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Wohngemeinschaft „Cubity“ : Ein Wohnhaus als Labor

Experiment: Zwölf Studierende mit und ohne Fluchterfahrung sollen im zweigeschossigen „Cubity“ unter einem Dach leben. Bild: Michael Kretzer

In einer Siedlung in Niederrad entsteht „Cubity“, eine Wohngemeinschaft für zwölf Studenten mit und ohne Fluchterfahrung.

          Die erste Bewohnerin für „Cubity“ ist schon gefunden. Vor zwei Wochen hat sie sich bei der Nassauischen Heimstätte per E-Mail gemeldet. „Integration gepaart mit Umweltbewusstsein, das finde ich eine fantastische Idee, und gerne wäre ich ein Teil dieser Wohnform“, schreibt die 21 Jahre alte Physiotherapeutin aus Gießen. Sie will von Oktober an Medizin in Frankfurt studieren und lieber heute als morgen ins neue Wohnheim „Cubity“ in Niederrad ziehen. Zwölf Studenten, mit und ohne Fluchterfahrung, sollen in dem Pavillon, der sich selbst mit Energie versorgt, zusammenwohnen. Der Entwurf stammt von Architekturstudenten der TU Darmstadt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Monika Schmitz-Stadtfeld kann der jungen Frau zwar keinen Platz versprechen. Die Vermietung der Zimmer regelt das Studentenwerk. Aber Schmitz-Stadtfeld, die bei der Nassauischen Heimstätte die Abteilung für Integrierte Stadtentwicklung leitet, hat sich über die Bestätigung gefreut und die Verfasserin der E-Mail für Dienstagabend zum Richtfest eingeladen. Auch die gesamte Nachbarschaft soll kommen. Denn der zweigeschossige Pavillon entsteht auf einer Grünfläche mitten in der nur locker bebauten Adolf-Miersch-Siedlung, die in den fünfziger und sechziger Jahren entstanden ist. Drei Jahre lang soll das Experiment dauern, mit dem die Heimstätte testen will, ob das Grundstück auch dauerhaft bebaut werden kann.

          Acht Quadratmeter Privatsphäre

          Die Gießenerin beschreibt sich in ihrer E-Mail als sozial engagiert und WG-erfahren. Das wird ihr beim Einzug sicher helfen, denn sie wird sich auf jeden Fall einschränken müssen. Die zwölf Bewohner haben im „Cubity“-Pavillon nur jeweils acht Quadratmeter Privatsphäre: Die Schlafkojen stehen in kleinen, würfelförmigen Boxen in einem offenen Raum mit quadratischem Grundriss. Außer einem Schlafplatz gibt es in den kleinen Boxen auch ein privates Badezimmer. Jeder Quadratzentimeter wird als Stauraum genutzt, unter dem Bett stecken Schubladen und Fächer, selbst der schmale Schreibtisch ist ausklappbar. Eigene Möbel müssen die Bewohner nicht mitbringen, dafür wäre ohnehin kein Platz mehr. Für den Schlafplatz zahlen sie etwa 250 Euro im Monat.

          Wahrscheinlich werden sich die meisten Bewohner nur zum Schlafen in ihre schmalen Kammern zurückziehen. Die Aufenthaltsräume befinden sich außerhalb der Würfel und werden von allen gemeinsam genutzt. Außer einem zentralen „Marktplatz“ in der Mitte des Pavillons gibt es an einer Ecke eine geräumige Küche und auf der Galerie auch eine Sofaecke. „Cubity heißt teilen“, beschreibt Schmitz-Stadtfeld das Konzept. Auch ein Sozialwissenschaftler soll mit einziehen.

          Meisten Rückmeldungen aus der Nachbarschaft sind positiv

          In der Nachbarschaft stößt das Projekt nicht nur auf gespannte Erwartung, man hört auch auf skeptische Worte. Eine ältere Frau meint, die Studenten in Frankfurt müssten auch irgendwo wohnen. Auf dem Spielplatz freuen sich zwei ältere Frauen aus Spanien auf die neuen Nachbarn. Eine jüngere Anwohnerin mit slawischem Akzent findet es allerdings schade, dass ihr Blick aus dem Fenster nun nicht mehr auf eine grüne Wiese, sondern auf ein Gebäude fällt, dass sie noch nicht einmal ansehnlich findet. Und ein älterer Herr vermutet, dass die Studenten nur als Vorwand dienen und in Wirklichkeit „nur Asylanten“ einziehen werden. Er will sich aber gerne eines Besseren belehren lassen.

          Privatsphäre bieten die jeweils nur acht Quadratmeter großen Schlafboxen.

          „Nachverdichtung funktioniert mit Kommunikation und wenn man einen Mehrwert fürs Quartier schafft“, sagt Schmitz-Stadtfeld. In Niederrad hat sie offenbar noch einige Überzeugungsarbeit vor sich. Die meisten Rückmeldungen aus der Nachbarschaft seien aber positiv, berichtet sie. Die Siedlung ist von einer älteren Bevölkerung geprägt, die Nassauische Heimstätte will auch junge Bewohner ins Quartier holen. „Viele Nachbarn freuen sich, dass Studenten einziehen und etwas Lebens ins Quartier bringen“, sagt Sandra Gesper, die das Service-Center der Heimstätte in der Siedlung leitet.

          Vor einem Jahr hat die Heimstätte mit der Sanierung der Miersch-Siedlung begonnen. 500 Wohnungen sollen nach und nach modernisiert werden. Auch einige Neubauten kommen hinzu. Nur ein geringer Teil der Bestandswohnungen ist noch in der sozialen Bindung. Viele Bewohner wohnen schon seit Jahrzehnten in dem Quartier. Um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen, setzt die Heimstätte auch auf „Urban Gardening“: Mit Hochbeeten und Himbeerbüschen soll das Quartier zur „essbaren Siedlung“ werden. Am 1. Oktober ist Einzug im „Cubity“. Bis dahin will die Nassauische Heimstätte in dem Pavillon Vorträge und andere Veranstaltungen anbieten.

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