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Gasthaussterben : „Wir müssen stärken, was wir haben“

Hier gibt es noch mehr Apfelwein an Kunden auszuschenken: ein Wirtshaus in Frankfurt. Bild: Müller, Verena

In der Region gibt es immer weniger Gasthäuser. Allerdings haben Wirte und Politiker im Taunus verschiedene Vermutungen, warum Gasthäuser auf dem Land sterben.

          Mit lokalen Gremien sollen sie intensiver zusammenarbeiten. Konkurrenzdenken sollen sie hintanstellen zugunsten eines besseren Service, indem sie beispielsweise Öffnungszeiten aufeinander abstimmen. Das sind zwei Empfehlungen an die Wirte von Landgasthäusern, ausgesprochen bei einer Diskussion, die ihren Nöten gewidmet war. „Gasthaus trifft Rathaus“ heißt eine Veranstaltungsreihe des hessischen Hotel-und Gaststättenverbands, des Städte- und Gemeindebunds und des Hessischen Tourismusverbands. Achtmal findet sie in diesem Jahr in verschiedenen Regionen vom Rheingau bis zum Waldecker Land statt; nach dem Auftakt im Januar in Gelnhausen kamen jetzt in Grävenwiesbach Gastronomen und Kommunalpolitiker zusammen: um der Frage nachzugehen, ob die steigende Zahl von Betriebsschließungen eine Ursache hat, die am Ort zu beeinflussen ist und, wenn ja, wie und von wem.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Von einstmals 3000 hessischen Dorfgasthäusern im Jahr 2001 gibt es nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbands heute noch rund 1800, und es werden immer weniger. Was dafür die Gründe seien, hatten zu Beginn des Jahres in Gelnhausen klagende Wirte rasch aufgezählt. Zu geringe Einnahmen, die Rückgänge haben ihre Ursache in verändertem Verbraucherverhalten. Zu wenig Geld, um ältere Betriebe technisch und baulich zu sanieren. Behördliche Auflagen wie etwa für den Brandschutz, die zu erfüllen hohe Kosten nach sich ziehe. Vereine, die sich nicht mehr in der Dorfkneipe treffen, sondern in ihrem Vereinsheim, das ihnen die Kommune gebaut hat, Schankraum und Küche inklusive.

          „Feuerwehr als letzte funktionierende Struktur“

          Dieselbe Branche, gleiche Sorgen: Auch in Grävenwiesbach im Gasthaus „Zur frischen Quelle“ wurde von Vereinen und Mitgliedern berichtet, die als Kunden fehlten. Das sei nicht nur bedauerlich, sondern auch der Empörung wert: Lokalpolitiker schüfen Strukturen, die freie Unternehmer benachteiligten, wenn sie Anglern, Schützen und Keglern subventionierte Räume errichteten, in denen gegessen und getrunken werde. Auch Gaststätten in Bürgerhausern und Schwimmbädern als Objekte oft abseits marktüblicher Konditionen und Bedingungen wurden in diesem Zusammenhang genannt.

          Ulrich Krebs, Landrat des Hochtaunuskreises, hielt dagegen. „Wir müssen stärken, was wir haben“, sagte der CDU-Politiker. Er wünsche sich, dass „der Dorfgasthof auch im 21.Jahrhundert Bestand hat“. Es gebe aber Orte, in denen sei schon heute keine Gaststube mehr, kein Bäcker, kein Metzger. In solchen Gegenden stelle oft „die Feuerwehr die letzte funktionierende Struktur dar“, und da sei es gut, wenn sie eine anständige Immobilie habe mit der Möglichkeit, darin zusammenzukommen. Wenigstens aber, meinte daraufhin ein Wirt, sollten Vereinsheime wie Gaststätten konzessioniert werden, damit sie den gleichen gesetzlichen Bedingungen unterlägen.

          Personalmangel in den Lokalen

          Ein Akzeptanzproblem, dessen Gründe tiefer lägen als Beschwerden über konkurrierende Örtlichkeiten ausloten könnten, attestierte der Weilroder Bürgermeister Axel Bangert der Gastronomie im ländlichen Raum. Vielfach funktioniere sie nicht mehr, weil die Bevölkerung sie nicht mehr nutzen wolle, sagte der SPD-Mann. Dass die Wirte selbst schuld seien, sagte er nicht, aber dass es vielen nicht schaden würde, das eigene Handeln zu überdenken, sagte er schon. Bangert berichtete von dem Versuch, Wirte davon zu überzeugen, in ihren Betrieben touristisches Informationsmaterial auszulegen, Rad-Karten zum Beispiel, was wenig Interesse gefunden habe. Und wer als Betreiber eines Wirtshauses in einer Gegend mit vielen Ausflüglern Gästen, die nur etwas trinken wollten, signalisiere, dass das nicht erwünscht sei, werde erstmalige Besucher wahrscheinlich nicht wiedersehen.

          Viele Betriebe schließen, vielen, die offen sind, geht es nicht gerade rosig. Die Mehrheit der Landgasthäuser macht nach Angaben des Hotel-und Gaststättenverbands einen Jahresumsatz von nicht mehr als 250.000 Euro, von denen als Gewinn vor Steuern zehn Prozent bleiben. Was können die Betriebe tun, um ihre Situation zu verbessern? Kooperieren, sagte in Grävenwiesbach Michael Stöckl, Betreiber der Landsteiner Mühle in Weilrod. „Wer Ruhetag hat, kann mit einem Schild auf einen anderen, geöffneten Betrieb hinweisen.“ So könne man Zufallsgäste in der Region halten, und sie kämen vielleicht auch wieder. Wer ein Restaurant habe, aber keine Betten, könne ein Arrangement mit einem Gasthof treffen, der Zimmer anbiete, und seinen Gästen eine Kombination offerieren aus Dinner auf dem Land und Übernachtung. Zielgruppen zu definieren, riet der Wiesbadener Hotelier und Präsident des Hotel-und Gaststättenverbandes, Gerald Kink. Entlang attraktiver Radrouten etwa sollten Wirte, die auf Radfahrer als Gäste hofften, sich in deren Bedürfnisse hineindenken und ihnen etwa die Möglichkeit geben, Kleidung schnell zu waschen und zu trocknen.

          Ideen dieser Art müssten Gastronomen selbst entwickeln, hieß es bei der Diskussion, und daneben auch darauf hinweisen, wo ihnen Steine in den Weg gelegt würden, zum Beispiel mit der ausufernden Dokumentationspflicht der Arbeitszeiten im Zusammenhang mit dem Mindestlohn. Auch solche Regelungen könnten Betriebe gefährden in einer Branche, die unter Personalmangel leide, in der die Kunden aber erwarteten, dass sie morgens, mittags und abends auch noch spät bedient würden.

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