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Genussmittel : Zigarettenautomaten verschwinden Zug um Zug

Mehr Jugendschutz bedeutet weniger Umsatz Bild: ddp

Die Politik erhöhte die Tabaksteuer, verschärfte den Jugendschutz beim Tabakverkauf und schränkte das Rauchen in Gaststätten ein – nun klagen Betreiber von Zigarettenautomaten über Umsatzeinbrüche und bauen Stellen ab.

          3 Min.

          Albert Mager kann sich kaum bremsen. Seit Jahrzehnten gehört er der CDU an, wie er sagt – doch wenn es um seine Branche geht, macht er aus seinem Unmut über die Bundesregierung kein Hehl. „Was die Regierung gemacht hat, ist eine Katastrophe“, schimpft der Geschäftsführer der Hoellinger GmbH in Frankfurt, einem der in Deutschland führenden Lieferanten von Geldkartensystemen für Zigarettenautomaten. „Wir hören hier das Gejammer aus ganz Deutschland“ – die Klagen von 200 Betreibern von Zigarettenautomaten über die Hürden, die die Politik im Bund, aber auch in den Ländern ihnen in den Weg gestellt hat. Mit der Folge eines drastischen Umsätzerückgangs, der mit dem Abbau von Arbeitsplätzen einhergeht.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei den einzelnen Schritten, die Tabaksteuer zu erhöhen und Rauchen teurer zu machen, hält sich Mager gar nicht erst auf. Als einen Teil der „Katastrophe“ nennt er vielmehr die seit Anfang 2007 geltende Vorgabe, Zigarettenautomaten mit einer Alterskontrolle auszurüsten. Seitdem wird an den meisten Automaten über die Geldkarte das Alter des Kunden überprüft. Dies funktioniert über eine verschlüsselte Angabe im Chip der Geldkarte, der anzeigt, ob der Konsument auch volljährig ist. Ziel dieser rechtlichen Auflage ist es, Minderjährige im Sinne des Jugendschutzes am Tabakkauf zu hindern.

          400 Euro je Automat investiert

          „380 Millionen Euro hat die Branche in die Geldkarte investiert“, wie Mager im Rückblick sagt. 400 Euro je Gerät hat dies demnach gekostet. Und auf dem Höhepunkt der Investitionen habe die Politik, namentlich Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU), mit der Ankündigung nachgelegt, das Rauchen in Gaststätten deutlich einzuschränken, was dann in mehreren Bundesländern mit Baden-Württemberg an der Spitze auch geschah.

          Doch bevor wie im Oktober auch in Hessen das Rauchverbot verwirklicht wurde, mussten die Betreiber von Zigarettenautomaten herbe Umsatzeinbußen hinnehmen. „Wir haben in der ersten Januarhälfte einen Umsatzeinbruch von 40 bis 50 Prozent beobachtet“, sagte Peter Lind, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller, kurz nach Einführung der neuen Technik 2007. Im Jahresverlauf haben sich die Verkäufe nur unwesentlich erholt. Mager spricht von 35 Prozent weniger Umsatz in der Branche im Mittel, während Burkhard Armborst vom Branchenriesen Tobaccoland Automatengesellschaft mbH & Co. KG über ein Minus von 30 Prozent im Mittel berichtet – eine Zahl, die ungefähr auch für Tobaccoland zutrifft, wie er sagt.

          Personal schon vor 2007 abgebaut

          Dabei seien die Verkäufe an den an der frischen Luft stehenden Geräten stärker gesunken als an jenen in Gaststätten. „Zigaretten zu ziehen ist komplizierter geworden“, meint er. Früher habe es genügt, ein paar Münzen in den Schlitz zu werfen und die Taste mit der bevorzugten Marke zu drücken. Seit 2006 müssten die Raucher sich zunächst mit der Geldkarte legitimieren und anschließend mit dieser bezahlen – sofern der Chip ein Guthaben ausweise. In allen anderen Fällen müsse der Kunde anschließend noch Geld bereithalten, bevor er an Zigaretten komme. Und dies gilt für die meisten Verkäufe, denn die Mehrzahl der Raucher hat, dem allgemeinen Trend folgend, ihre Geldkarte in der Regel nicht aufgeladen.

          Trotz des spürbaren Umsatzrückgangs hat Tobaccoland im abgelaufenen Jahr die Zahl der Zigarettenautomaten im Rhein-Main-Gebiet und angrenzenden Regionen nach seinen Worten bei rund 8000 konstant gehalten. Allerdings hatte Tobaccoland schon im Vorgriff auf den verschärften Jugendschutz viele Geräte abgehängt: Betreute das Unternehmen zur Jahrtausendwende in Deutschland noch 220 000 Automaten, so sind es derzeit noch 105.000. Auch Personal hat das Unternehmen schon vor 2007 abgebaut, wie der Sprecher sagte, ohne die genaue Zahl zu nennen. Drastische Folgen für die Verkäufe durch das Rauchverbot in Gaststätten sieht Armborst nicht auf Tobaccoland zukommen. Zwar spricht auch er von Einbußen, gibt aber zu bedenken: „Es wird ja weiter geraucht: unter Markisen und Heizpilzen oder einfach vor der Tür.“

          Hunderte Automaten abgehängt

          Mitbewerber sind skeptischer: Klaus Kraft von der 15 Mitarbeiter zählenden Tabak Kraft GmbH in Rüsselsheim hat 2006 eine Stelle gestrichen und im vergangenen Jahr zwei Leute entlassen. Zehn seiner Kunden, allesamt Bierkneipenbetreiber, hätten im Zuge des Rauchverbots aufgegeben, weil Gäste ausblieben. 15 Prozent Umsatz koste ihn das Rauchverbot nach vorläufigen Zahlen, sagt er. Auch Kraft hängt Geräte ab, 1200 sind verblieben, gut 300 weniger als vor einigen Jahren. Reinhart Kuttner von Moeser Tabakwaren in Lollar, der 6200 Geräte betreut, erwartet zum Jahresende zehn Prozent weniger Stellen in seiner Branche als derzeit. 2007 hat er die Zahl der Automaten um eine dreistellige Zahl reduziert. „Die Aufsteller können nur froh sein, dass sie in den vergangenen Jahren viel Geld verdient haben“, meint Hoellinger-Mann Mager.

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