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Wohnen über Supermärkten : Zum Einkaufen ins Erdgeschoss

  • -Aktualisiert am

Kurze Wege: Die Mieter laufen zum einkaufen einfach die Treppe runter. Bild: Bäuml, Lucas

Die Rhein-Main-Region leidet unter zu wenig Wohnraum. Jetzt könnte über Supermärkten viel Platz zum Leben entstehen – doch nicht überall ist ein Aufstocken möglich.

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          Lindern zukünftig Supermärkte den Wohnungsmangel in der wachsenden Rhein-Main-Region? Nach aktuellen Berechnungen des Regionalverbands könnten im Großraum Frankfurt immerhin 3000 bis 5000 neue Wohnungen auf den Dächern von Supermärkten entstehen. Verbandschef Thomas Horn (CDU) nennt diese Zahlen „konservativ geschätzt“ – womöglich ist das Potential also noch höher.

          Die allermeisten Supermärkte und Discounter sind, in Hessen wie im Rest Deutschlands, als Einzelbauten konzipiert: lange, flache Gebäude, die viel Platz einnehmen, meist aber mit nur einem Geschoss. Außer dem Betreiber nutzt diese Bauten meist niemand. Dass es aber gerade in wachsenden Regionen nahe liegt, in die Höhe zu bauen, haben nun auch Konzerne wie Rewe und Lidl erkannt. Seit kurzem kooperieren sie mit Wohnungsbaugesellschaften, um ihre Flächen besser auszunutzen. In Frankfurt, wo schon relativ viele Supermärkte nach diesem Konzept gebaut wurden, wird jene Bauweise ausdrücklich von der Stadt unterstützt.

          Wie es aussieht, wenn neue Märkte, schon bevor sie gebaut werden, eine Aufstockung mit Wohnraum planen, zeigt sich zum Beispiel im Frankfurter Stadtteil Gallus: Schon 2017 hat die Wohnungsbaugesellschaft GWH dort das „Alea“ eröffnet – im Erdgeschoss befinden sich Aldi, Rewe und weitere Einzelhändler, darüber leben Menschen in 300 Wohnungen.

          Ein auszuschöpfendes Potential

          680 Lebensmittelmärkte stehen im Großraum Frankfurt. Laut Regionalverband ist beinahe ein Drittel davon schon überbaut. Weitere 23 Prozent seien für eine Aufstockung ungeeignet. Bleiben also 320 Märkte, auf deren Flächen eine neue Nutzung möglich wäre. Das sind annähernd 50 Prozent des Bestands. Ein Blick auf die vom Verband veröffentlichte Standortkarte jedoch zeigt: In Frankfurt, wo die Wohnungsknappheit und der Zuzug am größten sind, wurden die meisten Supermärkte bereits aufgestockt. Ein noch auszuschöpfendes Potential hat den Berechnungen zufolge etwa Offenbach, das ebenfalls stark wächst: Auf den Dächern von mehr als 15 Märkten könnte dort neuer Wohnraum entstehen.

          Auch im Taunus und Vordertaunus wird der Großteil der Supermärkte bisher rein funktional genutzt. Verbandsdirektor Horn gibt jedoch zu bedenken, dass nicht jeder Standort für die maximal mögliche Aufstockung in Frage kommt. „Berlin zum Beispiel möchte bis zu 36.000 Wohnungen auf Märkten errichten. Diese Zahlen sind für die Rhein-Main-Region natürlich zu hoch gegriffen. Wir können Florstadt nicht mit Neukölln vergleichen.“

          Auch spiele die jeweilige bauliche Umgebung eine Rolle. Aktuell errichtet etwa der Discounter Lidl im Frankfurter Gallus eine neue Filiale, über der 40 Wohnungen auf fünf zusätzlichen Geschossen entstehen. Planungsdezernent Mike Josef (SPD) spricht von einem Pilotprojekt. Auch Horn findet das Vorhaben lobenswert, übertragbar auf die gesamte Region sei es aber nicht. „Eine fünfgeschossige Bebauung ist im urbanen Frankfurt kein Problem, im ländlichen Raum wäre sie hingegen viel zu hoch.“ Eine konkrete Empfehlung, welche Städte denn nun verstärkt bauen sollten, möchte der Regionalverband nicht abgeben. „Die Zahlen zeigen lediglich das Potential auf“, sagt Horn.

          Eins fällt auf bei den Märkten, die auf ihren Dächern Wohnraum schaffen: Es sind in allen Fällen Neubauten. „Bei klassischen Märkten ist es von der Bauweise und der Statik her kaum möglich, oben drauf zu bauen“, sagt ein Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft GWH. Auch Horn meint, es sei unrealistisch, auf alte Bestandsgebäude mehrere Stockwerke draufzusetzen. Die Betreiber müssten sich also überlegen, ob sich Abriss und Neubau mit Aufstockung lohnten. Bei vielen Märkten stünden aber ohnehin umfassende Sanierungen an.

          Die Befürchtung von Mietern, sie lebten oberhalb eines Supermarktes im Lärm, kann zumindest die GWH entkräften. „Über den Ladenflächen und den Einfahrten zur Anlieferung, die ohnehin sehr hoch angelegt sind, werden speziell schalldämmende Materialien eingebaut. Zusätzlich werden Wohnungen mit Schallschutzfenstern ausgestattet.“ Beschwerden über Lärm hätten die GWH bisher nicht erreicht. „Ein gewisser Geräuschpegel ist aber immer da. Darauf weisen wir die Bewohner hin. Sicherlich kann es vorkommen, dass auch mal eine Gruppe vor dem Markt zum Biertrinken zusammenkommt. Dass es laut wird, ist aber eher die Ausnahme als die Regel.“

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