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Zahnersatz aus Manila : Nachbohren mit Tchibo

Mündige Patienten: So stellt sich Tchibo seine Rabattkarten-Kunden vor. Bild: dpa

Der Kaffeeröster verkauft zurzeit Rabattkarten für Zahnersatz aus einem Labor in Manila. Und setzt voraus, dass Patienten damit selbstbewusst zu ihrem Zahnarzt gehen. Das Verbraucherthema.

          3 Min.

          Jede Woche eine neue Welt - so wirbt der Handelsriese Tchibo und drängt sich jetzt in eine vor, die mit dem Kaffeegeschäft genau so wenig zu tun hat wie die Unterhosen und Bratpfannen, die das Unternehmen seit Jahren mit Erfolg verkauft.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für 24 Euro können Kunden seit dieser Woche im Internet und von nächster Woche an vier Wochen lang in den Filialen eine sogenannte Zahnersatz-Card erwerben. Sie gilt für zwei Jahre und verspricht „qualitativ hochwertigen Zahnersatz“ mit Fünf-Jahres-Garantie zu Preisen, die bis zu 50 Prozent unter dem regulären Angebot liegen - immer vorausgesetzt der Zahnarzt bezieht Kronen und Brücken von der Firma Novadent, dem Kooperationspartner von Tchibo. Rabatt gibt es nur auf den Zahnersatz, die Kosten für den Zahnarzt bleiben davon unberührt.

          Vollkeramik-Krone für 120 Euro

          Das Hamburger Unternehmen Novadent stellt seit Anfang der neunziger Jahre Kronen und Brücken preisgünstig in einem eigenen Labor in Manila her, „unter deutscher Leitung und nach den Regeln des deutschen Medizinproduktegetzes“, wie Tchibo hervorhebt. Im Internet wird vorgerechnet, wie Kunden mit Rabattkarte sparen können: Für ein Vollkeramik-Inlay zahlen sie demnach etwa nur 83 statt 167 Euro und für die Vollkeramik-Krone 120 statt 184 Euro.

          Die Sache hat nur einen Haken. Bundesweit arbeiten zurzeit gerade einmal rund 1000 Zahnärzte mit Novadent zusammen, davon nur zwei in Frankfurt. Diese findet man in der Praxispartner-Liste von Novadent im Internet, zu finden über Eingabe der Postleitzahl. Über die Kooperation mit Tchibo sollen nach Angaben des Unternehmens neue Zahnärzte gewonnen und ins Netzwerk mit aufgenommen werden.

          „Geradezu abenteuerlich“ sei das Verfahren

          Tchibo setzt derweil auf Mitbestimmung im Zahnarztstuhl. Inhaber der Rabattkarte müssten ihren Zahnarzt nur darüber informieren, dass sie Zahnersatz von Novadent wünschten, heißt es. Als „geradezu abenteuerlich“ bezeichnet dies der Verband der Deutschen Zahntechniker-Innungen (VDZI) in seiner Stellungnahme und verweist auf die Sorgfaltspflicht des Arztes und darauf, dass dieser die Entscheidung, wo er Zahnersatz fertigen lasse, „im Rahmen seiner Therapiefreiheit völlig unbeeinflusst und nach bestem Wissen“ selbst zu treffen habe. Dass ein Zahnarzt mit guten Zulieferern zusammenarbeitet, liegt auch in seinem Eigeninteresse. Er haftet schließlich nicht nur für seine Arbeit, sondern auch für den Zahnersatz aus dem Labor.

          Die Landeszahnärztekammer und die Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen sorgen sich umgekehrt um das Rechte des Patienten auf freie Arztwahl. Sie verweisen auf ein „manchmal über Generationen gewachsenes Vertrauensverhältnis“. Mit der Rabatt-Karte würden Patienten genötigt, zu einem Zahnarzt zu gehen, der mit Novadent kooperiere.

          Informationen versteckt in den Geschäftsbedingungen

          Sollte die Praxis von Kurosch Schafei also demnächst von Tchibo-Patienten überrollt werden? Schafei mit Zahnarztpraxis an der Eschersheimer Landstraße gehört zu den beiden Partnern von Novadent in Frankfurt. Er habe schon vorher mit dem Labor zusammen gearbeitet, sagt er. Die Nachfrage nach Zahnersatz aus dem Ausland nehme zu. „Wenn uns Patienten danach fragen, haben wir einige Labore, die wir kennen und mit denen wir positive Erfahrungen gemacht haben.“ Schafei sagt aber auch, dass er auf Wunsch des Patienten kein Labor beauftragen würde, das er nicht kenne. „Für mich ist es wichtig zu wissen, wie jemand arbeitet.“

          Julika Unger, Gesundheitsexpertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, hat sich das Tchibo-Angebot einmal auf die Praxistauglichkeit hin angeschaut und in diesem Punkt nichts zu beanstanden. Lediglich sei zu kritisieren, dass einige Informationen versteckt in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu finden seien. So sei dort nachzulesen, dass die Garantie auf den Zahnersatz nur dann gilt, wenn der Patient halbjährlich zur Nachkontrolle geht. Wer das Finanzierungsangebot nutzt, sollte laut Unger wissen: Der Patient bindet sich an eine Bank, und die Zinsfreiheit gilt nur für ein Jahr.

