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Wohnen für Studenten : „Ein halbes Zimmer im Hinterhaus für 800 Euro“

Hausherr: Eric Erdmann im neuen Wohnheim des Studentenwerks auf dem Riedberg-Campus der Uni Frankfurt. Platz ist für 95 Studenten. Erdmann ist Abteilungsleiter Wohnen beim Studentenwerk. Bild: Lukas Kreibig

Wohnraum für Studenten ist knapp. Manch Anbieter nutzt das schamlos aus. Eric Erdmann spricht über Mietwucher, lange Wartelisten und Versuche des Studentenwerks, den Mangel zu lindern.

          5 Min.

          Hätte ein Student, der sich jetzt bei Ihnen bewirbt, noch eine Chance, zum Beginn des Wintersemesters einen Wohnheimplatz zu bekommen?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nein. Für dieses Wintersemester können wir schon seit Wochen nichts mehr anbieten.

          Wie viele Leute stehen derzeit auf der Warteliste für einen Wohnheimplatz?

          Das dürften etwa 2300 Personen sein.

          Wie lange muss man warten, bis man an die Reihe kommt?

          Das hängt ein wenig von der Art der Unterkunft ab, für die man sich bewirbt. Aber in der Regel sind es mindestens drei bis sechs Monate, im Einzelfall auch über zwölf Monate.

          Nach welchen Kriterien vergeben Sie die Plätze?

          Ein Kriterium ist der Zeitpunkt des Eingangs der Bewerbung. Außerdem streben wir eine paritätische Geschlechterverteilung an, und wir schauen auf die Nationalität. Wir haben intern festgelegt, dass ein Drittel der Plätze an internationale Studierende vergeben wird. Und dabei versuchen wir wiederum, die Anteile der verschiedenen Nationalitäten an der Studierendenschaft widerzuspiegeln.

          Welche Rolle spielt die soziale Bedürftigkeit?

          Die wird ebenfalls berücksichtigt, und auch die Entfernung zwischen Herkunfts- und Studienort spielt eine Rolle. Im Zweifelsfall bekommt jemand, der von weiter herkommt, den Vorrang gegenüber jemandem, der aus Offenbach stammt.

          Wie groß ist in Frankfurt und der Region das Missverhältnis zwischen der Gesamtzahl der Studenten und der Zahl an Wohnheimplätzen?

          Im Moment können hier sieben Prozent der an staatlichen Hochschulen eingeschriebenen Studierenden mit gefördertem Wohnraum versorgt werden. Der wird nicht nur vom Studentenwerk bereitgestellt, sondern auch von anderen gemeinnützigen Trägern wie den Kirchen oder der GWH Wohnungsgesellschaft. Insgesamt kommt man so auf 5100 Plätze, von denen 2800 durch das Studentenwerk Frankfurt angeboten werden.

          Mit der Deckungsquote von sieben Prozent sind Sie nicht zufrieden. Was ist Ihr Ziel?

          Wir streben eine Versorgungsquote von zehn Prozent an, das entspräche dann dem deutschlandweiten Durchschnitt.

          Wie viele Wohnheimplätze werden Sie in nächster Zeit zusätzlich bereitstellen können?

          Wir haben gerade zwei Projekte im Bau. In Wiesbaden entstehen 87 Plätze und in Geisenheim 27. Außerdem sind wir in einer Reihe von Vorgesprächen, zum Beispiel für ein Projekt an der Ginnheimer Landstraße in Frankfurt neben dem Sportcampus der Universität. Dort könnten weitere 300 Wohnheimplätze entstehen. Zudem gibt es die Vereinbarung mit der Stadt und der Wohnungsbaugesellschaft ABG, dass wir versuchen, bis 2020 in Frankfurt 1000 weitere Plätze zu schaffen.

          Wie angespannt ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt für Studenten im Rhein-Main-Gebiet insgesamt?

          Ich benutze lieber das Wort „Wohnungsmangel“ als „Wohnungsnot“, weil „Not“ etwas Falsches impliziert. Grundsätzlich ist die Lage auf dem Markt für Studenten die gleiche wie auf dem allgemeinen Markt: Wer ausreichende Bonität besitzt, hat kein Problem, sich mit Wohnraum zu versorgen. Je schmaler das Budget ist, desto schwieriger wird es. Und wenn jemand aus dem Ausland kommt, hat er noch größere Mühe, etwas zu finden.

          Kommt es oft vor, dass jemand, der zum Beispiel eine dunkle Hautfarbe hat oder schlecht Deutsch spricht, bei der Wohnungssuche diskriminiert wird?

