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Wohnhäuser in Frankfurt : Inspektor im Aufzugsschacht

  • -Aktualisiert am

Blick nach oben: Ist der Fahrstuhl sicher? Bild: Marcus Kaufhold

Der Techniker Istvan Wieneke überprüft für den TÜV Hessen die Aufzüge in Wohn- und Hochhäusern. Doch hundertprozentig sicher sind die Lifte auch nach seiner Abnahme nicht.

          3 Min.

          Stück für Stück senkt sich die Aufzugkabine auf Istvan Wieneke herab. Ganz unten auf dem Boden des Aufzugsschachts steht er und schaut nach oben. Nur eine schwache Lampe an der Wand erhellt den immer kleiner werdenden Raum zwischen Boden und Kabine. Es riecht nach Schmieröl. Als der Fahrkorb noch wenige Zentimeter vom Kopf des Elektrotechnikers entfernt ist, hält die Kabine endlich an.

          An Stellen, wohin sich kaum jemand trauen würde, arbeitet Wieneke jeden Tag. Seit elf Jahren kontrolliert der 44 Jahre alte Prüfer des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) Hessen die Aufzüge in Wohn- und Hochhäusern. Einen großen Teil seiner Tätigkeit verrichtet er unter und auf den Liften. Er untersucht die Drahtseile, inspiziert die Rollen, testet die Puffer, auf die der Fahrkorb bei einem Absturz aufschlagen würde.

          Alles funktioniert über Reibung

          Eineinhalb Stunden dauert die Prüfung, die nach Vorschrift des Gesetzgebers in jedem zweiten Jahr durchgeführt wird. Zunächst kontrolliert Wieneke in der Regel den Maschinenraum. Oft befindet er sich auf dem Dach, manchmal jedoch auch im Keller neben dem Aufzugsschacht. So auch im Wohnhaus im Frankfurter Nordend, das er an diesem Tag prüft. Nur wenige Quadratmeter groß ist die Kammer, in dem die graue Maschine steht, die den Aufzug antreibt. Seitlich von Motor, Bremsen und Getriebe ist eine Metallscheibe befestigt, über die mehrere Stahlseile laufen. Sie sind im Schacht mit der Aufzugskabine und einem Gegengewicht verbunden. Je nachdem, in welche Richtung sich die Scheibe dreht, ziehen die Seile den Aufzug entweder nach oben oder nach unten.

          Im Endeffekt funktioniere alles über Reibung, erklärt der Mann mit dem blauen TÜV-Shirt. Entscheidend sei, dass die Stahlseile sicher über die Rolle liefen. Für jedes Seil ist in der Scheibe eine kleine Rille eingeschnitten, die nach unten immer enger wird. Zwischen dem Boden der Rille und den Seilen muss genug Platz sein, damit sie nicht über die Scheibe rutschen. Auch dürfen die Seile nicht zu alt sein. Wenn etwa schon einzelne Drähte herausragen, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass das Seil bald reißt.

          Es geht um die Sicherheit der Passagiere

          Mängel findet Wieneke in diesem Fall weder bei den Seilen noch bei der Scheibe. Das sei ihm immer lieber, sagt der TÜV-Prüfer: „Lifte können Todesfallen sein.“ Bei einem Absturz haben Passagiere kaum eine Möglichkeit, sich zu retten. Wenn Seile brüchig und Bremsen defekt seien, zeige ihm das, dass sich die Aufzugsbetreiber der Gefahren nicht bewusst seien. In solchen Fällen kann der TÜV fordern, den Aufzug abzuschalten, bis die Anlage nachgerüstet ist.

          Verständnis hätten dafür nur sehr wenige Betreiber, sagt er. Der Großteil glaube, dass der TÜV ihnen das Geld aus der Tasche ziehe. „Sie halten uns für Besserwisser und denken, dass wir unbedingt Fehler finden wollen.“ Doch das schlechte Image sei unbegründet. Schließlich habe der Überwachungsverein nichts davon, wenn neue Teile eingebaut werden müssten. Es gehe schlichtweg um die Sicherheit der Passagiere.

          Der Fahrstuhl stoppt auch ohne Strom

          Dafür muss Wieneke auch den Notfall prüfen: technische Störung, Ausfall der Bremse, Absturz der Kabine. So etwas sei durch neue Sicherheitssysteme zwar zur absoluten Ausnahme geworden, sagt er. Dennoch muss auch in diesem Fall sichergestellt werden, dass der Schaden gering gehalten wird.

          Mit lautem Klappern rast der Aufzug in die Tiefe. Im Treppenhaus stehend, hört Wieneke, wie der Fahrkorb mehrere Meter nach unten fällt. Die Bremse hat er abgestellt, alle elektronischen Sicherheitsvorkehrungen ausgeschaltet. Dann ist plötzlich ein dumpfes Klacken zu hören. Ruckartig hält der Aufzug an. „Passt“, sagt er. Der sogenannte Geschwindigkeitsbegrenzer hat die Kabine zum Anhalten gebracht. Er arbeitet unabhängig von der eigentlichen Anlage und misst anhand der Bewegung der Tragseile zu jedem Zeitpunkt die Geschwindigkeit des Aufzugs. Übersteigt sie einen vorgegebenen Wert, stoppt eine Reihe von Backen darunter und darüber die Kabine mechanisch - selbst wenn der Strom ausgefallen ist.

          Hundert Prozent Sicherheit gibt es nicht

          Die Sicherheit der Passagiere zu garantieren und ständig unterwegs zu sein, das gefällt Wieneke besonders an seinem Job. Einsätze habe er im ganzen Rhein-Main-Gebiet. „Dadurch komme ich überall rum und bin in Kontakt mit vielen Menschen.“ Gefährlich bei den Prüfungen sei es vor allem, in Routine zu geraten, sagt er. Etwa acht Prüfungen erledigt er am Tag, jedes Mal wandelt er die Reihenfolge etwas ab, um neu überlegen zu müssen. Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit sind unausweichlich - sonst ist auch sein eigenes Leben in Gefahr. Denn für einige Prüfungen muss er auf den fahrenden Aufzug klettern.

          Wenn nämlich eine Aufzugstür gewaltsam geöffnet wird, muss der Lift sofort stehen bleiben. Das kann er mit Hilfe einen Hebels über der Tür nachstellen, den er nur aus dem Aufzugsschacht erreicht. Vor einigen Jahren prüfte er einen Fahrstuhl, der einfach mit offener Tür weiterfuhr. „So etwas ist natürlich lebensbedrohlich“, sagt er. Auch am Boden des Aufzugsschachts muss er kontrollieren. Dort schaut er sich an, ob die Puffer, auf die der Aufzug bei einem vollständigen Absturz stößt, porös sind und daher ausgetauscht werden müssen.

          Etwa 500 Euro wird den Betreiber die Prüfung des Aufzugs kosten, schwere Mängel hat Wieneke nicht festgestellt. Hundertprozentig gefahrlos sei es dennoch nicht, mit dem Aufzug zu fahren, sagt er. „Die Passagiere müssen den Aufzug verantwortlich nutzen, nur dann sind sie wirklich sicher unterwegs.“

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