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Wolf Singer im Porträt : Was ist denn das für eine zerebrale Gymnastik?

  • -Aktualisiert am

„Der freie Wille ist eine Illusion“: Wolf Singer in seinem Büro im Max-Planck-Institut. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Philosophie war ihm zu spekulativ, die Physik zu simpel. Also wurde Wolf Singer Hirnforscher. Und ärgert so manchen Geisteswissenschaftler.

          6 Min.

          Würde das Gehirn so simpel funktionieren, wie die Wissenschaft früher glaubte, wäre aus Wolf Singer vielleicht kein Hirnforscher geworden. Womöglich säße er nicht im Büro eines Max-Planck-Instituts, sondern im Sprechzimmer einer bayerischen Landarztpraxis und würde sich um seine Patienten kümmern. Er könnte einen stillen Groll gegen Internate hegen, und nach Feierabend könnte er sich im heimischen Keller als Hobbybastler betätigen.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          So hätte es kommen können, wäre das Gehirn die schlichte „Reiz-Reaktions-Maschine“, für die auch Singer selbst es anfangs gehalten hat. Erlebnisse in der Kindheit prägen einen Menschen und spiegeln sich später eins zu eins in seiner Persönlichkeit wider: so linear, so falsch. Das Denkorgan ist ebenso schwer berechenbar wie das Leben selbst; ein Einfluss, der den einen traumatisiert, lässt den anderen reifen, und deshalb kann Wolf Singer auf dem Sofa seines Büros entspannt und humorvoll über seine Internatszeit plaudern.

          Erste Experimente mit Kosmos-Baukästen

          Es war hart für den Jungen, als er mit zehn Jahren auf Schloss Neubeuern bei Rosenheim einzog. Bis dahin hatte der Landarztsohn in einem oberbayerischen 400-Seelen-Dorf gewohnt, hatte im Stall die Kühe gemolken und war im Winter auf Skiern zu seiner Zwergschule gefahren, die direkt am Inn lag. Nicht alles deutete auf eine glanzvolle Gymnasiastenlaufbahn hin: „Ich konnte leidlich Hochdeutsch, aber nicht das große Einmaleins.“ Damals, in den fünfziger Jahren, ging es recht streng zu auf Neubeuern, wo die Nationalsozialisten 1942 eine ihrer Napola-Schulen eröffnet hatten. Relikte der schwarzen Pädagogik hielten sich auch nach dem Krieg. Hatte ein Schüler etwas ausgefressen, wurde schon mal ein nächtlicher Stehappell befohlen, erinnert Singer sich. In den Internatsjahren hat er manche Träne vergossen, aber er wusste sich zu trösten: mit Briefen nach Hause - und mit seinem Erfindergeist.

          Daheim hatte sich der kleine Wolf ein Labor eingerichtet. „Ich war ein leidenschaftlicher Bastler.“ Er experimentierte mit Kosmos-Baukästen, konstruierte ferngesteuerte Modellflugzeuge, Regendetektoren und einen lichtempfindlichen Schalter, der dafür sorgte, dass die Vorhänge im Zimmer automatisch aufgezogen wurden, wenn draußen die Sonne schien. Auch für ein drängendes Problem des Internatslebens fand der Jungforscher zu Hause die Lösung: Weil auf Neubeuern Radios verboten waren, baute er einen Apparat, der so klein war, dass er sich in einem ausgehöhlten Buch verstecken ließ. Die Schule förderte sein handwerkliches Können noch; sie entließ ihn nicht nur mit dem Abitur, sondern auch mit einem Gesellendiplom als Schreiner.

          Geisteswissenschaftler stöhnen, wenn Singers Name fällt

          Dass der junge Mann dem väterlichen Beispiel folgen und Medizin studieren würde, lag nahe, doch er blieb vielseitig interessiert. „Ich habe an der Uni auch Philosophie gehört. Aber das hat mich nicht befriedigt. Die können ja nichts wirklich beweisen, sondern nur ihre Standpunkte verteidigen. Da habe ich mich gefragt: Was ist denn das für eine zerebrale Gymnastik?“ Es sind Sätze wie dieser, die noch heute manchen Geisteswissenschaftler aufstöhnen lassen, wenn Singers Name fällt. Aber auch die Physik machte den neugierigen Studenten nicht glücklich. Eine Zeitlang widmete er sich diesem Fach, um dann enttäuscht von ihm abzulassen. „Das waren mir zu einfache Systeme.“

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