          In Sprechstunden erreichen uns Berichte von ausländischen Studierenden darüber, dass private Vermieter sie grundsätzlich ablehnen oder ihre Notsituation ausnutzen und absurde Preise verlangen. Umso erfreulicher ist es für uns als Studentenwerk, wenn wir den Leuten dann eine Unterkunft zu einem angemessenen Preis bieten können.

          Die Studentenzahlen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Hat sich der Wohnungsmangel im gleichen Maß verschärft?

          2300 Leute hatten wir noch nie auf der Warteliste für Wohnheimplätze, das ist Rekord. Als ich vor fünfeinhalb Jahren anfing, waren es 1400 bis 1800 Personen. Insofern hat sich die Situation tatsächlich stetig verschärft.

          In Frankfurt entstehen immer mehr private Studentenwohnheime. Dort kostet ein Zimmer manchmal 700 Euro im Monat - das ist so viel, wie der Durchschnitts-Hochschüler für seinen gesamten Lebensunterhalt zur Verfügung hat. Entlasten solche Angebote wirklich den studentischen Wohnungsmarkt?

          Unserer Meinung nach schaden sie nicht viel, aber sie helfen auch nicht viel. Es soll ja den sogenannten Sickerungseffekt geben: Wer in solchen teuren Unterkünften miete, blockiere keine andere Wohnung, heißt es. Ob das nachweisbar ist, weiß ich nicht. Wir merken jedenfalls keine Entlastung. Es muss noch einmal klar darauf hingewiesen werden, dass Angebote auf dem privaten Sektor keine Lösung für das studentische Wohnungsproblem sind.

          Wird durch den Bau teurer Wohnungen Platz verbraucht, der dann für günstigen Wohnraum fehlt?

          Diese Gefahr sehe ich nicht. Ein Projekt wie der Umbau des früheren Philosophicums in Frankfurt-Bockenheim würde in die Finanzierungsstruktur des Studentenwerks überhaupt nicht reinpassen. Der Kaufpreis und die Umbaukosten waren so hoch, dass wir Wohnungen dort nicht zu unseren üblichen Preisen hätten anbieten können. Kostenfreie Grundstücke oder Liegenschaften sind Grundvoraussetzung für unsere Projekte.

          Ist das umgebaute Philosophicum in Ihren Augen überhaupt ein Studentenwohnheim oder eher ein Quartier für junge Gutverdiener?

          Ich fürchte, dass es auf Letzteres hinausläuft. Das zeigen auch schon andere bereits eröffnete private Unterkünfte, die hauptsächlich von Wochenend-Heimfahrern und Berufseinsteigern bewohnt werden.

          Sie sind selbst Architekt. Wie hat sich der Wohnheimbau in den vergangenen Jahren verändert? Wie viel Komfort erwarten die Studenten heute?

          Wir merken, dass das Einzelapartment das am stärksten nachgefragte Angebot ist. Wer es sich leisten kann, möchte ein eigenes Bad und eine eigene Küche haben.

          Man wohnt nicht mehr gerne in Gemeinschaften?

          Gruppenanschluss wird schon gesucht. Wir bieten in unseren Wohnheimen ja auch Gemeinschaftsflächen an, um der Vereinzelung entgegenzuwirken. Aber gerade bei den deutschen Bewerbern gibt es eben den Drang zum eigenen Zimmer.

          Bei den Ausländern ist das anders?

          Ja, das hängt oft schon mit dem Budget zusammen. Zimmer in Wohn- oder Flurgemeinschaften sind immer günstiger. Aber viele suchen auch Anschluss an Landsleute, oder sie möchten Kontakte zu Deutschen knüpfen. Für einen ausländischen Studierenden scheint auch uns die Vereinzelung in einem Apartment nicht das Richtige.

          Seit Jahren ruft das Studentenwerk Frankfurt gemeinsam mit den Hochschulen und den Städten vor Beginn des Wintersemesters Privatleute dazu auf, Wohnungen für Studenten bereitzustellen. Wie erfolgreich ist diese Kampagne?

          In den letzten Jahren konnten wir immer so um die 500 Angebote ins Internet stellen oder aushängen. Diese Kampagne hat zwei Ziele: Zum einen soll sie natürlich direkt für Wohnungsangebote sorgen, zum anderen soll sie die Bevölkerung generell auf den Mangel an studentischem Wohnraum aufmerksam machen. Es sollen ja nicht nur zum Semesterstart preisgünstige Unterkünfte angeboten werden.

          Prüfen Sie die Angebote, bevor Sie sie veröffentlichen?

