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Wohnungsnot : Nimm mich!

Man sieht das Zimmer vor lauter Wohnungen nicht: Gesuche am Schwarzen Brett an der Universität in Konstanz. (Symbolbild) Bild: dpa

Wohnen wird unbezahlbar, ein Unterkunft in der Stadt ist schwer zu finden? Für Studenten erst recht. Geschichten vom Suchen und Finden, erzählt von Kandidaten und Juroren.

          Wohnen wird unbezahlbar, ein Unterkunft in der Stadt ist schwer zu finden? Für Studenten erst recht. Eine Wohngemeinschaft ist die Lösung? Wer in einer aufgenommen werden will, muss erst ein Casting bestehen, mancher versucht es 30 Mal, bis es klappt. Geschichten vom Suchen und Finden, erzählt von Kandidaten und Juroren.

          Als Hauself bei Oma

          Das sollte sie sein, die neue Bleibe? Ein acht Quadratmeter großes Zimmer, mehr eine Rumpelkammer als ein Raum zum Leben. „Das war so eine kleine Absteige. Absolut winzig“, sagt Christian Windschmitt, es war seine schlimmste WG-Besichtigung in Darmstadt. Dabei hätte der 26 Jahre alte Psychologiestudent stutzig werden können; denn in der Online-Anzeige war nicht ein einziges Bild zu sehen. Warum, das war ihm am Ort, einem Einfamilienhaus, schnell klar: Rüschen, Engelsstatuen, Kruzifixe, Bilder von alten Menschen. Alte Möbel. Das, dachte er, werde schon seinen Grund haben. Hatte es. Die Leute, bei denen er sich als Mitbewohner vorstellte, erzählten: Die Vermieterin, eine Witwe, habe das Haus einst mit ihrem Mann bewohnt. Und komme, obwohl längst umgezogen und im fortgeschrittenen Rentenalter, von Zeit zu Zeit zurück. Und wolle dann alles vorfinden, wie es war, die Einrichtung, die Fotos, die Dekoration. Auch Waschmaschine und Kühlschrank waren historisch.

          Wollte keine Kruzifixe sehen: Christian Windschmitt, jedoch nicht in dem beschriebenen Zimmer.

          „Schon dubios“, fand Windschmitt das, so als Student in einem Oma-Haus zu leben. Für sein Stück davon hätte er 350 Euro zahlen sollen, fast 44 Euro je Quadratmeter für den abstellkammerhaften Raum. „Und jetzt kommt das Geilste dabei“, sagt Windschmitt: Nicht nur sei die Miete überhöht, die Internetverbindung schlecht, die Möblierung bizarr gewesen.

          Die Mieter hätten auch den Garten pflegen und im Winter Schnee schippen müssen. „Man war wie aus Harry Potter so ein billiger Hauself, den die sich ins Haus holt.“ Schon rund 20 Mal hat Windschmitt an Castings für ein WG-Zimmer teilgenommen. Einmal habe jemand versucht, ihm einen Wohnwagen ohne fließendes Wasser schmackhaft zu machen. Aber „das Oma-Haus“ in Darmstadt habe alles getoppt. Angenommen hat er das Angebot nicht. Für die WG kein Problem; sie habe unter den etwa 60 Interessierten schnell jemanden gefunden, den weder Kruzifixe noch Hausmeisterjobs störten: Man nimmt, was man kriegt, im schlimmsten Fall.

          Chef in der Mädels-WG

          Viele Studenten suchen sich ein Zimmer über das Online-Portal wg-gesucht.de. Das Praktische: Man kann sofort sehen, wer in Frage kommt. Raucher oder Nichtraucher. Mit oder ohne Haustier. Nur Veganer. Cora Thurm, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, versuchte es vor ein paar Wochen in Mainz in einer reinen Mädels-WG. So stand es zumindest auf besagtem Online-Portal. Als Thurm zum vereinbarten Termin kam, öffnete allerdings nicht die Studentin, mit der sie sich bis dahin geschrieben hatte, sondern der etwa 55 Jahre alte Vermieter.

          Das habe sie überrascht, sagt sie, aber sie habe sich erst einmal nichts weiter dabei gedacht. Von Anfang an sei der Mann unfreundlich gewesen. Habe ihr das freie Zimmer gezeigt und die übrigen Räume. Einen bewohnte er selbst. Thurm wunderte sich. War in der Anzeige nicht von einer Mädels-WG die Rede? Als der Mann sie aufgefordert habe, ihm in die Küche zu folgen, habe sie die üblichen Fragen erwartet: Was studierst du so? Was sind deine Hobbys? Was ist deine Vorstellung vom WG-Leben?

          Diesmal sei es anders gewesen: Einen Sitzplatz habe sie nicht angeboten bekommen, nichts zu trinken. Ob sie die anderen Mieterinnen kennenlernen werde, habe sie gefragt, die wollten ja wohl auch wissen, wer einziehen wolle. Bei 31 von 35 Wohnungsbesichtigungen, die sie bis dahin erlebt hatte, sei das so gewesen. Hier aber: Er entscheide, wer das Zimmer bekomme, habe der Mann gesagt, sie von oben nach unten gemustert und anschließend rausgeworfen. „Da ich höflich und freundlich war, wie auch sonst immer und der Vermieter nichts von mir wissen wollte, ist das für mich ganz klar so gewesen, dass ich rein äußerlich nicht dem entsprach, was er da für Frauen in seinem Haus haben wollte.“ Später stellte sich in der Netzwerk-App Jodel heraus, dass Thurm nicht die Einzige war, die in dieser seltsamen Wohnung so behandelt worden war.

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