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Zehn Jahre nach Hoechst : Das Leben als neue Geschäftsidee

Bild: F.A.Z.

Vor zehn Jahren verschwand die Hoechst AG von den Kurszetteln. Auch Nachfolger Aventis ist längst Geschichte. Der Streit, ob die Manöver dem Standort Frankfurt geschadet haben, ist noch nicht entschieden.

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          Wenn Karl-Gerhard Seifert über den traditionsreichen Chemie- und Pharmakonzern spricht, zückt er gerne eine Grafik. Das nicht mehr ganz aktuelle Schaubild zeigt einen Fixstern, um den sich 27 gelbe Satelliten und fast 50 blaue Sterne gruppieren. Die gelben Satelliten stehen für die seit Mitte der neunziger Jahre an Investoren verkauften Geschäftsfelder des Unternehmens. Amerikanische, japanische schweizerische, belgische, niederländische oder französische Flaggen stecken ab, was Seifert, jahrelang Pharmavorstand von Hoechst, einen Ausverkauf ans Ausland nennt und als Ergebnis von Managementfehlern geißelt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon seinerzeit hatte sich Seifert gegen die von Konzernchef Jürgen Dormann betriebene Aufspaltung gewandt. In der Rückschau findet er noch drastischere Worte für die einstige Chefetage: „Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Vorstand, von dem man glaubt, was das alle für tolle Kerle wären, so viel Unsinn gemacht hat.“

          Die Idee, einen Life-Sciences-Konzern zu schaffen, haben Investmentbanker in die Welt gesetzt, wie er sagt. Nach dem Motto: Die Einzelteile des Konzerns sind mehr wert als der unübersichtliche Chemie- und Pharmariese Hoechst, zu dem auch das Industriegasegeschäft Messer Griesheim, der Impfstoffespezialist Behring Marburg, der Wursthüllenhersteller Kalle Nalo, der Faserproduzent Trevira oder der Textilfarbenhersteller Dystar gehörten. Um nur einige zu nennen.

          Der Peter-Behrens-Bau im Industriepark Höchst mit Turm und Brücke, die für das Hoechst-Logo ehedem Vorbild waren

          „A Star Is Born“

          Noch heute findet sich in Seiferts Büro im alten Cassella-Rotklinkerbau an der Hanauer Landstraße eine Investmentstudie einer großen deutschen Bank mit dem Titel „A Star Is Born“. Thema dieses blumigen Titels war Aventis, der aus der Fusion der Hoechster Pharma- und der Agrarchemiesparte und des Konkurrenten Rhône-Poulenc aus Frankreich entstandene Life-Sciences-Konzern mit Sitz in Straßburg statt in Frankfurt. Seifert, der heute Aufsichtsratschef des aus Cassella hervorgegangenen Chemieunternehmens Allessa in Frankfurt-Fechenheim ist, hat sich nach eigenem Bekunden frühzeitig gegen die Idee gewandt, sich auf die Vermarktung der Erkenntnisse der Biowissenschaften zu konzentrieren: „Ich habe immer gesagt: Es gibt Agro auf der einen Seite und Pharma auf der anderen - beide gehorchen unterschiedlichen Gesetzen in den jeweiligen Märkten. Im Vorstand wurde das aber auf die Aussage reduziert: Beides fußt auf der DNA, die Menschen und Pflanzen aufweisen.“

          Als Aventis 1999 auf dem Kurszettel der Börse erschien, gingen Schweizer Unternehmer, die ebenfalls mit einem Life-Sciences-Konzern geliebäugelt hatten, einen anderen Weg: Novartis brachte seine Agrosparte im Jahr 2000 mit jener von Astra-Zeneca zu der Gesellschaft „Syngenta“ zusammen, die mittlerweile auf dem weltweiten Markt für Agrarchemikalien eine führende Rolle spielt. Aventis verabschiedete sich hingegen recht schnell: 2003 reichte man die Agrosparte Crop Science an Bayer weiter. Und schon Mitte 2004, fünf Jahre nach Gründung, ging Aventis in den französischen Arzneimittelhersteller Sanofi-Synthélabo ein.

          Sanofi-Aventis investiert regelmäßig 200 Millionen Euro

          Nun sitzt der neue Pharmariese Sanofi-Aventis zwar in Paris und nicht in Frankfurt - doch bekennt er sich regelmäßig nicht nur mit Worten zum Standort Höchst. In den vergangenen Jahren investierte Sanofi-Aventis regelmäßig um die 200 Millionen Euro im Jahr in seine dortigen Anlagen. So flossen zuletzt allein 150 Millionen Euro in den Bau einer Anlage, in der Pens produziert werden - Geräte, mit denen sich Zuckerkranke ihre Arzneien spritzen können. Gerade hat Sanofi-Aventis mitgeteilt, weitere 23 Millionen Euro in den Ausbau der Fertigung des noch zu Seiferts Hoechster Zeiten entwickelten Langzeitinsulins Lantus und der Pens zu stecken. Für 30 Millionen Euro will Sanofi-Aventis eine Zellkulturanlage für die Produktion monoklonaler Antikörper für die klinische Entwicklung aufbauen. Ein weiteres Beispiel für die Perspektiven, die der Standort Höchst auf diesem Sektor nach wie vor besitzt.

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