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Zuckerersatz : Süßes aus Höchst für die Welt

Einer für alle: Diese Getränke enthalten einen Süßstoff aus Höchst Bild: Lena Grimm

Es schmeckt 200 Mal süßer als Zucker. Tag für Tag nehmen es ungezählte Menschen weltweit mit ihrer zuckerfreien Cola zu sich – ohne zu wissen, dass das Süßmittel namens Acesulfam-K aus Frankfurt kommt. Es ist das wichtigste Produkt von Nutrinova.

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          Dies ist die Geschichte eines einträglichen Zufalls. Karl Clauß, Chemiker, arbeitet in seinem Labor und findet plötzlich ein weißes Pulver auf seinem Pulli. Er pult mit dem Zeigefinger etwas davon ab, leckt daran und merkt auf: Die unbekannte Substanz schmeckt süß. Wie bedeutend seine Entdeckung ist, ahnt Karl Clauß in diesem Moment noch nicht. Doch hat er, wie sich herausstellt, nicht nur einen neuen Süßstoff für die Lebensmittelindustrie entwickelt. Der weiße Stoff mausert sich zum wichtigsten Produkt des Unternehmens Nutrinova. Diese Firma gehört zum Chemiekonzern Celanese, der aus der Hoechst AG hervorgegangenen ist, und ist das einzige Mitglied dieser Unternehmensgruppe mit Sitz und Produktion im Industriepark Höchst.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwas mehr als vier Jahrzehnte liegt der Zufallsfund von Clauß, der seinerzeit 1967 in Diensten von Hoechst stand, nun zurück. Doch ist die Substanz mit der Bezeichnung Acesulfam-K weiter hochaktuell. Denn die wichtigsten Getränkehersteller der Welt greifen auf das Höchster Pulver nach wie vor zurück, wie auf dem Etikett etwa von Coca-Cola Zero ebenso zu lesen ist wie auf Flaschen von Pepsi light, Afri-Cola white oder auch der zuckerfreien Topstar-Cola von Aldi-Süd zu lesen ist.

          Konkurrenz aus Asien

          Zwar hält die 130 Mitarbeiter zählende Nutrivona kein Patent mehr auf den unter der Marke Sunett vertriebenen Süßstoff und sieht sich in Asien aufkommender Konkurrenz gegenüber, die im Zweifelsfall billiger ist. Aber die namhaften Kunden bleiben dem Unternehmen aus Höchst dennoch treu, weil sie auf deren Qualität und Zuverlässigkeit zählen, wie Firmenchefin Diane Peninger sagt.

          Acesulfam-K ist in kaltem Wasser gut und in heißem sehr leicht löslich und wird vor allem für Limonaden und Eistees verwendet. Auch für Wasser/Ethanol-Gemische gilt es gut geeignet. Da es hitzebeständig ist, kann dieses Süßmittel auch zum Kochen genutzt und in Backwaren verarbeitet werden. Es ist auch in Zahnpasten enthalten, da es die Zähne nicht angreift und keine Zahnfäule auslöst, wie berichtet wird.

          Seit 1990 in Deutschland zugelassen

          1983 wurde Sunett noch zu Zeiten von Hoechst erstmals zugelassen; den Anfang machte Großbritannien. Fünf Jahre darauf folgten die Vereinigten Staaten und weitere fünf Jahre später Deutschland. Seit der Jahrtausendwende darf der Hersteller Sunett auch in Japan verkaufen. In allen Fällen können sich Süßstoff-Freunde das weiße Pulver allerdings nicht statt Zucker in den Kaffee löffeln – vielmehr findet es sich fast ausschließlich in Mischungen der Getränkehersteller. Dies mag daran liegen, dass es natürlichem Zucker sehr ähnlich schmeckt, 200 Mal süßer ist als dieser, jedoch besonders in höherer Konzentration einen leicht bitteren Nachgeschmack aufweist. Vor allem aber wird Sunett zugeschrieben, besonders gut in Kombination mit anderen Süßstoffen zu punkten. Nutrinova als Global Player spricht von einem „Multi-Sweetener-Concept“. Dabei gibt es, wie Peninger sagt, nicht nur eine Standardmischung, sondern Tausende Kombinationen.

          Da die grundsätzlichen Geschmäcker von Land zu Land verschieden sind, schmeckt das mutmaßlich gleiche Produkt auch von Land zu Land leicht unterschiedlich. Mit diesem Wissen im Hintergrund unterbreitet Nutrinova den Getränkeherstellern Vorschläge, wie die Süßstoffe zu mischen seien. Araber und Asiaten mögen es zum Beispiel süßer als Kunden in Europa. Es gibt jedoch nicht nur geographische Varianten. Auch unterscheiden sich etwa Cola-Cola light und Coca-Cola Zero nicht nur im Namen, sondern auch in der Süßstoffmischung, wobei Letztere auf Männer zugeschnitten ist. Biologen, die sich mit Süßmitteln beschäftigen, verweisen in diesen Zusammenhang darauf, dass solche Substanzen Frauen und Männern unterschiedlich schmecken.

          „Ein attraktives Geschäft“

          Aufgrund des weiter um sich greifenden Kalorienbewusstseins steht Sunett für ein grundsätzlich stabiles Geschäft in der Celanese-Gruppe. „Historisch sind wir mit dem Nahrungsmittelmarkt gewachsen“, erläutert die Chefin. Der Süßstoffmarkt, den sie auf jährlich rund 1,2 Milliarden Dollar einschließlich Sunett beziffert, lege alle zwölf Monate um fünf bis sechs Prozent zu. „Das ist attraktiv“, meint Peninger. Wie hoch der Umsatz mit Sunett ausfällt, behält sie für sich. Sie verhehlt aber nicht, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. Für die Profitabilität sei einerseits auch die steigende Nachfrage nach Zucker auf der Welt und andererseits die vermehrte Verwendung von Zucker für Kraftstoffe günstig. Beides lasse die Zuckerpreise steigen – „und das ist gut für uns, weil Süßstoffe dann preislich interessanter werden“, erläutert die Firmenchefin.

          Zudem hat Acesulfam-K im Vergleich zu Zucker einen weiteren Vorteil. Es wird vom Körper nicht umgewandelt, sondern unverändert wieder ausgeschieden. „Es hat auch keinen Einfluss auf den Insulinhaushalt“, wie Peninger unter Verweis auf Studien hervorhebt. Gleichwohl hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die tägliche Aufnahmemenge auf 15 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht festgelegt, dies entspricht für einen 70 Kilogramm schweren Menschen etwa drei Litern zuckerfreie Limonade, wie es heißt.

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