          Natürlich können wir uns die Wohnungen nicht anschauen, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis prüfen wir schon. Wer meint, in seiner Drei-Zimmer-Wohnung die Besenkammer für 700 Euro vermieten zu können, der wird aussortiert. Außerdem achten wir darauf, dass die Angebote wirklich von Privatpersonen kommen.

          Wie oft kommt es vor, dass Vermieter die Not wohnungssuchender Studenten ausnutzen?

          Das kann man nicht verlässlich sagen. Uns werden immer nur Einzelfälle berichtet.

          Was war der krasseste Fall, von dem Sie bisher gehört haben?

          Ein Mitarbeiter berichtete mir von einem Hinterhaus an der Leipziger Straße in Bockenheim. Dort soll ein indischer Student für ein halbes Zimmer, das nur mit einem Vorhang vom Rest des Raumes abgetrennt war, 700 oder 800 Euro gezahlt haben. Wenn die Alternative ist, unter der Brücke zu schlafen, lassen sich die Leute selbst auf so etwas ein.

          Wie kann das Studentenwerk in solchen und anderen extremen Situationen helfen?

          Wenn es zum Beispiel darum geht, jemanden aus einer Wohngemeinschaft herauszuholen, weil es sexuelle Übergriffe gegeben hat, können wir auf ein paar Notzimmer zurückgreifen. Aber es gibt auch bedürftige Personen, denen das Studentenwerk nicht ad hoc helfen kann, da wir bis auf den letzten Platz belegt sind. Wir sind mit anderen Anbietern vernetzt und schauen dann, welche Möglichkeiten es dort gibt. Die Wohnheim GmbH zum Beispiel hat in Frankfurt-Fechenheim ein Männerwohnheim, in dem man vorübergehend jemanden einquartieren kann, und es gibt noch weitere Betreiber, die unkompliziert Wohnungen bereitstellen. Gerade zum Start des Wintersemesters sind allerdings die Optionen fast ausgereizt.

          Dass jemand am Ende tatsächlich unter einer Brücke schlafen musste, ist aber noch nicht vorgekommen, oder?

          Wir hatten schon einzelne Fälle, in denen ausländische Studierende nach Frankfurt kamen, ohne eine Unterkunft zu haben. Offenbar hatten sie sich vorher nicht ausreichend informiert. Die sitzen dann verzweifelt und aufgelöst nach ihrer dritten Nacht am Frankfurter Hauptbahnhof bei den Kollegen und bitten um Hilfe. Dann ist es sehr frustrierend, wenn einem die Möglichkeiten hierzu fehlen.

          Die Fragen stellte Sascha Zoske.

          Vermieter, Versorger, Berater: Das Studentenwerk Frankfurt

          Das Studentenwerk Frankfurt ist für die staatlichen Hochschulen in Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, Rüsselsheim und Geisenheim zuständig - also für insgesamt rund 75.000 Studenten.

          Zu seinen Aufgaben gehört es, günstige Unterkünfte bereitzustellen, für Verpflegung auf dem Campus zu sorgen, Bafög-Zuschüsse auszuzahlen und Studierende in Notlagen zu beraten. Zur Hälfte finanziert sich das Studentenwerk mit seinen 391 Mitarbeitern aus Erlösen seiner Umsätze, 30 Prozent des Etats werden durch die Semesterbeiträge der Studenten gedeckt, 16 Prozent durch Landeszuschüsse.

          Derzeit betreibt das Studentenwerk 27 Wohnheime in Frankfurt und Rüsselsheim. Größte Unterkunft ist das Haus Ginnheimer Landstraße 42 in Frankfurt-Bockenheim mit 445 Plätzen. Die durchschnittliche Miete für einen Wohnheimplatz beträgt nach Angaben von Abteilungsleiter Eric Erdmann 288 Euro, nur in Einzelfällen würden mehr als 400 Euro verlangt. Bis 2020 will das Studentenwerk in Frankfurt und der Region bis zu 1500 weitere Wohnheimplätze schaffen. Zudem stehen einige größere Sanierungsprojekte an.

          So soll vom nächsten Jahr an das Heim an der Ludwig-Landmann-Straße in Frankfurt-Hausen renoviert werden. Dies wird laut Erdmann in vier Bauabschnitten geschehen, wofür jeweils etwa 70 der knapp 300 Bewohner ausquartiert werden. Die Arbeiten sollen etwa sieben Millionen Euro kosten. Modernisiert werden soll auch das Innere der beiden Wohnheim-Türme an der Ginnheimer Landstraße. Die Fassaden der Hochhäuser waren schon 2011 erneuert worden.

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