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Weinwirtschaft im Rheingau : In den Höfen der Winzer

Weinschänke im Fachwerkhaus: Garten im Lokal „Laquai“ in Lorch im Rheingau Bild: Marcus Kaufhold

Der Weinjahrgang 2018 ist da. Der zarte Riesling kommt mit der Dürre und Hitze des letzten Jahres nicht gut zurecht. Am besten probiert man ihn dort, wo er entstanden ist: bei den Weinmachern im Rheingau.

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          Gut und viel, so lässt sich der Weinjahrgang 2018 im Rheingau charakterisieren. Wer nach einem Jahrhundertsommer allerdings auf einen Jahrhundertjahrgang spekulierte, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Der zarte Riesling kommt mit Dürre, Hitze und intensiver Sonneneinstrahlung nicht so gut zurecht wie manch robuste mediterrane Rebsorte. Seit Anfang September sind nun auch die trockenen Spitzenweine, die Großen Gewächse, auf dem Markt, und das ist ein Grund mehr, einige der schönsten Schänken des Rheingaus aufzusuchen und mit dem Winzer über Wein und die Welt zu fachsimpeln.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Frank Schönleber ist dazu gerne bereit. Der sympathische Chef im Weingut Schönleber-Blümlein in Winkel hat just an diesem Wochenende wieder den Gutsausschank eröffnet. Eine ausnehmend schöne Schänke mit einem besonderen Clou: Neben der Theke gibt es eine Verkostungszone, in der das aktuelle Sortiment umstandslos probiert werden kann. Dabei lässt sich perfekt entscheiden, welcher Wein zum Fischteller der beste ist.

          Ganz simpel und kundenfreundlich gestaltet die Verkostung auch Familie Allendorf, nur einen kurzen Spaziergang von Schönleber-Blümlein entfernt. Die Wein-Erlebnis-Welt ist die vielleicht innovativste Vinothek des Rheingaus. Und in der Schänke auf dem Georgshof geht es besonders gemütlich und rustikal zu. Hier ist Selbstbedienung angesagt. Während der fünf Wochen bis zum 20. Oktober wechselt das Speisenangebot mehrfach, aber die Qual der Wahl ist immer groß. Und falls es Rouladen nach dem Familienrezept gibt, dann greifen Sie zu! Der Quercus-Spätburgunder passt vorzüglich dazu.

          Hohe Dichte an guten Weinschänken

          Leider endet der Rheingau für viele Besucher spätestens in Rüdesheim. Dabei beginnt hinter der Ruine Ehrenfels und dem Binger Mäuseturm der hessische Teil des Unesco-Welterbes Oberes Mittelrheintal, und die landschaftlichen Reize nehmen stetig zu. Lorch ist eine Perle im Rheingau und mit der Regionalbahn 10 von Frankfurt und Wiesbaden aus bequem im Stundentakt erreichbar. Nicht nur wegen des imposanten Hilchenhauses, der romantischen Wispermündung und der Lage am Fernwanderweg Rheinsteig. Die Dichte der herausragend guten Schänken ist im Vergleich zur Einwohnerzahl ungewöhnlich groß.

          Beispielsweise Laquai. Die Weinschänke in dem hübschen Fachwerkhaus mit dem kleinen Garten davor tischt betont frisch und regional auf, beispielsweise die fangfrische Forelle aus dem kühlen Wisperbach oder Wildbratwürste und Wildschweinsülze dank des Wildreichtums in den umliegenden Wäldern. Probieren Sie dazu den Riesling vom Löss oder den Blanc de Noir.

          Spannende Neuheiten bietet die beliebte Schänke des Weinguts Corvers-Kauter in Mittelheim. Denn Winzer Matthias Corvers ist es gelungen, den größten Teil der Weinbergslagen des Weinguts Langwerth von Simmern zu pachten und damit seine Rebfläche auf einen Schlag zu verdoppeln. Eine Gelegenheit, die sich im Winzerleben nur einmal bietet. Nun offeriert die von Patronin Brigitte Corvers geführte Schänke auch Tropfen aus Spitzenlagen wie Baiken und Nussbrunnen. Corvers hat die „Tage des offenen Weinkellers“ bis Anfang Oktober verlängert, damit sich jeder ein Bild vom neuen Jahrgang und den neuen Lagenweinen verschaffen kann. Die Küche bietet erfreulich regionale und saisonale Spezialitäten an, schweift aber auch gerne ins Mediterrane ab.

          Einziger Nachteil bei Corvers: Die Region ist nur im Glas zu erschmecken, denn Aussicht gibt es nicht. Von der hat Familie Groß im Johannisberger „Goldatzel“ mehr als reichlich zu bieten. Nicht nur von der Terrasse aus. Auch wenn die Temperaturen in die Schänke zwingen, eröffnet sich dem Gast ein herrliches Rheintal-Panorama. Blitzsaubere Rieslinge, tiefgründige Spätburgunder mit Finesse, dazu eine Küche mit Pfiff, das ergibt zusammen eine nur schwer schlagbare Kombination. Der Wermutstropfen: Eine Reservierung ist nicht möglich, denn der Andrang ist immer groß. Doch irgendwie findet sich immer ein Platz, notfalls übergangsweise in der Vinothek. Und dann einfach hocken bleiben und das „Beste Fass“ trinken.

          Den Rheingauer Spätsommer genießen

          Wer die Speisekarte noch deftiger mag, wer auf ein Schnitzel beispielsweise mit frischen Pfifferlingen nicht verzichten mag, ist bei Ernst Rußler in Rauenthal richtig. Die vor einigen Jahren neu gebaute Schänke liegt am Eselspfad, über den einst die Kurgäste aus Schlangenbad mit ihren Kutschen den Weg in das Rheingauer Weindorf gefunden haben, um statt Heilwasser einen ordentlichen Riesling zu trinken.

          Heute kommen viele Gäste aus dem Taunus und finden bei Rußler einen guten Grund, erst gar nicht weiter in den Rheingau hineinzurollen. Hier fühlen sich auch jene gut aufgehoben, die neben Riesling und Spätburgunder offen sind für Experimente wie Johanniter, Auxerrois und Rosenmuskateller. Und die den Rheingauer Spätsommer in vollen Zügen genießen wollen.

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