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Wirtschaftslage in Mainz : Nescafé verduftet, und die Ölmühle ist ausgepresst

Lichtblick Die Eisengießerei Römheld-Moelle hält als eines der wenigen Industrieunternehmen Mainz noch die Treue. Bild: Esra Klein

Der Wirtschaftsstandort Mainz befindet sich im Wandel: Im Industriegebiet am Rhein sollen gleich zwei Traditionsbetriebe geschlossen werden.

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          Von Minnesota aus gesehen, ist Mainz nur stecknadelkopfgroß und wohl auch nicht allzu wichtig. Schließlich hat der amerikanische Familienbetrieb Cargill, der in 67 Ländern als Hersteller und Händler von Futter- und Lebensmitteln aktiv ist, im vergangenen Jahr weltweit einen Umsatz von 120 Milliarden Dollar gemacht. Und obwohl die 50 Mitarbeiter der Ölmühle am Mombacher Rheinufer ihren Beitrag dazu geleistet haben, soll ihr veraltetes Werk geschlossen werden: weil die Produktion von Raps und Sonnenblumensaat zu Öl und Schrot an diesem Standort nicht mehr profitabel sei. Auf dem Nachbargrundstück sieht es nicht besser aus: Dort befürchten 400 Beschäftigte, den Arbeitsplatz zu verlieren. Denn der in fast 200 Ländern vertretene Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der für 2015 einen Umsatz von fast 89 Milliarden und einen Gewinn von neun Milliarden Schweizer Franken ausweist, hat gleichfalls entschieden, sich bis Ende 2017 aus Mainz zurückzuziehen. Die 1958 errichteten Gebäude und Produktionsanlagen am Industriehafen, in denen löslicher Kaffee und Kakaopulver hergestellt werden, seien in die Jahre gekommen, der Standort so nicht mehr wettbewerbsfähig.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Beide Paukenschläge kurz vor Ostern haben deutlich gemacht, dass die von Politikern gerne und oft gepriesene Universitäts-, Wissenschafts- und Weinhauptstadt als Industriestandort keine große Rolle mehr spielt – auch wenn einige Global Player wie der Spezialglashersteller Schott und die für Schuhcreme sowie Haushaltsreiniger bekannte Werner & Mertz GmbH der Stadt weiterhin die Treue halten wollen. Mit Werksschließungen ist nach den Erfahrungen des Mainzer Wirtschaftsdezernenten Christopher Sitte (FDP) am ehesten bei „international agierenden Konzernen ohne Mainzer Wurzeln“ zu rechnen. Wobei sich Cargill und Nestlé seiner Meinung nach aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen zum Weggang entschlossen haben. Eine generelle Kritik am Standort Mainz lasse sich daraus nicht ableiten.

          Mainz sucht Gespräch mit Nestlé und Cargill

          Unstrittig habe die wochenlange Sperrung der maroden Schiersteiner Brücke aber allen vor Augen geführt, wie wichtig eine funktionierende Infrastruktur für die Wirtschaft sei. Der Bund will deshalb den kompletten Mainzer Autobahnring sechsspurig ausbauen. Im Rathaus und in der Landesregierung ist allerdings bis zuletzt für eine weniger Fläche benötigende Vier-plus-zwei-Lösung für die A643 geworben worden, bei der im Bedarfsfall die Standstreifen freizugeben wären. Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer (IHK) könnten die täglichen Stauungen vor der Schiersteiner Brücke, die Mombacher Firmen viel Zeit und Geld kosteten, dagegen durchaus in die Standortbewertungen der Konzerne eingeflossen sein. Ebenso wie der Umstand, dass Mainz nach Auffassung des IHK-Hauptgeschäftsführers Günter Jertz „seit Jahren kräftig an der Gewerbe- und Grundsteuer-Schraube dreht“.

          Dass man bei Nestlé und Cargill den betroffenen Mitarbeitern möglichst Stellen an anderen Standorten anbieten will, ist laut Sitte bei allem Negativen positiv zu bewerten. Für die nebeneinander liegenden Grundstücke an der Rheinallee, die sich im Eigentum der Firmen befinden, sieht er gute Vermarktungschancen. Die Stadt werde das Gespräch mit beiden Unternehmen suchen, um Näheres über deren Pläne zu erfahren – und um die Frage zu klären, ob die in die Jahre gekommenen Industriebauten niedergelegt, verkauft oder weitervermietet werden sollen. Wobei Nestlé selbst ja noch vor kurzem in eine Kondensatoranlage zur Geruchsminimierung investiert habe, die sich viele Mombacher gewünscht hatten.

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