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Hessen : Zahl der Flüchtlinge in Schulen nimmt rapide zu

Landesweit gibt es 18.600 Schüler, die über wenig oder gar keine Sprachkenntnisse verfügen. Auf dem Bild sitzen zwei Schüler in einer Deutsch-Intensivklasse in Frankfurt - ganz hinten die Lehrerin Bild: dpa

Hessen plant 800 weitere Lehrerstellen, um alle schulpflichtigen Flüchtlingskinder unterrichten zu können. Reicht das? Und woher sollen die zusätzlichen Lehrer kommen?

          3 Min.

          Die Zahl der geflüchteten Kinder und Jugendlichen in hessischen Schulen nimmt rapide zu. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) werden die geplanten bis zu 800 zusätzlichen Lehrerstellen längst nicht ausreichen, um die Zuwanderer zu unterrichten.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vermutlich müsse das Land im Sommer noch einmal bis zu 800 Lehrerstellen schaffen, äußerte die GEW-Landesverbandsvorsitzende Birgit Koch auf Anfrage. Sollte das Land der Forderung der Gewerkschaft nachkommen und somit binnen eines Jahres 1600 weitere Lehrerstellen einrichten, entspräche das einem Personalzuwachs um mehr als drei Prozent und zusätzlichen Personalkosten von mindestens 80 Millionen Euro jährlich.

          Zahl der Intensivklassen steigt erheblich

          Die Zuwanderung der vergangenen Monate macht sich in den Schulen mit Verzögerung bemerkbar, weil geflüchtete Kinder und Jugendliche erst eingeschult werden, nachdem sie einer Kommune zugewiesen wurden. Außerdem sind ein Beratungsverfahren und eine Gesundheitsprüfung zu absolvieren, so dass von der Ankunft in Deutschland bis zum ersten Unterrichtstag oft ein halbes Jahr vergeht.

          Wenn die Schüler zwischen sechs und sechzehn Jahre alt sind, kommen sie in sogenannte Intensivklassen, in denen sie mit 16 bis 20 Mitschülern bis zu ein Jahr lang Deutsch lernen. Danach wechseln sie in eine Regelklasse einer Schule, die ihrer Leistungsfähigkeit entspricht. Ältere Jugendliche kommen an Berufsschulen in sogenannte Intea-Klassen, deren Kürzel für „Integration und Abschluss“ steht und die bis zu 20 Schüler haben.

          Nach Angaben des Kultusministeriums gab es Anfang Februar hessenweit 673 Intensivklassen. Laut GEW waren es zum 1. März schon 747 Klassen, 500 davon in der Mittelstufe und 247 an Grundschulen, wobei Grundschüler oft auch ohne Deutschkenntnisse direkt in Regelklassen geschickt werden. Hinzu kommen nach Angaben der Gewerkschaft 256 Intea-Klassen, das sind 24 mehr als im Februar. Im Laufe des Jahres müssten noch 350 weitere solcher Klassen eingerichtet werden, sagt die Gewerkschaft unter Berufung auf eine Prognose des Kultusministeriums.

          Hessen schreibt 10.000 Kandidaten an

          In den Schulen werden Kinder und Jugendliche, die ohne Deutschkenntnisse oder mit wenig Kenntnissen aus dem Ausland kommen, als „Seiteneinsteiger“ bezeichnet. Von den landesweit 18.600 Schülern dieser Gruppe stammte Anfang Februar noch ein Drittel aus der EU, es handelte sich vornehmlich um Kinder von Arbeitsmigranten. In den nächsten Monaten wird der Anteil der Asylbewerber, der jetzt schon mehr als die Hälfte beträgt, weiter stark zunehmen.

          Die Landesregierung hatte in ihrem Aktionsplan zur Integration von Flüchtlingen im Haushalt 2016 bis zu 800 zusätzliche Lehrerstellen vorgesehen. Um sie zu besetzen, schrieb das Kultusministerium rund 10.000 Kandidaten an. Mehr als die Hälfte waren pensionierte Lehrkräfte, denen zeitlich befristete Verträge angeboten wurden, der Rest waren Lehrer mit Zweitem Staatsexamen, die noch keine Stelle gefunden haben, und einige hundert Lehramts-Absolventen mit Erstem Staatsexamen, die auf einen Referendariatsplatz warten.

          Am geringsten war die Resonanz unter den Pensionären: Nach Angaben des Kultusministeriums zeigten nur knapp 700 von ihnen Interesse - und auch das nur unverbindlich. Von den voll ausgebildeten Lehrern, die noch keine Stelle hatten, bekundeten dagegen rund 1200 Interesse an einer befristeten und fast 2200 Interesse an einer unbefristeten Beschäftigung in der Deutschförderung.

          Auch Kommunen werden zusätzlich belastet

          Um Intensiv- oder Intea-Klassen zu unterrichten, müssen die Lehrer eine Ausbildung in „Deutsch als Zweitsprache“ haben. Wer eine solche Qualifikation vorweisen kann, wird vorrangig eingestellt. Für die meisten Kandidaten trifft das aber nicht zu. Deshalb finden derzeit landesweit 92 Kurse statt, in denen fast 1500 Teilnehmer qualifiziert werden können.

          Nach Ansicht der GEW sollten die Universitäten künftig „Deutsch als Zweitsprache“ als vollwertiges Lehramtsstudium anbieten. Die Gewerkschaft kritisiert außerdem, dass die Landesregierung die Seiteneinsteiger-Klassen zu diesem Schuljahr vergrößert und die Lehrerstundenzuweisung je Klasse gekürzt hat. Zudem sollten minderjährige Flüchtlinge sofort und unabhängig von ihrer Bleibeperspektive in die Schule kommen und nicht erst nach Zuweisung zu einer Kommune, fordert Koch.

          Die hohe Zahl schulpflichtiger Flüchtlinge stellt nicht nur das Land, sondern auch die kommunalen Schulträger und die einzelnen Bildungsstätten vor große Herausforderungen. Insbesondere in Großstädten wie Frankfurt sind die räumlichen Kapazitäten vielerorts erschöpft, für die Seiteneinsteiger müssen Container auf den Pausenhöfen aufgestellt werden.

          Unter den weiterführenden allgemeinbildenden Schulen tragen die Integrierten und Kooperativen Gesamtschulen die größte Belastung: Bei ihnen wurden etwa zwei Drittel der Intensivklassen eingerichtet. Ein weiteres Drittel befindet sich an Haupt- und Realschulen, während die reinen Gymnasien nur sehr wenige Klassen für Seiteneinsteiger gebildet haben.

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