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Zweifel an Grenzwerten : Welches Signal Ärzte mit dem Streit über Stickoxide setzen

Tief durchatmen: Lungenärzte streiten über Gefahren durch Luftverschmutzung (Symbolbild). Bild: dpa

Mehr als hundert Mediziner bezweifeln Gefahren durch Luftverschmutzung. Dafür ernten sie Kritik. Ein ehemaliger Professor der Uniklinik Gießen sieht die Ärzte jedoch für politische Zwecke missbraucht.

          In die Debatte über die Gesundheitsfolgen durch Feinstaub und Stickoxide haben sich auch Ärzte aus Hessen eingeschaltet. Sie gehören zu den mehr als hundert Lungenärzten, die die Auffassung vertreten, dass Studien, die einen solchen Zusammenhang belegen sollen, nicht nach wissenschaftlichen Methoden ausgewertet wurden.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zu ihnen zählt der emeritierte Professor Hermann Lindemann. Er hat die Stellungnahme, die der ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), Dieter Köhler, verfasst hat, unterzeichnet. Laut Köhlers Auffassung kann es „keine relevante Gesundheitsgefährdung bei einer geringen Überschreitung der Grenzwerte geben“. Ebenfalls unterzeichnet hat der Frankfurter Pneumologe Andreas Eich sowie der Chefarzt der Mainzer Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin, Cornel Kortsik.

          Lindemann: Debatte mit Augenmaß führen

          Lindemann, der zuletzt an der Uniklinik in Gießen gearbeitet hat, sieht seine Berufsgruppe für politische Zwecke missbraucht. „Wenn man immer nur in eine Richtung zitiert wird, kann dieser Eindruck entstehen“, so der Achtundsiebzigjährige. Durch die Unterzeichnung der Stellungnahme erhoffte er sich, dass die Debatte breiter geführt, die Daten überprüft und Grenzwerte unter Umständen angepasst würden. „Es ist gut, dass die Umweltprobleme artikuliert werden. Aber es geht nicht, dass das Thema einseitig ausgeschlachtet wird. Die Debatte muss mit Augenmaß geführt werden.“

          Hält die Stellungnahme für bedenklich: Kai-Michael Beeh, Leiter des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden.

          Ähnliches fordert auch Kai-Michael Beeh, Leiter des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden. Nur hält er den Weg, den die Unterzeichner der Stellungnahme gewählt haben, für den falschen. Zu behaupten, dass eine Überschreitung der Grenzwerte „keine relevante Gefährdung“ mit sich bringe, sei „aus dem Mund eines Lungenarztes bedenklich“, so Beeh. Er befürchtet, dass die Debatte durch diese polarisierende Stellungnahme abermals nicht sachlich, sondern emotional geführt werde. „Man darf und soll darüber diskutieren, ob es verhältnismäßig ist, aufgrund der überschrittenen Grenzwerte den Städten Fahrverbote aufzuzwingen“, sagt Beeh.

          Beeh: Pauschalisierung als falsches Signal

          Aber pauschal zu bezweifeln, dass Stickoxide und vor allem Feinstaub gesundheitsschädlich sind, ist seiner Ansicht nach unhaltbar und ein falsches Signal. Dass einige seiner Kollegen die „methodische Korrektheit zahlreicher hochrangig publizierter Studien“ zum Thema bestreiten, ist aus seiner Sicht ebenfalls bedenklich. Interpretationen der Studien zu diskutieren, sei ihr Recht. Dies aber in der gewählten Form zu tun und den gesamten Erkenntnisstand zum Thema zu ignorieren, werfe laut Beeh ein schlechtes Bild auf den gesamten Berufsstand. „Wenn ein Lungenarzt grundsätzlich glaubt, nichts mehr zur Luftverbesserung beitragen zu müssen, dann fehlen mir einfach nur noch die Worte.“

          Ohnehin, so Beeh, sei das Bild, das die Deutsche Lungenheilkunde für Pneumologie während der gesamten Debatte abgegeben habe, „blamabel“. Erst Monate, nachdem die Diskussion über Dieselfahrverbote entbrannt sei, habe die Fachgesellschaft ein Positionspapier veröffentlicht. „Zu diesem Zeitpunkt war die Diskussion längst außer Kontrolle geraten und hat polarisiert“, so Beeh, der vor allem eine Medienpräsenz des Verbands mit einer „sachlich unterfütterten“ Haltung vermisst.

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