehr für Möbel oder Dachstühle gefällt, sondern sollen so lange weiterwachsen, bis sie von selbst umstürzen und an Ort und Stelle verrotten. Totholz heißt das im Fachjargon der Förster und Naturschützer, und viele Pilze, aber auch Insekten wie Asseln, Tausendfüßler und Spinnen besiedeln bevorzugt diese Lebensräume. Ebenso seltene „Urwaldreliktarten“ wie der Eremit und der „Veilchenblaue Wurzelhals-Schnellkäfer“. Rückzugsräume eröffnen sich auch für Wildkatzen und Luchse.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Für Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) ist die Stilllegung von Wirtschaftswäldern ein vorbildlicher Beitrag zum Naturschutz in Deutschland. Naturschutzverbände drängen schon seit langem darauf, mehr sogenannte Naturwälder auszuweisen. Auf Wunsch der Grünen war in der Koalitionsvereinbarung verankert worden, dass „gemäß der nationalen Biodiversitätsstrategie der Anteil ungenutzter Wälder an der gesamten hessischen Waldfläche auf fünf Prozent gesteigert wird. Der hessische Staatswald soll dabei verantwortungsvoll und vorbildlich vorangehen und zehn Prozent seiner Flächen aus der wirtschaftlichen Nutzung nehmen.“

          Zu Bannwäldern erklärt

          Eine dieser Flächen ist ein FFH-Schutzgebiet nördlich von Wiesbaden, unweit des Jagdschlosses Platte. Dort wird ein 65 Hektar großer, 170 Jahre alter Buchen-Mischwald nun nicht länger bewirtschaftet. Begonnen hatte die Stilllegung naturnah bewirtschafteten Staatswaldes im Jahr 2013, als rund 20.000 Hektar aus der Nutzung genommen wurden. 2016 folgte eine weitere Tranche von knapp 6000 Hektar Wald. Die jetzt festgelegte dritte Tranche umfasst rund 6400 Hektar. Darunter sind 784 Hektar im westlichen Vogelsberg, 470 Hektar im Lorscher Wald, 400 Hektar Lahnhänge zwischen Marburg und Biedenkopf sowie 565 Hektar des Rüdesheimer Kammerforstes. Insgesamt gibt es jetzt 2264 Naturwaldflächen. Die vier größten sind der Reinhardswald mit knapp 1300Hektar, die Kühkopf-Knoblochsaue mit 1115 Hektar, der Wispertaunus bei Rüdesheim mit knapp 1100 Hektar und der 5738 Hektar große Nationalpark Kellerwald, der um mehr als 1200 Hektar Edersee-Steilhänge ergänzt werden soll.

          Alle 42 Naturwälder mit mehr als 100 Hektar Fläche sollen laut Hinz „naturschutzrechtlich gesichert“ werden. Das heißt, sie werden zu Bannwäldern erklärt oder als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Weil Hessenforst durch den Verzicht auf den Holzeinschlag Einnahmen entgehen, erhält der Landesbetrieb vom Haushaltsjahr 2020 an insgesamt 3,5 Millionen Euro Entschädigung aus dem Landesetat. Zudem kann der Landesbetrieb „Ökopunkte“ verkaufen und damit ebenfalls Einnahmen erzielen, sofern es dafür eine Nachfrage gibt.

          „Immens hoher Schaden“ im Wald

          Naturwälder, wie sie nach der Hoffnung von Ministerin Hinz entstehen, sind aber keine künftigen, von Menschen unbeeinflusste Urwälder. Laut Hinz gilt weiter ein uneingeschränktes Betretungsrecht. Alle Wanderwege blieben erhalten und würden gepflegt. Zudem muss auch in Naturwäldern gejagt werden, damit sich der Wald selbst verjüngen kann. Sofern Bäume drohen, auf Wege zu fallen, werden sie gefällt. Hessenforst will Reviere in neuen Naturwäldern aber nach Auslaufen bestehender Verträge nicht mehr an private Jäger verpachten, sondern dort selbst die Jagd organisieren. Laut Hinz richten Rehe und Hirsch wirtschaftlich einen „immens hohen Schaden“ im Wald an.

          Waldstilllegungen sind fachlich und politisch nicht unumstritten. Kritiker monieren unter anderem, dass die Artenvielfalt im naturnah bewirtschafteten Forst nicht geringer sei als im Naturwald, dass bewirtschaftete Wälder für den Klimaschutz wertvoller sind und dass ein Nutzungsverzicht zu einem steigenden Holzimport aus Ländern führe, deren Maßstäbe bei der Waldbewirtschaftung deutlich unter denen in Deutschland lägen. Zudem sei die Festlegung auf zehn Prozent Urwald eine rein politische, ideologische Zahl.

          Jede Funktion des Waldes gleich viel wert

          Hinz wies solche Vorwürfe gestern zurück. Es gebe immer noch genügend Staatswald, um Holz als natürliche Ressource zu nutzen. Der Wald müsse vielfältigen Interessen dienen, auch dem Naturschutz. Jede Funktion des Waldes sei gleich viel wert. Hinz appellierte an kommunale und private Waldbesitzer, dem Beispiel des Landes zu folgen und Wälder für einen Biotopverbund bereitzustellen. Im Staatswald soll die Stilllegung nun aber ein Ende haben: „Ich sehe kein zusätzliches Potential mehr“, sagte Hinz.

          Die Naturschutzverbände BUND, Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, Naturschutzbund sowie Zoologische Gesellschaft Frankfurt haben die Ausweisung weiterer Naturwälder gestern gelobt. Davon würden „viele künftige Generationen an Tieren, Pflanzen, Pilzen und auch Menschen profitieren“. Landesweit gebe es bezogen auf alle Besitzarten erst 3,8 Prozent Naturwälder. „Für eine Vollendung dieses Ziels fehlen also noch weitere 9600 Hektar“, sagt Jörg Nitsch, BUND-Landesvorsitzender. Die Grünen im Landtag sehen einen „großen Erfolg für den Arten- und den Klimaschutz“.

          Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald hingegen beklagt einen „massiven Verstoß gegen die Ziele des Klimaschutzes und des internationalen Waldschutzes.“ Wer hierzulande Wald aus der traditionellen und nachhaltigen Waldpflege nimmt, mache sich mitschuldig an der Zerstörung von Wäldern in anderen Ländern. Hinz solle ihre Waldpolitik „dringend überdenken“.

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