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Trotz besserer Gesetzeslage : Zahl der Organspender sinkt weiter

Ein Organspendeausweis kann Leben retten: 9400 Patienten stehen derzeit in Deutschland auf der Warteliste. Bild: dpa

Der bundesweite Abwärtstrend von Organspenden zeichnet sich in Hessen zwar nicht allzu stark ab. Die bessere Vergütung für Entnahmekliniken soll jedoch helfen, der Entwicklung entgegenzuwirken. Zusätzlichen Anlass zu Hoffnung gibt die neue Gesetzeslage.

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          Der unbesetzte Platz auf dem Podium ist wie ein erdrückendes Statement. Auf dem leeren Stuhl hätte Sina Jürgensen sitzen sollen. Doch nach einer Erkältung ist die 35 Jahre alte Dialysepatientin zu schwach, um beim Jahreskongress der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zu sprechen. Jürgensen ist eine von gut 9400 Patienten, die in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ursprünglich wollte sie gestern ihre Geschichte erzählen – auch, um auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen. Denn angesichts der aktuellen Zahlen scheint das bitter nötig: Trotz der Bemühungen der Politik, die Kliniken mehr in die Pflicht zu nehmen und potentielle Organspender zu melden, ist die Zahl der Spender im laufenden Jahr nicht gestiegen. Laut DSO haben in Hessen zwischen Januar und Oktober genau 48 Menschen ihre Organe gespendet, 2018 waren es im gleichen Zeitraum 49, zehn Jahre zuvor noch 77 gewesen.

          Enttäuschung über Abwärtstrend

          Die DSO teilt Deutschland in sieben Regionen ein. Hessen gehört zusammen mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland zur Region Mitte. Vor zehn Jahren wurden in dieser Region im genannten Zeitraum insgesamt 451 Organe, darunter Herzen, Nieren, Lungen und Lebern, gespendet. 2019 waren es nur noch 327. Auch in anderen Bundesländern ist ein Abwärtstrend zu beobachten. In Baden-Württemberg gab es zehn Spender weniger als im Vorjahreszeitraum, nämlich nur noch 98, in Brandenburg nur 17, zuvor waren es immerhin 33 gewesen. Nur in Nordrhein-Westfalen ist die Zahl von 131 auf 152 gestiegen.

          Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, ist angesichts dieser Zahlen enttäuscht. Man habe sich viel erhofft von der Gesetzesänderung, die am 1. April dieses Jahres in Kraft getreten ist. Dieses regelt beispielsweise eine bessere Vergütung der Entnahmekrankenhäuser. Waren es zuvor nur rund 5300 Euro gewesen, die eine Klinik bei einer Multiorganentnahme abrechnen konnte, sind es heute rund 20.000 Euro. Früher hätten die Kliniken oft draufzahlen müssen, wenn in ihrem Haus eine Organentnahme stattfand, sagt Rahmel. Das habe in Einzelfällen dazu geführt, dass Kliniken Patienten, die prinzipiell für eine Organspende in Frage gekommen wären, nicht gemeldet hätten.

          Speziell ausgebildete Transplantationsbeauftragte vor Ort

          Durch die Stärkung sogenannter Transplantationsbeauftrager, speziell ausgebildeten Klinikmitarbeiter, sollen solche Situationen künftig verhindert werden. Die Beauftragten sollen nicht nur bei den organisatorischen Schritten helfen, die eine potentielle Spende nach sich zieht, sondern das Thema auch insgesamt stärker in den Fokus rücken. Denn nur wenn das Klinikpersonal bereit sei, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, könnten auch die Angehörigen der Patienten gefragt werden, ob ein solcher Schritt für sie denkbar wäre oder ob sogar schon ein Spenderausweis vorliege, heißt es bei der DSO.

          Auch bundesweit ist die Zahl der Spender zwischen Januar und Oktober 2019 im Vergleich zum Vorjahr gesunken – von 787 auf 775. Für Rahmel greifen diese Zahlen allerdings zu kurz. Dank der neuen Gesetzeslage hätten die Kliniken erstmals mehr potentielle Spender gemeldet, nämlich insgesamt 2522, knapp 220 mehr als im Vorjahr. Dass es aus unterschiedlichen Gründen, etwa wegen der fehlenden Einwilligung der Angehörigen, trotzdem nicht zu mehr Spenden gekommen sei, ändere nichts an dem Positivtrend. Deutschland müsse aber noch einen weiten Weg zurücklegen, denn die Bundesrepublik liege im Ländervergleich im Mittelfeld des unteren Drittels.

          Weiter vorne sind Länder wie Spanien zu finden, in denen sich die Bürger aktiv gegen eine Organspende entscheiden müssen. Über eine ähnliche Regelung wird auch in Deutschland diskutiert, eine Entscheidung ist aber erst im Frühjahr 2020 zu erwarten. Rahmel kritisiert, dass in der Diskussion oft von einer „Pflicht zur Organspende“ die Rede sei. „Das ist Kokolores.“ Sollte das Gesetz in Kraft treten, sei die Hürde für ein Nein „minimal hoch“.

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