          „Medizinische Leistung verramscht“

          Auf rund 20 Prozent beläuft sich laut VDZI nach einer Studie inzwischen der Anteil der Neuanfertigungen bei Zahnersatz aus dem Ausland. Über Durchschnittspreise für Zahnersatz gibt es so gut wie keine Informationen. Es komme immer auf den Einzelfall an, sagen auch Verbraucherschützer. Als lediglich „marktüblich für Importware“ bezeichnet der Zahnmediziner Alexander Berstein, Gründer der Zahnarztkette Dr. Z., das Novadent-Angebot und rechnet vor, dass seine Vollkeramik-Krone aus Zirkon mit 91 Euro noch günstiger ist als das vergleichbare Novadent-Schnäppchen (120 Euro).

          Berstein mischt seit 2006 die Branche mit standardisierten Praxen und günstigen Preisen auf. Zu den zwölf bestehenden Praxis, darunter auch eine Filiale in Frankfurt, sollen in der zweiten Jahreshälfte sechs bis acht weitere hinzukommen. Sparpotential sieht Berstein vor allem bei den Zahnersatz-Kosten, die 60 Prozent der Rechnung beim Zahnarzt ausmachten. Von der Tchibo-Rabatt-Karte hält er gleichwohl nichts. „Da wird eine medizinische Leistung zugunsten eines Werbeggags verramscht.“

          Zweitmeinung einholen, Kosten vergleichen

          Gebührenordnung: Wie teuer Zahnersatz ist, ist für Patienten kaum zu überblicken. Fest steht: Die gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich nur mit einem Fixbetrag an der Regelleistung, also für die günstigste, zweckmäßige Art der Behandlung. Wer mehr
          will, etwa ein Inlay statt eine Amalgamfüllung, muss aus eigener Tasche auch mehr zuzahlen. Zahnärzte haben in diesem Fall viel Spielraum. Sobald sich der Patient für eine Lösung über die Regelleistung hinaus entscheidet, kann der Zahnarzt nach der neuen Gebührenordnung bis zum 3,5-fachen Satz abrechnen, nach schriftlicher Vereinbarung mit dem Patienten sogar darüber hinaus. In diesem Fall steigen auch die Kosten für Zahnersatz. Der Anteil für Laborkosten und Material macht in der Regel mehr als die Hälfte der Rechnung aus.

          Heil- und Kostenplan: Vor der Zahnersatz-Behandlung macht der Zahnarzt einen Kostenvoranschlag, den sogenannten Heil- und Kostenplan, den der Versicherte bei
          seiner Kasse einreichen muss. Sie prüft den Plan und entscheidet über den Zuschuss. Erst danach darf die Behandlung beginnen. Genehmigt die Kasse den Plan, bleibt er sechs Monate lang gültig.

          Zweitmeinung: Verbraucherschützer empfehlen Patienten, bei größeren Vorhaben in jedem Fall eine Zweitmeinung eines Zahnarztes einzuholen. Das geht mit dem genehmigten Kostenvoranschlag der Kasse und ist für Kassenpatienten unentgeltlich - Privatpatienten müssen meistens ein Honorar zahlen. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen bietet Verbrauchern unter der Nummer 0 69/4 27 27 51 69 auch eine kostenlose Zweitmeinung an.

          Auktionsportal: Preise vergleichen können Patienten auch im Internet auf Auktionsportalen wie etwa www.2te-zahnarztmeinung.de, indem sie ihren Heil- und Kostenplan einstellen. Zahnärzte bieten dann für bestimmte Leistungen zunächst unter Pseudonym. Ist der
          Patient interessiert, macht er einen Termin beim Zahnarzt seiner Wahl aus, um nach der Untersuchung den Heil- und Kostenplan endgültig festzulegen. Nach Angaben des Portalbetreibers sparen Patienten im Schnitt 56 Prozent.

          Guter Rat: Informationen rund um den Heil- und Kostenplan gibt es auch bei der Patientenberatung der Verbraucherzentrale Hessen 09 00/1 97 20 13 (1,75 Euro die
          Minute). Ebenso biete die Landeszahnärztekammer Hessen eine „neutrale und kostenfreie“ Bewertung an: 0 69/4 27 27 51 69. (hoff.)

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