https://www.faz.net/-gzg-7irth

Zauberer Wolff von Keyserlingk : Ein grünes Feuerzeug verschwindet im Nichts

Kann auch Kartentricks: Wolff von Keyserlingk. Bild: Kaufhold, Marcus

Der Zauberbaron Wolff von Keyserlingk täuscht die Zuschauer. Seine Tricks funktionieren aber nur, weil diese sich gern täuschen lassen.

          Der eine lässt die Freiheitsstatue verschwinden, der andere nur ein Feuerzeug. David Copperfield, der Großmagier, beeindruckt mit monumentalen Tricks, Wolff von Keyserlingk, der Handzauberer, scheint da nicht mithalten zu können. Und dennoch ist das Verschwinden des kleinen grünen Feuerzeugs verblüffender als das Verschwinden des riesigen Denkmals oder eines Ferrari. Wenn Copperfield große Gegenstände oder blonde Damen wegzaubert, weiß der Zuschauer genau, dass oben auf der Bühne unsichtbar eine gewaltige Maschinerie aufgebaut ist, die das scheinbare Wunder der Annihilation ermöglicht. Er findet eine Erklärung, wenn auch nur eine vage.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nimmt dagegen der Zauberbaron Keyserlingk das Feuerzeug in seine Hände, presst sie zusammen und zeigt nach dem Öffnen zwei leere Handflächen, dann ist selbst der größte Rationalist ratlos. Was ist nur mit dem Feuerzeug geschehen? Wohin ist es verschwunden? Natürlich weiß der Zuschauer, dass alles nur ein Trick ist, eine Illusion, die ihn blendet. Aber er kann das Verschwinden des Feuerzeugs nicht einmal ansatzweise erklären. Es ist einfach weg. Bei Copperfield weiß der Getäuschte, dass die Lösung in der Kiste auf der Bühne oder hinter dem Vorhang zu suchen ist, bei Keyserlingk kann er nicht einmal einen solchen Zipfel einer Erklärung des Phänomens fassen.

          Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Anwalt

          In seiner langen Karriere als Zauberer hat Keyserlingk tief in die Psyche der Menschen geblickt. Seine Erkenntnis lautet: „Wir sind Meister der Selbsttäuschung.“ Des Magiers Kunststücke bauen darauf auf, dass die meisten Menschen Freude daran finden, getäuscht zu werden. Die Tricks funktionieren nur mühsam, wenn jemand partout nicht getäuscht werden möchte. Denn Zauberei baut darauf auf, dass der Zuschauer dem Zauberer hilft: Er sieht das Feuerzeug nicht, glaubt aber, es sehen zu müssen.

          Schon vor 25 Jahren bei der Eröffnung des Varietés „Tigerpalast“ hat Keyserlingk gezaubert. Damals nur im Nebenberuf. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Anwalt. 1990 hat er sich aus der Juristerei weggezaubert nach dem Motto: Ein Strafverteidiger verschwindet. Seither lässt er auf großen Firmenveranstaltungen, Jubiläen, Eröffnungen und im Varieté Dinge unsichtbar werden.

          Charme ist für einen Zauberer unverzichtbar

          Doch noch lieber lässt er Dinge erscheinen. Denn: „Das Erscheinen ist besser als das Verschwinden.“ Wenn ein Feuerzeug oder ein Glas auf einmal nicht mehr da sind, erscheint das vielen unterbewusst wie ein Zerstörungsakt. Die negative Wirkung der scheinbaren Destruktion wird aufgehoben, wenn der verschwundene Gegenstand, zum Beispiel ein Salzstreuer, zumindest Spuren etwa in Form von Salzkristallen hinterlässt. Als durchweg schön und angenehm empfindet der Zuschauer es hingegen, wenn der Zauberer aus dem Nichts etwas herbeizaubert. Dieser erscheint dem Publikum dann ein wenig wie der liebe Gott, der sagte: Es werde Materie.

          Charme ist für einen Zauberer wie Keyserlingk unverzichtbar. Als er damals auf dem Ball des Sports ein riesiges Glas aus dem Jacket von Innenminister Otto Schily zauberte, fügte er schelmisch hinzu: „Na, na, Herr Minister, wir trinken ja alle gern. Aber warum gleich ein so großes Glas?“ Das war ironisch, aber nicht verletzend. Einer der Grundsätze Keyserlingks lautet denn auch, nie billige Witze auf Kosten eines Zuschauers zu machen. Der Frankfurter Altmeister ist ein eleganter Zauberer, kein Zauberrüpel.

          Permanent neue Tricks erfinden

          Eine Klobürste würde Keyserlingk nie verschwinden lassen. Das passt nicht zu seinem Stil. Zauberei hat auch etwas mit Symbolik zu tun. Der alte Trick, zwei Metallringe miteinander zu verketten, betört das Publikum nicht zuletzt deshalb immer wieder, weil die beiden Ringe metaphorisch aufgeladen sind. Ihre Vereinigung verkörpert Liebe, ihre stählerne Materialität Treue. Wären die Ringe aus Plastik, würde der Trick banal wirken, glaubt Keyserlingk. Und würde er nicht Ringe verketten, sondern Kleiderbügel, würden die Zuschauer dies als lächerlich empfinden.

          Ein wahrer Zauberer ruht sich nicht auf seinen Tricks aus, sondern erfindet permanent neue. Auch wenn er wie Keyserlingk mit seinen 72 Jahren genug Kunststücke in der Kiste hat. Als der Zauberbaron noch ein junger Bühnenhüpfer war, hat er seine Tricks eifersüchtig gehütet. Jetzt überlegt er sich, sie in Form eines Buches der Nachwelt weiterzureichen. Am besten wäre es natürlich, wenn nur die Zaubererkollegen diesen Ratgeber lesen könnten. Aber ein solcher Trick harrt noch seiner Erfindung. Vielleicht lässt Keyserlingk die Idee mit dem Buch doch lieber fallen. Denn das Publikum soll auf keinen Fall erfahren, auf welche Weise es getäuscht wird.

          Der einzige Hinweis, den man Keyserlingk entlocken kann, ist dieser: „Beim Zaubern ist nicht die Schnelligkeit, sondern die Langsamkeit entscheidend.“ Denn entwicklungsgeschichtlich ist das Auge des Menschen auf schnelle Bewegungen geeicht. Diese nimmt es instinktiv eher wahr als langsame. „Das Zaubern“, so sagt Keyserlingk denn auch sybillinisch, „passiert in den Pausen.“

          Weitere Themen

          Lassen Sie die Decken fliegen!

          FAZ Plus Artikel: Der Wohn-Knigge : Lassen Sie die Decken fliegen!

          Im Sommer lebt es sich gut auf dem Balkon. Man richtet den Esstisch draußen schön her, packt die neuen Tischdecken aus und dann passiert es: eine Windböe. Wie kann man dem Problem der wegwehenden Tischdecke entgegenwirken ? Sicherlich nicht mit unschönen Deckenhaltern.

          Topmeldungen

          Diese Demonstranten am Stuttgarter Flughafen wollen die Menschen vom Fliegen abhalten.

          Klimaschutz : Vertraut nicht den Verboten!

          Im Kampf um das Klima gibt es viele Einzelideen. Sie versperren den Blick auf das Notwendige: ein sinnvolles Gesamtkonzept. Dafür gilt: Lieber gründlich als überhastet.
          Formiert sich gerade eine breite politische Front gegen Salvini? Der italienische Innenminister strebt weiter Neuwahlen an.

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.