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Wolkenkratzer-Festival in Frankfurt : Der neue Taunusturm trägt Nadelstreifen

Zwischen gelben Bankentürmen: der Taunusturm in Frankfurt Bild: Fricke, Helmut

Ein Hochhaus zu bauen ist eine komplizierte und langwierige Angelegenheit. Die Leute von Tishman Speyer haben darin Erfahrung. Der Taunusturm ist ihr drittes Hochhaus in Frankfurt.

          Ganz oben auf der Spitze des Taunusturms, 170 Meter über den Straßen des Bankenviertels, steht Florian Reiff und findet es fast ein bisschen schade, dass nicht noch ein paar Geschosse hinzukommen. Vor vier Wochen wurde das letzte Stück Dach betoniert. Der Rest, also der Innenausbau und die Fassade, ist Feinarbeit. Hoch über der Stadt sucht der Deutschland-Geschäftsführer von Tishman Speyer nach den richtigen Worten, um das Gefühl zu beschreiben, wenn der Rohbau fertig ist. Freude und Stolz sind dabei: „Es ist ein Privileg, hier mitarbeiten zu können.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Taunusturm ist das dritte Hochhaus, das Tishman Speyer in Frankfurt baut. Diesmal zusammen mit der Commerzbanktochter Commerz Real. Schon beim Messe- und beim Opernturm hat das Unternehmen des legendären Bauherrn Jerry Speyer, der mit seinen Türmen auch schon New York geprägt hat, seine Handschrift hinterlassen. Jetzt also der Taunusturm, der eigentlich aus zwei Baukörpern steht: einem 170 Meter hohen Büroturm und, direkt nebenan, einem 70 Meter hohen Wohnturm. Dessen Bewohner sollen das abends gähnend leere Bankenviertel bevölkern.

          Schwarz-weißes Fassadenspiel

          Von der Aussichtsplattform an der Wallanlage aus wirkt die Baustelle wie ein großes Wimmelbild. 450 Bauarbeiter wuseln hin und her, verlegen Kabel, installieren Sprinkleranlagen und bauen Fassadenelemente ein. Das Muster für die Außenhaut - heller Kalkstein und schwarz schimmernde Fenster - hat Jerry Speyer persönlich ausgewählt. Den Projektleiter für den Rohbau Tom Soreq erinnert das schwarz-weiße Fassadenspiel an einen Nadelstreifenanzug. Auf der Suche nach dem richtigen Material sind seine Kollegen weit gereist. Auch in der Umgebung schauten sie sich um, doch der Kalkstein aus dem Taunus war zu brüchig. Erst in der Türkei wurden sie fündig.

          Tiefgang: Blick vom Taunusturm auf eine Baustelle nebenan

          Mehr als zwei Jahre dauert der Bau, von der Grube bis zum Einzug. Rafal Radzik war von Anfang an mit dabei, „von ganz unten bis ganz oben“, wie er sagt. Seit Oktober 2011 arbeitet der Oberpolier aus dem südpolnischen Nowy Sacz auf der Baustelle. Der Achtundvierzigjährige ist bei einem Subunternehmen des Generalunternehmers Züblin beschäftigt, wohnt während der Bauzeit in Niederrad und fährt alle drei bis fünf Wochen für ein paar Tage in die 1200 Kilometer entfernte Heimat. Als im Januar 2012 der Grundstein gelegt wurde, wurden Radzik und seine Kollegen Zeugen, wie sich die kaum von einer Lungenentzündung genesene damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth in lausiger Kälte von einem Kran in die Baugrube hieven ließ. So wichtig war ihr der Bau dieses Hochhauses.

          Seither ist viel passiert. 46 Großbohrpfähle tragen das Hochhaus, die Bodenplatte unter der viergeschossigen Tiefgarage ist fast drei Meter dick. Zu Spitzenzeiten wuchs der Turm in nur vier Tagen um eine Etage. Im Erdgeschoss wird die 13 Meter hohe Lobby schon ausgebaut. Sie öffnet sich zur Wallanlage, die durch den schlanken Grundriss des Turms ein gutes Stück größer wird. Auch ein kleines Café im Erdgeschoss und ein öffentlich zugängliches Mitarbeiter-Restaurant im ersten Obergeschoss haben den Blick ins Grüne.

          60.000 Quadratmeter Bürofläche

          Der Außenaufzug rattert an der Fassade nach oben. An den Wänden stehen, hingekritzelt, die Überbleibsel eines Kurses in polnischer Höflichkeit: „Bitte sehr - prosze bardzo, danke sehr - dziekuje bardzo“. Aus den unteren Geschossen fällt der Blick auf die Baumkronen. Wie ein grüner Fluss schlängelt sich die Wallanlage am Hochhaus entlang. Die Deutsche Bank erscheint in ungewohnter Perspektive. Wie zwei Schildkrötenpanzer schmiegen sich die Vorbauten an die gläsernen Türme. Auf der anderen Gebäudeseite, zur Hochhausschlucht Neue Mainzer Straße hin, wirkt der gegenüberliegende Alte Commerzbankturm zum Greifen nah. Es ist fast so eng wie in New York.

          Baumann: Oberpolier Rafal Radzik war von Anfang an dabei am Taunusturm

          Ein Hochhaus mitten in der Innenstadt zu bauen ist eine logistische Meisterleistung. Ein Schienensystem bringt die passgenau angelieferten Fassadenelemente an ihren Platz. Die Technik stammt von Schweizer Skipisten. Weil man die Straßen im Bankenviertel nicht sperren konnte, wurde der flüssige Beton termingerecht zur Baustelle gebracht. Zwischen großen Fertigteilen wurden Decken und der Kern gegossen. Falls die Mieter dies wünschen, können einzelne Deckenelemente herausgenommen werden.

          So entsteht auf den einzelnen Stockwerken eine „Skylobby“ - edle Empfangsräume, die über zwei Geschosse gehen. Tishman Speyer hat den Bau spekulativ, also ohne Vorvermietung, begonnen. Mittlerweile sind die ersten Verträge unterzeichnet. Reiff ist zuversichtlich, für die 60.000 Quadratmeter Bürofläche Nutzer zu finden. Anwälte, Berater und Finanzexperten sind die Zielgruppe. Anfang 2014 können sie einziehen.

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