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Künstlergruppe YRD.Works : Ein Opernhaus für Offenbach

Drei Freunde: David Bausch, Ruben Fischer und Yacin Boudalfa (v. li.) sind das Künstlerkollektiv YRD.Works Bild: Rainer Wohlfahrt

Fehlt etwas? Das Künstlerkollektiv YRD.Works schafft mit seinen Projekten wie der Kressmann-Halle auf dem Hafengelände Abhilfe. Zumindest für eine gewisse Zeit.

          Zuzutrauen wäre ihnen das. Auch wenn vermutlich alle Welt erst einmal mit einem ungläubigen Lächeln reagieren würde. Und dann fassungslos, wenn man feststellt, dass die drei jungen Leute eben keineswegs bloß einen Witz gemacht haben, sondern es womöglich ernst meinen mit ihrer Idee. Doch warum eigentlich nicht? Immerhin haben die unter dem Label YRD.Works entwickelten Projekte von Yacin Boudalfa, Ruben Fischer und David Bausch ausnahmslos so oder doch wenigstens so ähnlich angefangen. Mit dem Gefühl, dass etwas fehlt. Und dass man das dringend einmal angehen sollte.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So gab es anfangs etwa die vage Idee für eine „Clubskulptur“ in der Ölhalle im Offenbacher Hafen, für eine Kunsthalle auch gleich nebenan; oder die Idee für die „Pelican Bay“ im vergangenen Jahr, weil es ein Fitnessstudio nach dem eigenen Geschmack nun mal nicht gab. Und aus all diesen Projekten ist tatsächlich etwas geworden. Mal auf Dauer wie bei dem Sportstudio, das es noch geben wird, „wenn wir mit dem Studium fertig sind“, wie Fischer sagt, mal nur für eine Nacht. Oder wenigstens für eine Weile wie im Fall des „Holzhausens“. Jenem Club mit dem sensationellen Blick über den Main und bis zur Frankfurter Skyline, der auch schon wieder Geschichte ist, weil die Ölhalle in dem von ständigem Wandel bestimmten Hafenareal längst abgerissen worden ist. Warum also als Nächstes nicht vielleicht ein Opernhaus für Offenbach? Ein etwas anderes Musiktheater, wie es das bislang nicht gibt?

          „Das nächste Projekt wird was Smartes“

          Nun, zunächst einmal, weil man sich derlei ohne eine große Prise Ironie kaum denken kann. Oder weil man hier auf dem Hafengelände, umgeben von Baggern auf der einen Seite, die Erdhaufen um Erdhaufen von hier nach da verschieben, und von Kohlehalden gleich am Kai, sich noch nicht einmal richtig den Standort für die neue Hochschule für Gestaltung (HfG) vorstellen kann, die gerade hier gebaut werden soll. Dabei haben Boudalfa, Bausch und Fischer, die selbst noch an der HfG studieren, gerade erst höchst überzeugend vorgemacht, was möglich ist, wenn man nur daran glaubt.

          „Abreißen wäre schon das Sinnvollste“, lautete der Kommentar des Statikers, als er die frühere Montagehalle auf dem Hafengelände inspizierte. Und sieht man die Fotos vom Zustand vor der grundlegenden Sanierung der Halle, die YRD.Works gemeinsam mit allerlei befreundeten Helfern in den vergangenen sechs Monaten gestemmt haben, zweifelt man nicht an diesem Urteil des Fachmanns. Und doch ist am 1. Juli die erste Ausstellung in der neuen Offenbacher Kunsthalle mit Arbeiten von Dauphine Klein und David Schiesser eröffnet worden. Nicht etwa „off-off“ in einem runtergerockten Provisorium, sondern im „White Cube“ der mit neuem Dach und neuem Boden, einer gläsernen Schaufront, Licht und herrlicher Terrasse professionell hergerichteten Kressmann-Halle.

          Die Herrichtung von Hof und Büro soll noch in diesem Sommer folgen. Ein Experiment sei das, so Fischer, auch wenn sie wüssten, dass die Halle in zwei oder drei Jahren wohl wieder verschwinden muss. Doch darauf komme es im Grunde gar nicht an. Wie bei allen ihren Ideen gehe es um ein konkretes Projekt, erläutert derweil Bausch, darum, etwas zu realisieren, was man selbst im eigenen Umfeld vermisst. Der Aufwand ist jedes Mal enorm. Dabei sagten sie sich jedes Mal: „Das nächste Projekt wird was Smartes.“ Und vor allem mit weniger Arbeit verbunden.

          Befristete Ehe

          Doch dann gehe es sowieso wieder bis zur Schmerzgrenze. Soll heißen: mit maximalem, auch körperlichem Einsatz. Da hilft es sicher, wenn man sich schon derart lange kennt wie die drei aus Frankfurt und Bad Vilbel stammenden Künstler. Die sind befreundet, seit sie dreizehn oder vierzehn Jahre alt waren. Aber entscheidend, so Boudalfa, sei „dass wir uns das vorstellen können“. Dass nämlich aus den eigenen Wünschen, Träumen und Ideen etwas werde, selbst wenn andere nichts sehen als eine Ruine. In unterschiedlichen Kontexten Raum für Kommunikation zu schaffen, Räume, die man nicht nur betreten und nutzen, sondern vor allem auch erfahren und mit anderen teilen kann.

          Kein Wunder eigentlich, dass sie, glaubt man YRD.Works, jetzt auch noch geheiratet haben für ihr neuestes Projekt. Nicht einander oder die jeweilige Freundin, vielmehr seien sie eine Ehe mit dem Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm eingegangen und mithin gleich mit einer ganzen Institution. Und die Kulturstiftung des Bundes hat, um im hübschen Bild zu bleiben, die Trauung vorgenommen. Ein Experiment, wenn man so will, auch dies, wenngleich wie bei fast allen ihren Arbeiten die Verbindung selbstredend nur befristet ist. Zwei Jahre läuft das „Doppelpass“-Stipendium, das zu einem „Künstlerhaus 2.0“ im Offenbacher Hafen führen soll, was immer das am Ende sei. Klingt jedenfalls smart. Und nach viel Arbeit. Nur das Opernhaus für die Lederstadt muss jetzt womöglich doch noch etwas warten.

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