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Wissenschaft der Psalmen : Bibel-Poesie für Hymnen und „Pulp Fiction“

  • -Aktualisiert am

Frühaufsteher und Sprachkenner: Pater Dieter Böhler in seinem Arbeitszimmer Bild: Wolfgang Eilmes

Dieter Böhler, Professor an der Hochschule Sankt Georgen, verfasst einen Kommentar über die ersten 50 Psalmen. Die alttestamentarische Lyrik fand sogar Eingang in die Popkultur.

          Die Psalmen sind Gebete und Lieder aus der Bibel. Sie gelten als eine Art Antwort der Menschen auf Gott, eine poetische Zwiesprache mit dem Schöpfer, als Brot für die Seele. Sie bringen eine breite Skala menschlicher Gefühle zum Ausdruck – Hoffnung und Verzweiflung, Zweifel und Lobpreis. Die Psalmen wurden schon von Jesus gebetet, die Wüstenväter kannten sie auswendig, Matthäus und Paulus hatten sie im Kopf. Sie wurden von Pachelbel und Bach vertont, von Heinrich Schütz, Alexander Zemlinsky und Steve Reich, selbst der Dudelsong „By the Rivers of Babylon“ von Boney M. bezieht sich auf die ersten Verse des Psalms 137. Und sogar das berühmte Bibelzitat des Auftragsmörders Jules Winnfield aus „Pulp Fiction“ stammt nicht allein aus dem Buch Hesekiel, sondern ist mit Stellen aus Psalmen angereichert.

          Doch was Dieter Böhler im dritten Stock der Hochschule Sankt Georgen in einer Studierstube mit vielen Büchern und unbequemen Sitzmöbeln schreibt, ist keine Kulturgeschichte der Psalmen, sondern ihre theologische Durchdringung in Form eines wissenschaftlichen Kommentars.

          Woran der Jesuit forscht, wird ein kleiner Teil von „Herders theologischem Kommentar zum Alten Testament“, einem monumentalen Gesamtwerk mit 66 Einzelbänden, herausgegeben von dem bedeutenden Alttestamentler Erich Zenger, der in Münster gelehrt hatte. Nicht weniger als 28 Einzelkommentare werden derzeit vorbereitet, einer von Dieter Böhler. 38 sind zwischen 1997 und 2015 erschienen und bleiben vorerst, wie sie sind. In den Jahren 2000 und 2008 haben Zenger und Frank-Lothar Hossfeld die Psalmen 51 bis 100 und 101 bis 150 jeweils in einem Kommentar bearbeitet. Nun obliegt Böhler die Aufgabe, die ersten 50 Psalmen von Nummer 1 („Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen“) bis zu Nummer 50 („Gott, der Herr, der Mächtige, redet“) zu erklären und auszulegen.

          Nicht vollends zufrieden

          Selbstverständlich hatten die 2015 respektive 2010 verstorbenen Bibelwissenschaftler Hossfeld und Zenger auch den ersten Abschnitt der Psalmen in einem Kommentar gewürdigt, doch mit dem ersten Band waren sie nicht vollends zufrieden, weil sie da noch auf der methodischen Suche waren. Diese ersten 50 Psalmen wollten sie also ganz neu bearbeiten, worüber sie aber starben.

          Die neuen Herausgeber fragten Böhler, ob er sich den Kommentar der ersten 50 Psalmen zutraue. Das tat er. Der 1961 im Hochschwarzwald geborene Jesuit, der in der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Frankfurt-Oberrad den Lehrstuhl für Exegese des Alten Testaments innehat, betrachtet die Anfrage der Kommentar-Herausgeber als Ehre: „Sie bedeutet, dass einem die Kollegen etwas zutrauen.“

          Der Aufbau des Kommentars ist immer gleich. Am Beginn steht die Übersetzung des hebräischen Psalms. Diese Übertragung nimmt Böhler selbst vor, er beherrscht außer Hebräisch auch Altgriechisch und Aramäisch. Die Übertragung aus dem Hebräischen ins Deutsche zielt nicht auf Sprachschönheit, sondern auf reine Texterklärung: „Meine Übersetzung dient dem Studium, nicht dem Verlesen in der Kirche.“ Wenn beispielsweise in einem Psalm im hebräischen Text siebenmal das Wort „alle“ auftaucht, dann sucht Böhler nicht nach Synonymen, weil die Zahl Sieben ein Symbol für die Vollkommenheit ist und der Urheber des Gedichts damit „die vollkommene Allheit“ ausdrücken wollte.

          Das Wort mit Bedacht gewählt

          In Böhlers Kommentar folgen Erläuterungen zur textlichen Überlieferung, zur hebräischen und griechischen Fassung, Erklärungen zu Datierung und Gattung, zu den poetischen Mitteln. Danach folgt, Vers für Vers, die eigentliche Auslegung. Im Anhang wird dann noch überlegt, wie der besprochene Psalm mit den Nachbarversen vernetzt sein könnte, was also möglicherweise Psalm 7 mit Psalm 6 und 8 zu tun hat.

          Das erste Buch des Psalters (was ein anderes Wort für die Sammlung der Psalmen ist) enthält zwischen den Gedichten 1 und 42 laut Böhler die meisten Textschwierigkeiten. Wenn im Psalm 2,12 mitten in den hebräischen Begriffen plötzlich ein aramäisches Wort auftaucht, wurde das früher von dem eidgenössischen Exegeten Bertholet als ein Fehler, eine Wortvertauschung gewertet. Böhler aber glaubt, der Autor habe das Wort mit Bedacht gewählt, so wie heute in einem deutschen Gedicht auch ein englischer Begriff verwendet werden könnte.

          Böhler will im nächsten Jahr alle Arbeiten abgeschlossen haben. Derzeit forscht er am 48. Psalm, die Anhänge warten noch auf Feinschliff und Ergänzung. Dort bespricht er unter anderem, wie der griechische Übersetzer den Text übertrug oder welche „Karriere“ ein Psalm oder Zitate daraus im Neuen Testament oder in der Liturgie nahmen. Psalm 20 beispielsweise schaffte es in die britische Nationalhymne.

          Böhler hat „gearbeitet wie ein Ochs, aber ohne Stress“. Er legte ein Forschungssemester in Tübingen ein, wo er wie in Sankt Georgen auf eine hervorragend sortierte Bibliothek zurückgreifen konnte. Schon 2007 hatte er für seine Habilitation in Tübingen Station gemacht. Die Wahl fiel auch deshalb auf die Universitätsstadt am Neckar, weil es rundum wunderbare Wanderwege gibt.

          Der Morgenmensch Böhler – er steht täglich um 4 Uhr auf – hat sich nach konsequenter unterbrechungsfreier Arbeit dann spätestens um 15 Uhr per pedes apostolorum auf den schwäbischen Wanderwegen erholt, meist drei Stunden lang. Beim Wandern hat auch das Hirn Freigang: Die wissenschaftlichen Probleme der Tagesarbeit sind dann am Morgen meist zugunsten eines störungsfreien Schreibflusses gelöst.

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