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Das Verbraucherthema : Wohin mit dem alten Klavier?

Hat schon aktivere Zeiten erlebt: Das Klavier aus Kindheitstagen. Bild: privat

Gehen Kinder in die Welt hinaus, bleiben Klaviere oft ungenutzt im Elternhaus zurück. Wann sich Umzug und Restaurierung lohnen. Das Verbraucherthema.

          3 Min.

          Anfangs hat die Tochter, wenn sie zu Besuch war, immer einmal wieder ein Stündchen gespielt. Inzwischen beschränkt sich alle Regelmäßigkeit auf das Staubputzen. Das Musikinstrument ist zum Möbelstück mutiert. Und das steht den Eltern jetzt im Weg. „Überleg dir, was du damit machen willst.“

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor dieser Frage stehen viele Kinder, spätestens dann, wenn sie den Haushalt ihrer Eltern auflösen müssen, weiß Andreas Guckel, Chef des Pianohauses Guckel in Offenbach. „Das ist eine typische Situation.“ Der Klavierbauer führt den 1874 gegründeten Familienbetrieb in fünfter Generation. Angegliedert ist eine Meisterwerkstatt, in der gebrauchte Instrumente restauriert und überarbeitet werden. Guckel gehört also zu den Klavierbauern in der Region, die man zu Rate ziehen kann, wenn es um die Zukunftsfrage bei Klavieren aus Kindheitstagen geht. Er muss das Instrument für eine Beurteilung nicht einmal in Augenschein nehmen. Fotos, vorzugsweise auch vom Innenleben, und die wichtigsten Informationen (Alter, Standort, Nutzung) reichen ihm für eine erste Einschätzung aus.

          Fußbodenheizung schadet dem Klavier

          In diesem Fall ist das Klavier, ein Modell der japanischen Niedrigpreismarke Kawai, 36 Jahre alt. Für 4000 Mark haben die Eltern das Instrument 1979 gekauft. Zuletzt gestimmt wurde es 1989. Das ist lange her. „Das Klavier wird mindestens einen halben Ton zu tief sein“, sagt Guckel. Im Laufe der Jahre hätten sich die Saiten gedehnt und müssten jetzt wieder angezogen werden. Zwei Stimmvorgänge - zunächst eine Grob- und dann nach einer gewissen Zeit eine Feinstimmung - sind daher notwendig.

          Immerhin, das Klavier hat in einer guten Umgebung gestanden. Konstante Temperaturen, ausreichend Luftfeuchtigkeit (bei Holz gilt eine relative Luftfeuchtigkeit von mindestens 45 Prozent als ideal), keine Fußbodenheizung - das sind schon einmal gute Voraussetzungen. Gleichwohl: „Das Holz arbeitet auch, wenn ein Klavier nur herumsteht“, sagt Guckel.

          Ein Foto vom Innenleben des Kawai-Klaviers stimmt ihn jedoch positiv. Notfalls könne man auf eine Generalüberholung zunächst verzichten. „Es kommt immer auf den Anspruch an“, sagt Gockel. Zu den Arbeiten gehört etwa die Regulierung der Mechanik und auch das Abschleifen der Hammerköpfe oder deren Erneuerung. Diese handwerklichen Arbeiten haben natürlich ihren Preis. Zwischen 1000 und 1500 Euro setzt der Klavierbau-Meister dafür an. Das Klavierstimmen selbst schlägt bei zwei Terminen mit 200 bis 250 Euro zu Buche.

          Was das Mietrecht zum Musizieren sagt

          Damit lägen die Reparaturkosten bei einer Generalüberholung des Kawai-Modells bereits bei 1750 Euro. Luxuswünsche wie ein weißer oder schwarzer Anstrich mit anschließender Lackierung - auch dass machen Klavierbauer möglich - sind damit noch nicht eingerechnet. Und auch nicht der Einbau einer digitalen Stummschaltung. Sie ist für viele Klavierspieler, die in Mehrfamilienhäusern mit empfindlichen Nachbar-Ohren leben, die Voraussetzung, um überhaupt unbeschwert spielen zu können. Vor allem für Berufstätige, die sich erst spät am Abend ans Klavier setzen und die Nachbarn nicht stören möchten. Laut Mietrecht darf nach 22 Uhr am Abend nicht mehr musiziert werden. Grundsätzlich sind nur 90 Minuten am Tag erlaubt. Für die Digitalisierung wären dann noch einmal 1000 bis 1500 Euro anzusetzen.

          Und dann müsste das Klavier ja auch über eine Strecke von 260 Kilometern nach Frankfurt transportiert werden, in eine Wohnung im vierten Stock. Doch die Transportkosten sind das geringste Problem. Über die Internetseite www.klaviertransport-billiger.de lassen sich ganz einfach Angebote verschiedener Unternehmen einholen. Wie die Tabelle auf dieser Seite zeigt, sind die Preise, die über das Portal erfragt werden, deutlich günstiger als die der Direktanfragen bei Unternehmen. Die Spanne reicht im Fallbeispiel von 195 Euro bis gut 570 Euro. „Der Markt ist hart umkämpft“, sagt Guckel, und man müsse sich schon fragen, wie sich die niedrigen Preise rechneten. In der Regel reichten jedoch zwei starke Männer aus, um ein Klavier (160 bis 260 Kilogramm) zu heben.

          400 bis 500 Euro für Stimmen und Transport

          Bleibt die Frage, ob sich ein Umzug des Kawai-Klaviers nach Frankfurt lohnt. Handelte es sich um ein hochwertiges Markenklavier - Klavierbauer Guckel würde nicht zögern. „Das steht außer Frage.“ Er hat viele solcher Klaviere in seiner Werkstatt stehen, auch ältere Modelle. Erst in der vergangenen Woche hat er ein restauriertes Steinway-Klavier für 18 000 Euro an einen Kunden aus Vietnam verkauft. Ein altes Bechstein-Modell, das Kinder nach dem Tod der Eltern in der Offenbacher Werkstatt komplett haben überarbeiten lassen, steht kurz vor der Auslieferung. „So etwas hat auch viel mit Emotionen zu tun. Man hängt an einem Instrument“, weiß Guckel.

          Das merkt auch die Tochter mit dem Kawai-Klavier, auch wenn sie lange nicht mehr gespielt hat. Sie rechnet. Vorausgesetzt, es ist keine größere mechanische Überarbeitung nötig, müsste sie 400 bis 500 Euro für Stimmen und Transport investieren. In etwa so viel würde ihr Klavierhändler Guckel - nach erster grober Einschätzung - für den Ankauf zahlen. Sie könnte natürlich versuchen, bei Ebay noch einen Hunderter mehr herauszuholen. Im Internet seien viele Ahnungslose unterwegs, auf Verkäufer- wie auf Käuferseite, meint Guckel. Neue Klaviere von Yamaha gibt es bei ihm bereits zum Einstiegspreis von 3200 Euro - schwarze Lackierung, Fünf-Jahres-Garantie, Gratis-Stimmung und Lieferung inklusive, allerdings ohne digitale Stummschaltung.

          Die Tochter überlegt noch. Bei allem wirtschaftlichem Abwägen stellt sich auch die Frage: Hat sie tatsächlich wieder Lust, Klavier zu spielen? Nicht dass am Ende das Klavier nur als Staubfänger in Frankfurt steht.

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