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Wolfgang Herbst verlässt Schloss Hansenberg : „Wir züchten hier keine Investmentbanker“

  • -Aktualisiert am

Für besonders leistungsstarke Schüler: die Internatsschule Schloss Hansenberg Bild: dpa

Nach zehn Jahren verlässt Gründungsdirektor Wolfgang Herbst die Internatsschule Schloss Hansenberg. Die Bilanz des sogenannten Leuchtturmprojektes fällt positiv aus.

          Wolfgang Herbst feilt trotz der laufenden Abiturprüfungen in jeder freien Minute schon an seiner Abiturrede. Es soll eine politische Ansprache werden, mit vielen Bezügen zu Frank Schirrmachers aufrüttelndem Buch „Ego“, die der Leiter des Oberstufengymnasiums Hansenberg bei der akademischen Feier am 12. Juni den 61 Abiturienten und ihren Eltern halten wird. Es ist die achte und zugleich letzte Rede des 61 Jahre alten Pädagogen, der sich Ende Juni in den Ruhestand verabschiedet. Wenn die Internatsschule Schloss Hansenberg im Dezember ihr zehnjähriges Bestehen feiert, dann ist ihr Gründungsdirektor mithin schon längst pensioniert. Eine Nachfolgerin für Herbst hat das Land schon gefunden: Susanne Gebauer, bislang Schulleiterin des mit 1300 Schülern deutlich größeren Wolfgang-Ernst-Gymnasiums in Büdingen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Mit Herbst verabschiedet sich im Juni der achte Abiturjahrgang der 2003 gegründeten Schule für besonders „leistungsstarke, leistungsmotivierte und sozialkompetente“ Schüler. In der Gründungsphase und selbst in den Jahren danach war der Hansenberg - ein 23 Millionen Euro teures sogenanntes Leuchtturmprojekt von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) - bei der oppositionellen SPD als Eliteschmiede verschrien. Noch unter der Landesvorsitzenden Andrea Ypsilanti war es für die SPD eine ausgemachte Sache, nach einem Wahlsieg den Hansenberg zu schließen.

          Die Vorurteile bestehen weiter

          Vor der Landtagswahl im September ist Herbst aber gelassener als in früheren Jahren. Der Hansenberg war im Vorwahlkampf kein Thema, und er taucht diesmal im Regierungsprogramm der SPD nicht auf. Gerade erst hat die Linde AG als einer der führenden Wirtschaftspartner der Schule den Kooperationsvertrag bis 2020 verlängert. Aber Herbst weiß, dass die Vorurteile gegen den Hansenberg noch bestehen, auch wenn die Schule inzwischen viele Freunde in allen Landtagsfraktionen hat. „Wir sind keine Elite-Kaderschmiede“, sagt Herbst, sondern stellen „soziale Verantwortung und soziales Engagement in den Vordergrund. Wir züchten hier keine Investmentbanker.“

          Unter den deutschen Internaten hat der Hansenberg zudem ein Alleinstellungsmerkmal. Der Schulbesuch ist unentgeltlich. Zwar müssen die Schüler 350 Euro monatlich für die Unterkunft in den Appartementhäusern auf dem Campus und für Verpflegung mitbringen, doch gibt es einen Pool privater Stifter und Sponsoren, die auch Kindern aus einkommensschwächeren Schichten den Zugang zum Hansenberg ermöglichen, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen.

          Viel Mühe bei der Schüler-Auswahl

          „Am Geld scheitert es niemals“, stellt Herbst fest, wohl aber an der Qualifikation. Rund 330 Schüler - mehr als 80 Prozent aus Hessen - bewerben sich jährlich um die 64 Internatsplätze. Diese Zahl wird gerade durch den Bau eines Mehrzweckgebäudes auf 72 aufgestockt, weil die Nachfrage unvermindert groß ist. Die Quote der Schüler aus anderen Bundesländern sank in den vergangenen Jahren, unter anderem wegen der Schulzeitverkürzung (G8), die außerhalb Hessens nicht in der Mittel-, sondern in der Oberstufe vollzogen wurde. Nur fünf bis sechs Schüler je Jahrgang verlassen die Schule vorzeitig, meist in den ersten Wochen, so dass ihre Plätze mit Schülern auf der langen Warteliste aufgefüllt werden können. Nach zehn Jahren habe die Schule „viel Erfahrung mit dem Auswählen“ gesammelt und finde „die Schüler, die wir wollen“, sagt Herbst. Keine andere Institution gebe sich so viel Mühe, und das lohne sich.

          Vermutlich auch deshalb ist der Ton auf dem Hansenberg höflich und freundlich, sind die Sorgen der Schulleitung wegen Gewalt oder Alkohol- und Drogenmissbrauch im Vergleich mit anderen Schulen recht klein. Seine zehn Jahre auf dem Hansenberg nennt Herbst „eine lohnende Zeit“, in der er viel habe bewirken können. Sein Ziel sei es gewesen, „Leistung und Verantwortung zusammenzubringen“. Herbst ist zufrieden, wie gut sich die Schule im Rheingau integriert habe und wie sehr sich die Schüler sozial einbrächten, beispielsweise im St.-Vincenz-Stift Aulhausen oder bei der Hausaufgabenhilfe in Geisenheim.

          Ein „bildungspolitisch notwendiger Ort“

          Der Hansenberg sei ein „bildungspolitisch notwendiger Ort“. Der erste Jahrgang hat nach Abitur, Bachelor- und Masterstudiengang sowie freiwilligem sozialen Jahr oder Wehrdienst die Berufswelt erreicht. „Wir verfolgen ihren Werdegang“, sagt Herbst und weist auf ein Langzeitprojekt mit der Uni Mainz hin, das die Schulabgänger beobachtet. Herbst freut sich über die Gründung einer schlagkräftigen Ehemaligen-Stiftung, die schon 50000 Euro Eigenkapital gesammelt habe. Langfristig könnte die Stiftung nach amerikanischem Vorbild einen Finanzierungsbeitrag für den Fortbestand der Schule leisten. Im Ruhestand wechselt der leidenschaftliche Boulespieler und Radfahrer Herbst auf die andere Rheinseite nach Ingelheim. Von seinem Haus sind es nur ein paar Meter in Weinberge mit freiem Blick auf den Rheingau- und den Hansenberg.

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