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Privates Museum : Als im Vogelsberg Zimtbäume wuchsen

Stein auf Stein: Wolfgang Wilhelm vor dem Eingang seines Museumskellers. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wolfgang Wilhelm ist von der Geschichte unserer Erde fasziniert. Deswegen hat der Ortenberger in seinem Keller ein privates Museum eingerichtet.

          Es ist nur ein kurzes Stück, um auf eine Zeitreise in vergangene Epochen zu gehen. Wer die paar Stufen hinab in den Keller des Hauses von Wolfgang Wilhelm hinter sich hat, findet sich um Jahrmillionen zurückversetzt. Der Vierundsiebzigjährige lädt zu einem Rundgang durch die Erdgeschichte ein. Auf kleinem Raum präsentiert Wilhelm im Ortenberger Stadtteil Selters eine umfangreiche Sammlung von Steinen, Mineralien und Fossilien aus verschiedenen Perioden, als das heutige Mitteleuropa von anderen Landschaften geprägt war als heute, von flachem Binnenmeer mit dichter tropischer Vegetation an den Ufern etwa, von Landstrichen, die während trockener Perioden von Sand und Geröll geprägt waren, Regionen die von Vulkanaktivitäten geformt wurden. Aus einer Zeitspanne von mehr als 300 Millionen Jahren stammen die Schaustücke, die Wilhelm auf seinem Anwesen zeigt, in seinem Fossmineum, wie er es nennt, in dem jüngsten Museum in der Wetterau mit den ältesten Exponaten.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Zu seinem Hobby, dem der ehemalige Steuerfachgehilfe, der bis zu seiner Pensionierung bei verschiedenen Firmen als Buchhalter tätig war, seit rund vier Jahrzehnten mit Leidenschaft nachgeht, wie er sagt, kam Wilhelm durch ehrenamtliches Engagement für den Naturschutz. Bei Bodenuntersuchungen im Zusammenhang mit der Wiederansiedlung seltener und gefährdeter Pflanzenarten stieß er da und dort auf Fossilien. Dass diese in Stein und Erdschichten konservierten Relikte von Fauna und Flora „ein riesiges Zeitfenster“ öffnen, hat ihn fasziniert, wie er erzählt. Also beschloss er, sich der Suche und dem Sammeln von Zeugnissen aus der Vergangenheit unseres Planeten intensiver zu widmen. Was ihn auch veranlasste, sich im Selbststudium eine Menge Kenntnisse zu Geologie, Erdgeschichte und längst ausgestorbenen Pflanzen und Tieren anzueignen. Schließlich sollte das Ganze ja Hand und Fuß haben, wie er sagt. „Steine muss man lesen und zuordnen können.“ Was mit Exkursionen in Feld und Flur, in Steinbrüche seiner Heimat in Wetterau und Vogelsberg begann, führte Wilhelm schon bald in viele andere Gegenden Deutschlands und bis ins benachbarte Ausland zu Orten, von denen Fossiliensammler wissen, dass dort interessante Funde zu machen sind, in der Eifel beispielsweise, im Hunsrück, in der Fränkischen Schweiz.

          350 Millionen Jahre alte Exponate

          Was er überall dort mit Schaufeln, Spaten, Hammer und anderen Werkzeugen, bisweilen auch mit der bloßen Hand freilegte und mitnahm, wuchs im Laufe der Jahre zu einer Sammlung heran, für die in der Wohnung der Platz fehlte. So lagerte Wilhelm seine Funde in immer mehr Kisten im Keller ein. Was er aber eigentlich zu schade fand in Anbetracht der Vielfalt seiner Kollektion und etlicher bemerkenswerter Stücke, wie er sich erinnert. So reifte also der Entschluss, den Keller auszubauen, die Sammlungen, die heute mehrere tausend Stücke umfassen, aufzubereiten und daraus eine Schau zu machen, die sich jeder anschauen kann.

          Die Präsentation hat Wolfgang Wilhelm im Wesentlichen nach Epochen mit ihren für die jeweilige Zeit charakteristischen Einschlüssen gegliedert. Die ältesten Exponate sind gut 350 Millionen Jahre alt, stammen aus der Eifel, wo in Urzeiten ein Meer war, in dem Glieder- und Armfüßer lebten, Schwämme und Seelilien. Relikte von Ammoniten, tintenfischähnlichen Wesen, und Brachiopoden, muschelähnlichen Gebilden mit zweiklappigem Gehäuse hat Wilhelm beispielsweise in der Fränkischen Schweiz entdeckt. Einen Blickfang bilden Sandvasen, die Wilhelm aufgestellt hat, mit bunten Schichtungen von Wetterauer Böden. So die aus einer Grube bei Rosbach, wo das dort seit Urzeiten präsente Mineralwasser die Sande in Rot-, Grau- und Blautöne verfärbt hat.

          Nicht fehlen dürfen Exemplare des für den Vogelsberg und sein Vorland typischen Säulenbasalts. Zu den Attraktionen zählt Wilhelm versteinerte Blätter, die sich im Vogelsbergbasalt erhalten haben. Was insofern eine Besonderheit darstellt, als flüssiges Magma sämtliche organischen Substanzen eigentlich sofort vernichtet. In diesem Fall war es nach den Worten von Wilhelm aber wohl so, dass sich auf erkaltetem Magma eine Tonschicht bildete, auf der Pflanzen gedeihen konnten. Als sie abstarben, lagerten sie sich im Ton ein. Ein weiterer Vulkanausbruch begrub alles unter Asche, womit die Blätter als Fossilien Millionen von Jahren überdauerten.

          Mit viel Geduld und Spürsinn

          Aus einem Steinbruch in der Nähe von Ortenberg stammen stattliche Standsteinblöcke, wie sie schon für den Bau des imposanten historischen Eisenbahnviadukts in Friedberg verwendet wurden, das heute zu den bedeutenden Industriedenkmälern der Region zählt. Einst wurde die begehrte Fracht gegen gute Bezahlung mit Ochsenkarren nach Friedberg gebracht, wie Wilhelm weiß. Aus dem Norden der Wetterau stammt der Blättersandstein, der seine Bezeichnung den gut zu erkennenden Einschlüssen zu verdanken hat. Bei den Exemplaren, die Wilhelm zeigt, handelt es sich um Blätter des Zimtbaums. Was davon zeugt, dass in unseren Breiten vor rund 30 Millionen Jahren ein Klima herrschte, wie es heute deutlich weiter südlich die Vegetation prägt. Entdeckt hat Wilhelm die Zimtblatt-Einschlüsse erst nach langer Suche, mit viel Geduld und Spürsinn, wie er sagt. „Solche Funde sind Raritäten.“

          Das Fossmineum von Wolfgang Wilhelm, Hauptstraße 39 in Ortenberg-Selters, öffnet am ersten und dritten Sonntag im Monat von 15 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon 06046/7583.

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